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"Sieben Leben": Will Smith in der Hollywood-Falle

In dem Schuld-und-Sühne-Drama "Sieben Leben" verausgabt sich Hollywoods größter Kassenmagnet mit aller Macht als Charakterdarsteller. Doch will sein Publikum das gar nicht sehen. Der verzweifelte Kampf um das Image des Will Smith.

Von Sophie Albers

Seien wir mal ehrlich: Ohne Will Smith hätte dieser Film keine Chance. Er würde untergehen im Meer der ambitionierten, aber erfolglosen Leinwand-Experimente. Wegsortiert ins Regal der vergessenen Filmproduktionen, verstaubt in der Videothek. Doch weil eben der erfolgreichste Superstar Hollywoods die Hauptrolle spielt, muss die Filmwelt darüber reden. Und Smith verlässt sich darauf. Allerdings ohne den erhofften Erfolg.

Kassenmagnet Smith, Independentfilm-Schönheit Rosario Dawson ("Death Proof") und der italienische Regisseur Gabriele Muccino ("The Pursuit of Happyness") sind angetreten, um ihren Film "Sieben Leben" in Berlin vorzustellen. Das Werk ist so seltsam wie die Teamzusammenstellung. Und Smith darin so düster wie nie zuvor. Im Interview kratzt der offenbar zweifelnde Superstar dann sogar ein bisschen an der spiegelglatten Oberfläche seines Erfolges.

"Sieben Leben" ist ein Experiment

Doch zunächst zum Film: Ein ausgezehrter Smith spielt einen Steuereintreiber, der Menschen auf ihre wahre Größe testet. Wer ein guter Mensch ist, bekommt Aufschub. Sieben Leben will der schwer besorgt dreinschauende Mann mit Einfluss ändern. Seine Motive sind dabei äußerst fragwürdig. Mehr zu verraten, würde den Kinobesuch überflüssig machen.

"Sieben Leben" kann man nur ein Mal sehen. Es ist ein Kinoexperiment. Da sind sich Smith und Muccino einig. Und was für eins. In der Geschichte geht es um Manipulation, Moral und Glaubensfragen, in deren Rezeption auch noch um die Funktionsweise Hollywoods. Denn während Will Smith zum Interview Platz nimmt, scheint er bereits zu wissen, dass dieser Film nicht der übliche "Big Willie"-Kassenerfolg wird. Obwohl er es natürlich hofft. Er sei in seine eigene Falle getappt, sagt Smith im Gespräch mit stern.de und lacht ungewohnt leise. "Die Leute gehen von der Aussage aus, dass gut ist, was Will tut." Die können mit düsteren Tragöden wenig anfangen. Das hätte er wissen müssen, vervollständigt man seinen Satz. Schließlich hat kein Schauspieler je so pragmatisch und durchgeplant Karriere gemacht wie er. Wenn man der Legende glaubt, die er selbst verbreitet.

Ende der 80er stand der Sohn eines Kühlschrank-Reparateurs und einer Verwaltungsangestellten aus Philadelphia vor dem Bankrott. Er hatte zwar eine steile Karriere als familienfreundlicher Rapper hingelegt, doch hatte sich der Fresh Prince nicht um die Steuern gekümmert. Zu seinem Glück fiel just in diese Zeit sein Erfolg als Held der TV-Serie "Der Prinz von Bel-Air". Damals habe er beschlossen, der größte Filmstar der Welt zu werden. Also habe er Kinohits untersucht: "Von den zehn erfolgreichsten Filmen aller Zeiten waren in zehn Spezialeffekte oder Animationen zu sehen. In neun Spezialeffekte und animierte Ungeheuer. In acht Spezialeffekte, animierte Ungeheuer und eine Liebesgeschichte. Also haben wir 'Independence Day' gemacht", beschreibt Smith seinen Weg. "Wenn du das Muster erkennst, sorge dafür, dass du zur richtigen Zeit am richtigen Ort bist."

Das Smith'sche Kalkül

Ob nun Mustererkennung oder Glück, für Smith begann ein märchenhafter Aufstieg in Hollywoods A-Liga: Auf "Independence Day" folgten Kinokassenknüller wie "Men in Black", "Staatsfeind Nummer eins", "Men in Black II", "Bad Boys II", "I, Robot", "Hitch - Der Datedoktor", "Pursuit of Happyness", "I am Legend", "Hancock". Smith ist der einzige Schauspieler, der jemals in acht aufeinanderfolgenden Filmen die Hauptrolle spielte, die die US-Film-Hitparade anführten.

Doch während sich der mittlerweile 40-jährige lachend und johlend an seinem Image des schlagkräftigen Witzbolds dumm und dusselig verdient, eine Musterehe mit der Schauspielerin Jada Pinkett führt und anders als sein Kollege und Freund Tom Cruise immer wieder am Scientology-Verdacht vorbeischlittert, scheint er eigentlich einen ganz anderen Plan zu verfolgen: den, ein ernstzunehmender Charakterdarsteller zu sein.

Der wahre Will

Von Beginn seiner Karriere an war Smith immer auch als solcher zu sehen: 1993 in dem brillanten Sozialdrama "Das Leben - Ein Sechserpack" mit Stockard Channing und Donald Sutherland. 2000 in Robert Redfords "Die Legende von Bagger Vance" neben Matt Damon und Charlize Theron. Und 2001 in Michael Manns Muhammad-Ali-Biopic "Ali". Den Filmen ist gemeinsam, dass sie an der Kinokasse für Will-Smith-Verhältnisse allesamt versagten. Sie spielten gerademal einen Bruchteil des Ergebnisses der Smith'schen Lachnummern ein. Jedes Mal wieder, egal, wie sehr die Kritik die Schauspielkunst auch lobte. Das ist eine herbe Enttäuschung für den erfolgsverwöhnten Smith, der immer wieder betont, sich "persönlich eher in dramatischen Rollen zu gefallen".

Doch wie soll der König der Leichtigkeit, der Feel-good-Actionstar und ewig lachende Schönling sein Publikum vom Genrewechsel überzeugen? Und wie seine Arbeitgeber dazu kriegen, auf eine wandelnde Gelddruckmaschine zu verzichten? Das scheint auch Smith sich zu fragen, der im Interview sofort auf schnelle Lacher ausweicht, wenn seine Intellektualität aufzufallen droht. Niemand kann wohl so schnell von Ausführungen zur Erzähltheorie zu Gags über Schwanzgrößen wechseln.

"Er ist ein großes Spielzeug"

Gabriele Muccino, Regisseur von "Sieben Leben", sagt, der Film sei ein Experiment gewesen, für ihn selbst und auch für Smith. "Ich habe das Gefühl, mit einem sehr großen Spielzeug zu spielen, und ich kann es kaputt machen", so der Filmemacher im Gespräch mit stern.de. "Aber ich kann ja immer noch nach Italien zurückgehen." Und Smith?

Nach der kleinen Tour de Force des Melancholikers, der den Komödianten gibt, der einen Melancholiker spielt, beendet Smith das Gespräch auf dem sicheren Terrain seines milliarden-vergoldeten Lachens, und dabei scheint er gleichzeitig vom Film und der eigenen Karriere zu sprechen: "Auch ein Ende, das nicht deinen Vorstellungen entspricht, ist von Wert." Sein glattes Gesicht verzieht sich zum Lachen, das plötzlich einer Grimasse gleicht: "Wenn es nicht funktioniert, mach' ich wieder Tanzeinlagen."

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