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Olaf Scholz und die Wahl in Hamburg Der Super-Hanseat im Glück


Scholzomat? Von wegen. Wenige Tage vor der Wahl erlebt Hamburg derzeit eine regelrechte Scholzomanie: SPD-Spitzenkandidat Olaf Scholz verzwergt die CDU und lässt die Grünen zittern. Ein Siegerporträt.
Von Florian Güßgen

Es war nicht seine Zeit. Im März 2004 war Olaf Scholz ganz unten. Knapp ein Jahr lang hatte er die Agenda 2010 verteidigt. In den Gremien, in den Käffern, bei "Christiansen". Er hatte den Kopf hingehalten für Gerhard Schröder. Das war sein Job. Er war Generalsekretär. Zur Belohnung tauften sie ihn "Scholzomat". Der Olaf sei ein Apparatschik, ohne Herz für die blutende Seele der Genossen, hieß es. Dann übernahm Franz Müntefering die Partei, Scholz ging. "Du bist noch jung", rief Müntefering ihm hinterher. "Es wird sich noch etwas ergeben."

Es hat sich etwas ergeben. Vieles. Alles.

Im Februar 2011 ist Scholz ganz oben. Am Sonntag wählt in Hamburg. Und es ist seine Zeit, sein Wahlkampf. Denn schon lange ist klar: Für Rot-Grün reicht es locker, vielleicht sogar für die SPD alleine. Politische Wellness pur. Scholz holt zurück, was Dandy Ole von Beust den Genossen 2001 geraubt hatte: die Macht in Hamburg. Er ist Olaf, der Zurückeroberer.

"Ich möchte gar nicht anders sein"

Ausgerechnet Scholz. Kein charismatischer, mitreißender Politiker, kein charmanter Sonnyboy. Sondern Scholz. Ein hochintelligenter Aktenfresser, kompetent, glaubwürdig und ätzend sarkastisch, das ja, aber unnahbar, spröde, sachlich, eine Spaßbremse, eine Art Steinbrück II minus Witz. Aber was früher sein Handicap war, ist nun sein großes Plus: alle wollen jetzt unbedingt einen wie ihn, Scholzomanie statt Scholzomat. Die Umfragen? Ein Traum. Die Medien? Handzahm, niemand, der nicht in Nüchternheits-Euphorie verfiele.

Die Wahlkampfstrategie ist dabei denkbar einfach. Scholz, in jungen Jahren Stamokap-Juso, gibt den ehrbaren Hanseaten, den Wirtschaftsmann, den pragmatischen Sozialdemokraten. Wie früher Klaus von Dohnanyi. Wie Henning Voscherau. Klare Kante, lautet die Devise, "Klarheit, Vernunft, Verantwortung" lautet Scholzens Wahlkampf-Credo. Auf allen Kanälen verkündet er seine Botschaft. Immer noch roboterhaft zwar, aber was soll's? Er ist sich treu. Hamburger schätzten nun einmal Sachlichkeit, sagt er. Und, kokett: "Ich möchte gar nicht anders sein." Muss er ja auch nicht - selbst wenn seine Leute es manchmal übertreiben. Auf einem seiner Großplakate guckt Scholz so entrückt am Schriftzug "Verantwortung" vorbei wie E.T. weiland ins All. Das ist nicht hanseatisch, das ist komisch.

Dass Scholz Erster Bürgermeister kann, daran zweifelt niemand, zuletzt er selbst. Er hat die ganz große Ochsentour hinter sich. Er kennt die Stadt, die Partei, daheim und Berlin, kennt alle politischen Tricks und Finten. Und er kann regieren. In Hamburg war er mal kurz Innensenator, aber spätestens als Arbeitsminister hat er's allen gezeigt: Kurzarbeit, die deutsche Antwort auf die globale Finanzkrise, das war sein Meisterwerk.

Verbindlich, zuverlässig sei er stets gewesen, kein Quacksalber, heißt es in Berlin. Er gilt als kompromissfähig. Parteiintern hat er sich nie offen zu einem Lager bekannt, nicht zur Linken, nicht zu den konservativen "Seeheimern", nicht zum pragmatischen Karrieristen-Treff der "Netzwerker". "Auf sein Wort kann man sich absolut verlassen", lobt Agenda-Gegner Ottmar Schreiner. Mit CDU-Granden wie Norbert Röttgen, Volker Kauder und Thomas de Maizière duzt er sich.

Und dennoch. Die Jahre hätten ihn lockerer gemacht, heißt es. Seinen bisweilen durchblitzenden Hochmut hat Scholz nun zumeist im Griff, seine arrogant wirkende Ungeduld mit Langsamdenkern. Und er sieht besser aus als früher. In der Hochphase des Agenda-Streits war Scholz feist geworden, hatte einen Bauchansatz, die Hemden spannten. Er joggte mehr, verzichtete zeitweise auf Alkohol, nahm ab. 15, 16, 17 Kilos. Das macht was aus, das macht was her. Sein Gesicht ist schmaler. Die unvorteilhaften Rudimentärreste von Deckhaarbüscheln sind weg. Scholz trägt nun einen ehrlichen Kurzhaarschnitt - und zumeist elegante, dunkelblaue Anzüge. Das sieht nach Alphamännchentuch aus, nicht nach Sozenstoff. Weitere Insignien der Macht vervollständigen den souveränen Auftritt: Weil zwei, drei Leibwächter um ihn herumschwirren, hat Scholz schon jetzt etwas Staatsmännisches. Selbst sein Privatauto ist typgerecht. Scholz fährt einen BMW X1, eine Art hoch gelegten Kombi. Praktisch, schon elegant, aber ohne Protz.

Dabei hätte auch alles anders kommen können, Berlin statt Hamburg. 2009, nach der SPD-Pleite bei der Bundestagswahl, galt Scholz als heißer Kandidat für den Fraktionsvorsitz im Bundestag. Auch privat hätte ihm das gut in den Kram gepasst: Seine Frau Britta Ernst, eine Parteiliebe, hätte dann freie Fahrt für einen Regierungsposten im Hamburger Senat gehabt. Unter einem Ersten Bürgermeister Scholz ist ihr dieser Weg wohl versperrt.

Ahlhaus ist ein erbärmlich schwacher Gegner

Aber aus dem Karrieresprung wurde nichts. Zu schnell forderte Frank-Walter Steinmeier den Posten ein. Scholz behielt sein Bundestagsmandat, aber konzentrierte sich auf die Heimat. An der Elbe brauchte die SPD einen starken Mann. Einen wie ihn. Die Partei war zu einer Schlangengrube verkommen. Zerstritten, gelähmt, bisweilen sogar kriminell. Lange hatte Scholz hier nur die Strippen gezogen, 2008 etwa dafür gesorgt, dass der chancenlose Schöngeist Michael Naumann als namhafter Zählkandidat gegen von Beust antrat. Im November 2009 übernahm er dann selbst den Vorsitz, räumte auf - und formte die Scholz-Partei.

Und dann wartete er. Darauf, dass sich das bundesweit erste schwarz-grüne Bündnis selbst zerlegte. Von Beust hatte der Elb-CDU einen liberal-großstädtischen Anstrich verpasst. Die Wähler mochten ihn, verziehen im die Schill-Affäre und wagten sogar das schwarz-grüne Experiment. Doch als die groß angekündigte Schulreform bei einer Volksabstimmung scheiterte, machte sich von Beust reichlich schäbig aus dem Staub. Zurück blieb ein neuer, junger Bürgermeister, der unglaublich alt und altbacken daherkommt: Christoph Ahlhaus , ein tapsiger Mann, Typ ungelenker Sparkassendirektor, der noch dazu aus Heidelberg stammt. Und zurück blieb auch eine Riege von schwachen oder angeschlagenen CDU-Senatoren. Ende November gaben die Grünen der Koalition den Gnadenschuss.

Seither ist Scholz am Zug. Er hat leichtes Spiel. Es ist eine Personenwahl, Ahlhaus ein erbärmlich schwacher Gegner - davon konnte man sich zuletzt am Mittwochabend beim zweiten TV-Duell der beiden überzeugen - und die CDU in einem lausigen Zustand. Scholz nutzt das, zielt mit einer No-Bull-Shit-Politik direkt auf CDU- und FDP-Wähler. Klarheit. Vernunft. Verantwortung. Konkret heißt das: Die Schulden der Stadt sollen runter, ab 2020 sollen keine neuen gemacht werden. Pro Jahr will Scholz die Betriebsausgaben höchstens um ein Prozent steigen lassen. Dazu will er sparen. Bei der sündhaft teuren Elbphilharmonie gibt's zwar kein Zurück. Dafür will er das grüne Projekt einer Stadtbahn killen und bei den Behörden knapsen. Wenn Geld ausgegeben werden soll, will er sofort klären, wo es an anderer Stelle eingespart werden kann. Das Vorbild heißt Bill Clinton. Scholz verspricht mehr Polizeianwärter, das Ende der Studiengebühren in Hamburg und die Einführung einer fünfstündigen, kostenlosen Kita-Betreuung. Er sagt, das alles koste 200 Millionen Euro, die CDU behauptet, die wahren Kosten lägen eher bei 600 bis 700 Millionen Euro. Ein Grüner verglich Scholz wegen seiner Versprechen mit der Schlange Kaa aus dem Dschungelbuch. "Vertrau' mir, glaube mir", laute das Motto. Scholz weiß, dass er im Wort steht.

"Eine Regierung ist keine WG"

Um Bürgernähe zu demonstrieren, tingelt Scholz seit Wochen abends durch Hamburgs Wahlbezirke, ist mal Redner in den Katakomben des St. Pauli Stadions am Millerntor, mal im Problemviertel Wilhelmsburg, mal in seinem Wahlkreis Altona. Er trifft da auch auf die Dittsche-Fraktion unter den Bürgern, die einfachen Leute, so ganz andere Typen, als er einer ist. Aber selbst, wenn ihm die geballte Emotion des kleinen Mannes entgegen schlägt, bleibt Scholz souverän. Er spricht leise, antwortet entschieden, konzentriert. Aber, und das ist auffällig, er biedert sich nicht an. Ich rede euch nicht nach dem Mund, lautet die Botschaft: aber was ich sage, darauf könnt ihr euch verlassen. Das kommt an.

Den Grünen dürfte Scholz mittlerweile unheimlich sein. Klar, er will mit ihnen koalieren. Aber eine Sonderbehandlung gibt's nicht. Denkste. Im Gegenteil. Die Grünen seien eine eigenständige Partei, nicht "Fleisch vom Fleische der SPD", behauptet er. Auf dieser Basis könne man nun etwas gelassener zusammenarbeiten als früher, sagt Scholz. Was das heißt? "Rot-grüne Bündnisse haben zumeist nicht lange gehalten", analysiert Demoskop und Forsa-Chef Manfred Güllner. "Gerhard Schröder hat sein Bündnis mit den Grünen in Niedersachsen als Ministerpräsident nur überlebt, weil er sie entsprechend geknechtet hat."

Scholz scheint diese Lehre schon vorab zu beherzigen. Einer rot-grünen Koalitionsromantik verweigert er sich demonstrativ. Stattdessen gibt's klare Ansagen. "Eine Regierung ist keine WG", sagt er. Schon vor dem Wahltag hat er die Ökos dicke Kröten schlucken lassen: Die seit Jahren umstrittene Elbvertiefung? Muss kommen. Der neue Wirtschaftssenator? Wird Frank Horch, Manager bei Blohm und Voss und bis vor kurzem Präsident der Hamburger Handelskammer. Ausgerechnet Horch hatten die Grünen blockiert, als die CDU ihn holen wollte. Basta-Politik auf Hanseatisch. Wenn es für die Grünen ganz dick kommt, die FDP den Einzug ins Parlament verpasst, fährt Scholz sogar noch eine absolute Mehrheit ein. Dann wäre er auch noch Olaf, der Terminator. Einer sozialliberalen Koalition hat er indes eine eindeutige Absage erteilt.

Für Scholz wird der Sonntagabend so oder so zum Triumphzug. Viel falsch machen kann er nicht mehr. Er wird gewinnen, haushoch. Von Hamburg geht ein Signal für das Land aus, werden die Berliner Genossen jubeln - auch wenn sie wissen, dass genau das Quatsch ist, weil Hamburg diesmal nichts mit dem Bund zu tun hat. Und Scholz wird für eine Weile der Star dieser Partei sein, für noch höhere Aufgaben, sogar fürs Kanzleramt, gehandelt werden. Scholz selbst winkt kokett ab. Er wolle in vier Jahren wieder gewählt werden, sagt er, als Erster Bürgermeister.

Aber, hey, Scholz ist immer noch recht jung. 52. Da kann sich auch später noch etwas ergeben.


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