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"Tsotsi": Der Gangster und das Baby

Der südafrikanische Oscar-gekrönte Film "Tsotsi" erzählt eine harte und brutale Geschichte. Im Mittelpunkt steht ein junger Bandenführer, der ein Auto stiehlt, in dem ein Baby schläft - was sein Leben schlagartig verändert.

Von Carsten Heidböhmer

Tsotsi ist ein richtig übler Typ. Einer, vor dem man Angst haben muss. Sein Name bedeutet soviel wie "Gauner" im Slang seines Township. Und genau da lebt er: in dem berüchtigten Township Soweto am Rande von Johannesburg, in dem der Großteil der armen schwarzen Bevölkerung lebt. Zusammen mit seiner Gang aus Straßenkindern terrorisiert der 19-Jährige seine Umwelt, überfällt hilflose Menschen und versäuft anschließend die Beute in einer der vielen illegalen Schnapsbars.

Alles, was er tut, geschieht bei ihm mit äußerster Härte. Gleich zu Beginn des Filmes ersticht Tsotsi in der U-Bahn kaltblütig einen Mann. Als ein Mitglied seiner Bande es wagt, ihn für diesen Mord zu kritisieren, rastet er aus und schlägt den Freund brutal zusammen. Innerlich aufgewühlt, rennt er in die Nacht hinaus und streunt durch ein nobles Schwarzenviertel, wo sich Südafrikas Wende-Gewinner in schicken Villen hinter Mauern und Alarmanlagen verschanzt haben. Dort schießt er eine Frau vor ihrem Haus nieder und rast mit ihrem BMW davon.

Baby an Bord

Zu spät bemerkt er, dass sich auf dem Rücksitz ein Baby befindet. Tsotsi bringt es nicht über sich, den Kleinen zurückzulassen. So nimmt er den Säugling mit in seine armselige Hütte ins Township. Er erinnert sich seiner eigenen schlimmen Kindheit und der Brutalität seines Vaters. Doch schnell wird der Gangleader vor ungeahnte Probleme gestellt - das fängt schon bei der Ernährungsfrage an. Es sind durchaus komische Situationen, wenn der Brutalo versucht, das hilflose Kind zu füttern. Als er einsieht, dass er alleine nicht klarkommt, macht er eine junge Mutter ausfindig und zwingt sie mit Waffengewalt, das kleine Kind zu stillen.

Neben dem Baby ist Miriam der zweite Einfluss, der Tsotsis altes Leben aus den Bahnen wirft und eine Wandlung in ihm bewirkt: Plötzlich ist er nicht mehr der harte Typ, der er anfangs war: Durch die Beschäftigung mit dem kleinen hilfsbedürftigen Kind lernt er, Gefühle für andere Menschen zu entwickeln. Das führt zu Konflikten mit seiner Gang - die tödlich enden.

Grenzen verlaufen zwischen Arm und Reich

Regisseur Gavin Hood und Autor Athol Fugard zeichnen in "Tsotsi", der den Oscar als bester ausländischer Film gewann, ein facettenreiches Bild des "neuen" Südafrikas, eines Landes, in dem die Grenzen nach dem Ende der Apartheid nicht mehr zwischen Schwarz und Weiß verlaufen, sondern mit der gleichen Unerbittlichkeit zwischen Arm und Reich. Anschaulich zeigt "Tsotsi" den Kontrast zweier Welten: Während die neue schwarze Mittelschicht in prachtvollen Häusern hinter hoch gezogenen Sicherheitszäunen residiert, hausen die Township-Bewohner in düsteren Holzhütten, die in den staubigen, unübersichtlichen Gassen Sowetos eng aneinandergereiht sind.

Der Film nennt die Probleme des Landes beim Namen - von Aids über die Opfer der Apartheid bis zur Ungleichheit als eine Wurzel der Gewalt. Da dies alles geschickt in die Handlung verpackt ist, gleitet die Geschichte nie in Elendspoesie ab. Zusätzliche Authentizität gewinnt "Tsotsi" durch die Besetzung: Das Ensemble um Hauptdarsteller Presley Chweneyagae besteht aus Laientheater-Schauspielern aus Soweto. Musikalisch wird das Ganze zudem von den treibenden "Kwaito"-Beats unterlegt, einer Mischung aus HipHop und afrikanischer Tanzmusik.

Der Realismus des Filmes wird allerdings durch Tsotsis unvermittelte Wandlung konterkariert: Dass der üble Ganove durch den Kontakt zu einem Säugling innerhalb kürzester Zeit Gefühle für andere Menschen entwickelt, ist wenig glaubwürdig. Wer dies als Kitsch abtut, übersieht jedoch die symbolische Dimension der Geschichte: Denn es sollen keine falschen Hoffnungen auf eine schnelle Verbesserung in Südafrika geweckt werden. Aber Wunder wie Besserung eines Menschen durch ein Baby gibt es immer wieder!

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