HOME

"Sommer vorm Balkon": Kleine Großstadtkomödie mit Berliner Schnauze

Zwei Frauen und ein Balkon - dazu noch die eine oder ander Schauspieler-Type in der Nebenrolle, mehr braucht Regisseur Andreas Dresen nicht, um ein großes Filmjuwel zu schaffen. Nadja Uhl und Inka Friedrich spielen die Hauptrollen in "Sommer vorm Balkon".

Vielleicht ist dieser Film so schön, weil er so ist wie das Leben: mal wunderbar bunt, mal traurig und dann wieder komisch oder einfach nur alltäglich. In "Sommer vorm Balkon" erzählt Regisseur Andreas Dresen ("Halbe Treppe", "Willenbrock") Geschichten aus dem Berliner Szene-Bezirk Prenzlauer Berg. Der große Charme liegt in liebevoll gezeichneten Hauptfiguren, die das pralle Berliner Leben auf die Leinwand holen: Die resolute Altenpflegerin Nike, die allein erziehende Mutter Katrin oder den Lkw-Fahrer Ronald, der einmal kurz darüber nachdenkt, ob Liebe mehr sein kann als Sex.

Vielleicht ist dieser Film auch so schön, weil sich wohl jeder Betrachter darin wiederfinden kann. Es geht ums Durchkommen im Alltag, um Träume, Enttäuschungen oder um Zuneigung und Einsamkeit bei Jung und Alt. Kinogänger haben bisher immer an den gleichen Stellen gelacht, ob nun bei Filmfesten in Toronto, Paris oder San Sebastian, sagt Andreas Dresen. "Sommer vorm Balkon" ist ein Großstadtfilm, dem sein Berliner Lokalkolorit zusätzlichen Schwung verleiht. Doch niemand muss Berliner sein, um Witz oder Tragik zu verstehen, die der Regisseur wie schon bei seinem Überraschungserfolg "Halbe Treppe" meisterlich zu koppeln versteht.

Leichte Dialoge mit Berliner Schnauze

In Dresens neuem Spielfilm gibt es kuschelige Frauen- Zweckgemeinschaften, die so lange Bestand haben, bis ein Mann auftaucht. Es gibt knallharte Bewerbungstrainer, die aus niedergeschlagenen Arbeitslosen keine selbstbewussten Menschen machen können. Es gibt Männer wie Ronald, die sich auf der Karriereleiter sehen, wenn sie Computer ausliefern - und vorher Teppiche transportierten. Und es gibt diese wunderbaren Dialoge aus der Feder Wolfgang Kohlhaases, die viele Dinge nach Berliner Art sehr direkt auf den Punkt bringen.

Ist Liebe nur eine chemische Prozesskette im Hirn?

Im Mittelpunkt steht Altenpflegerin Nike (Nadja Uhl), die sich mehr Zeit für ihre Senioren nimmt als im Vertrag festgeschrieben. Ihr Rückzugsort ist ihr Balkon, den sie an lauen Sommerabenden mit Nachbarin Katrin (Inka Friedrich) teilt. Dort fragen sich die quirlige Single-Frau und die melancholische Mutter, ob Liebe mehr ist als eine chemische Prozesskette im Hirn. In ihrem sicheren Nest hoch über der Straße glauben sie für einen Moment über den Dingen zu schweben - und sitzen doch mittendrin im Chaos ihres Lebens.

Einfühlsames Einfangen der Charaktere mit der Kamera

Nach einer Balkonnacht wünscht Katrin ihrem Ex-Mann am Telefon alle unentdeckten Krankheiten zum Geburtstag und trinkt mehr als ihr gut tut. Nike trifft auf den coolen Ronald (Andreas Schmidt), der in ihren Augen alles erst richtig macht, dann aber leider alles falsch. Dazwischen beobachtet die Kamera das leise Werben von Katrins Sohn Max um seine erste große Flamme und die Traurigkeit der Alten, für die Liebe nur noch Erinnerung ist.

Die Suche der Großstädter nach dem kleinen Glück

Auf den zweiten Blick wirkt Dresens Film wie eine Fortschreibung des DEFA-Erfolgs "Solo Sunny" aus dem Jahr 1979. Im Prenzlauer Berg schlagen sich viele Berliner weiterhin mit ihrem ganz eigenen Glücksanspruch durch. Sie leben noch immer mit ihrer Straße - in einer neuen Zeit und in einem anderen Land. Dass sie Vieles hinter sich gelassen haben, mehr als ihre Jobs, tritt eher beiläufig zu Tage. Verletzlichkeit und Dünnhäutigkeit verbergen Menschen wie Nike und Roland hinter einer harten Schale und schnoddrigen Sprache.

Großartige Regieleistung von Andreas Dresen

Andreas Dresen meint: "Es gibt sie noch, die Nähe und Fürsorge füreinander" - wenn auch nur punktuell. Er mag eine Szene in der Eckkneipe ganz besonders. Den Moment, in dem die Kellnerin der Trinkerin Kaffee statt Schnaps hinstellt. "Sie müsste das nicht machen." Viele Charaktere in seinem Film machen mehr als sie müssten. Nur das Glück können sie nicht festhalten. Auch das ist "punktuell".

Ulrike von Leszczynski/DPA / DPA