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"The Look": Zwischen Distanz und Preisgabe

Wer Charlotte Rampling begegnet, wird schnell in ihren Bann gezogen. Mit 65 Jahren wirkt sie sehr jugendlich. Besonders beeindruckt ihr unprätentiöses und selbstbewusstes Auftreten. Eine Frau, die unbeirrt ihren Weg geht, wie die Dokumentar-Biografie "The Look" zeigt.

Charlotte Rampling ist eine schöne Frau. Ohne Botox und andere künstliche Eingriffe. Das hat die 65-Jährige auch nicht nötig, denn was die Jahre an Spuren hinterlassen haben, macht sie durch Ausstrahlung und Charakter wieder wett. "Wenn man an seiner inneren Schönheit gearbeitet hat, bleibt man schön, nur auf eine andere Art und Weise", sagt sie. Schon 1966 hat sie mit Filmen wie "Georgy Girl" vielen Männern den Kopf verdreht, bevor sie ein paar Jahre später zu ernsteren Rollen wechselte. Seitdem hat die Arbeit an den inneren Werten Rampling durchaus erfüllt, wie auch die biografische Dokumentation "The Look" zeigt.

Sehr persönlich sind die Einblicke, die Rampling in den Gesprächen mit ihren Freunden gewährt, bei denen die Kamera unaufdringlich immer dabei war. Etwa wenn die gebürtige Britin mit dem Star-Fotografen Peter Lindbergh über Preisgabe redet. Für die Schauspielerin kein leichtes Thema, war es ihr doch zu Beginn ihrer Karriere eher unangenehm, in aller Öffentlichkeit so viel von sich bloßzulegen.

"In meinem Beruf geht es darum, sich selbst preiszugeben, von anderen angeguckt zu werden, von Kameras und Gesichtern", sagt die Frau mit der trotzig-eigenwilligen Schönheit im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa und anderen Journalisten. Sie beschreibt die ständige Preisgabe auch ihrer Gefühle als Bestie. "Es verschlingt einen regelrecht", vertraut sie im Film Peter Lindbergh an. Doch an Flucht dachte sie nicht, im Gegenteil. "Ich fürchte mich vor Bloßstellung. Aber gerade deshalb muss ich mich dieser Angst stellen, man muss sich mit seiner Angst auseinandersetzen. So kann man sich selbst erfahren und so wird man auch mutiger."

Kinotrailer: "Charlotte Rampling - The Look"

Sie verleiht ihren Figuren etwas Geheimnisvolles

Wenn Rampling von Dingen wie Mut redet, wirkt sie diszipliniert. Vielleicht ein Erbe ihres Vaters, der Berufsoffizier und Colonel war und mit seiner Familie auf verschiedenen Nato-Stützpunkten in Europa lebte. Seiner Tochter Charlotte ermöglichte er den Besuch exklusiver Schulen, wo sie auch mit dem Theaterspielen anfing. Sie spielte in bekannten Filmen, etwa Woody Allens "Stardust Memories" oder in "Farewell, My Lovely" von Robert Mitchum. Später entdeckte der französische Regisseur François Ozon sie und engagierte sie unter anderem für "Sous le sable" (Unter dem Sand) und "Swimming Pool".

Wie viel Kraft Rampling aufgewendet hat, um zu einer starken Frau heranzureifen, wird deutlich, wenn man von ihren Kämpfen weiß. 1967 durchlebte sie eine Lebenskrise und flüchtete in ein buddhistisches Kloster. In den 1990er Jahren machten ihr Depressionen zu schaffen. Erfahrungen, die sie im Film im Gespräch mit dem Lyriker Frederick Seidel als "Dämonen" beschreibt - unheimliche, unsichtbare Kräfte, die im Inneren die Kontrolle über einen Menschen übernehmen.

Und so wahrt Charlotte Rampling immer auch Distanz, Unnahbarkeit, und verleiht ihren Figuren so etwas Geheimnisvolles, wie auch in dem Film "Die Mühle und das Kreuz" von Lech Majewski. Die Figuren des Gemäldes "Die Kreuztragung Christi" von Pieter Bruegel dem Älteren werden darin zum Leben erweckt. Verschrobene flandrische Gestalten mit wenigen Worten, aber umso mehr Ausdruck. Rampling ist die Jungfrau Maria, die die Trauer über den Tod ihres Sohnes Jesus mit Würde trägt. Umso erschütternder ist die Verlassenheit, in der sie und die anderen ihr Schicksal erdulden.

Im realen Leben differenziert Rampling genau zwischen Alleinsein und Einsamkeit. "Ich lebe in Abgeschiedenheit, das bin ich", sagt sie von sich selbst. "Der Mann, mit dem ich zusammenlebe, ist auch so wie ich. Wir leben also beide in dem Wissen unserer Zurückgezogenheit. Wir können das nachempfinden, weil wir es beide kennen."

Cordula Dieckmann, DPA / DPA