"Sprich mit ihr" Komatöse Liebesgeschichten


Von dem spanischen Filmemacher Pedro Almodóvar ist man schrille Filme gewohnt. In "Sprich mit ihr" erzählt er in sanften, warmen Tönen von der bizarren Liebesgeschichte zweier Paare.

Die großen, beglückenden Filme dieses Jahres stammen nicht aus Hollywood, sondern aus Europa. Nach den »Acht Frauen« des jungen Franzosen Francois Ozon kommt nun das neue Meisterwerk des 51-jährigen Spaniers Pedro Almodóvar unter dem Titel »Sprich mit ihr« in die deutschen Kinos. Das bewegende Melodram erzählt von zwei ungewöhnlichen Paaren, vier Schicksalen, der Tragik der Liebe und dokumentiert die gereifte Könnerschaft Almodóvars, der wie stets für Drehbuch und Regie verantwortlich zeichnet.

Im Mittelpunkt der Handlung steht der Krankenpfleger Benigno, ein freundlicher junger Mann, der seit Jahren sein Leben fast ausschließlich der Betreuung einer im Koma befindlichen Schönheit gewidmet hat. Es ist die Tanzschülerin Alicia, der Benigno noch wenige Tage vor ihrem verhängnisvollen Unfall begegnet war und in die er sich prompt unsterblich verliebt hatte. Nun umsorgt er die Hilflose mit anrührender Hingabe. Vor allem aber spricht er zu ihr, als könne, ja müsse sie ihn verstehen und irgendwann einmal, geweckt von seinen Erzählungen, aus ihrem unseligen Schlaf erwachen.

Girlfriends in a Coma

Ein ganz anderes Paar sind der Journalist Marco und die Stierkämpferin Lydia. Marco verliebt sich in die herbe Frau, deren Leidenschaft ihn fasziniert. Doch die todesmutige Lydia wird bei einem Kampf lebensgefährlich verletzt und fällt ebenfalls ins Koma. So lernen sich Benigno und der Journalist, der nun am Bett der Matadorin bangt, kennen. Beide sind der jeweiligen Geliebten ganz nah und doch auch ganz fern. Ein seltsames Kinoerlebnis des Krankenpflegers, das er - von Almodóvar grandios und umwerfend originell ins Szene gesetzt - Alicia erzählt, hat schicksalhafte Folgen.

Von denen erfährt Marco, der inzwischen seinen Platz für Lydias nie ganz aufgegebenen Liebhaber El Nino geräumt hat und auf Reisen ist, wie auch vom Ableben der Stierkämpferin. Doch das erschüttert ihn nicht so sehr wie die Nachricht, dass Benigno in Haft ist, weil er die komatöse Alicia vergewaltigt haben soll. Tatsächlich ist diese schwanger, ein unerhörter Vorfall, und kein anderer gerät sofort unter Verdacht als Benigno, der doch den meisten als homosexuelles Muttersöhnchen galt. Marco will dem Verhafteten helfen und kehrt nach Spanien zurück.

Licht am Ende des Tunnels

Dort hat sich ein tragisches Wunder ereignet: Alicia hat ein totes Kind geboren, ist aber vom Geburtsschock aus dem Koma erwacht. Es ist nicht die letzte Pointe in diesem Film. Denn an dessen Ende kann der Zuschauer das Kino in der Hoffnung verlassen, vielleicht den Anfang einer neuen Liebe zwischen den zwei Überlebenden der beiden verhinderten Paare erlebt zu haben.

Pedro Almodóvar, der als Exzentriker seine Karriere begann, ist zu einem bedeutenden Filmemacher unserer Zeit gereift. Seine Heimat hat in ihm einen künstlerischen Botschafter von Rang im populärsten Medium.

Der deutsche Film verfügt über viel mehr Geld als der spanische, doch einen wie Almodóvar gibt es hier nicht. Es ist immerhin tröstlich, dass sich der Spanier in den wunderbaren Anfangsszenen seines neuen Werks vor der Tanzkunst Pina Bauschs verneigt, der er einen großen Auftritt gönnt, der zugleich der ungewöhnliche Eintritt in ein Kinoerlebnis ist, das nachwirkt und bereichert.


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