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Jonassons "Die Analphabetin, die rechnen konnte": Dasselbe geniale Buch, nur ganz anders

"Die Analphabetin, die rechnen konnte" ist das zweite Buch von Jonas Jonasson. Wie auch der "Hundertjährige" ist es ein furioses Schelmenstück voller Menschlichkeit, Witz - und Atombomben.

Von Christoph Fröhlich

Denkt man an schwedische Romanhelden, fallen einem Namen wie Pippi Langstrumpf, Nils Holgersson oder der grüblerische Kommissar Wallander ein - und seit Neuestem auch Allan Karlsson. Jener Hundertjährige, der die Herzen der Welt im Sturm eroberte, weil er die Nase voll hatte von seinem Altenheim, einfach aus dem Fenster kletterte - und verschwand. Mit seinem gleichnamigen Debütroman gelang dem Schweden Jonas Jonasson der internationale Durchbruch: Das Buch erschien in 35 Ländern in 23 Sprachen und stand in Deutschland mehr als zwei Jahre auf den Bestsellerlisten, 46 Wochen davon auf Platz eins. Fünf Millionen Mal ging der "Hundertjährige" weltweit über den Ladentisch, 2,5 Millionen Mal davon in Deutschland.

Nun wagt Jonasson das Comeback: Seit heute steht sein neues Buch "Die Analphabetin, die rechnen konnte" in Deutschlands Buchläden. Die Startauflage beträgt gigantische 800.000 Exemplare, und betrachtet man den Erfolg des Vorgängers, dürfte diese Zahl nicht zu hoch gegriffen sein. Klar ist: Das Buch wird unter zigtausenden Weihnachtsbäumen liegen. Und Jonasson wird die Beschenkten nicht enttäuschen: Die "Analphabetin" ist ähnlich furios und witzig geschrieben wie der "Hundertjährige". Im stern-Gespräch antwortete Jonasson auf die Frage, wie er sein neues Buch beschreiben würde, wie folgt: "Es ist genau wie mein erstes, nur ganz anders."

Die Atombombe und die Putzfrau

Was Jonasson damit meint, zeigt die titelgebende Analphabetin: Ihr Name ist Nombeko Mayeki, sie ist eine junge, schwarze Afrikanerin, aufgewachsen in einem bettelarmen Slum in Soweto. Nombeko arbeitet als Latrinentonnenträgerin, und weil sie zwar nicht lesen, dafür aber umso besser rechnen kann, wird sie mit 14 Jahren zur jüngsten Chefin ihres Bezirks.

Doch Nombeko möchte nicht, dass sich ihr ganzes Leben um Latrinentonnen dreht, also lernt sie lesen und macht sich eines Tages auf den Weg in die Nationalbibliothek von Pretoria. Doch es kommt, wie es in einem Jonasson-Buch kommen muss: Auf nicht einmal halber Strecke wird Nombeko von einem betrunkenen Weißen überfahren, und weil wir im Südafrika der 70er Jahre sind, wird die junge Afrikanerin für schuldig befunden. Ihre Strafe: Sie muss sieben Jahre für den betrunkenen Ingenieur putzen.

Natürlich geht der Wahnsinn hier erst richtig los, denn der alkoholsüchtige Ingenieur ist niemand Geringeres als der Leiter des südafrikanischen Atombombenprojekts. Weil der sich aber eher mit Branntwein als mit Zahlen auskennt, muss Nombeko ihrem neuen Vorgesetzten ständig aus der Patsche helfen. Zur Seite stehen ihr drei Chinesinnen, die auf das Fälschen von Kunstwerken und Vergiften von Hunden spezialisiert sind. Außerdem gibt es noch zwei schwedische Zwillinge namens Holger 1 und Holger 2, zwei Agenten eines weltbekannten Geheimdiensts, die sich von Nombeko auf der Nase herumtanzen lassen, und eine Atombombe in einer Holzkiste, die mit einem Laster durch die schwedische Pampa gefahren wird. Klingt verrückt? Ist es auch. Und das war noch nicht einmal das erste Drittel des Romans.

Einer der größten Erzähler der Gegenwart

Mit der "Analphabetin, die rechnen konnte" beweist Jonasson, dass er einer der großartigsten Erzähler der Gegenwart ist. Ihm gelingt es mit Leichtigkeit, politisch brisante und sensible Inhalte - etwa Rassismus oder das atomare Wettrüsten - in eine haarsträubende und lebensweise Geschichte zu verpacken. Das zweite Buch ist wie auch der "Hundertjährige" eine Mixtur aus Roadmovie, Gesellschaftskritik und Schelmenstück. Das Erzähltempo ist hoch und die Geschichte so irrsinnig, dass sie sich kaum nacherzählen lässt. Dass man den roten Faden trotzdem nicht verliert, liegt an Jonassons klarem, trockenen Erzählstil, der von hintergründigem Witz geprägt ist. Auch im zweiten Buch geht es politisch zu, und wie bei Jonasson nicht anders zu erwarten war, rechnet er gnadenlos und charmant zugleich mit Fundamentalismus jeder Art ab.

"Die Analphabetin, die rechnen konnte" ist das Gute-Laune-Buch für kalte Winterabende mit einer zauberhaften Heldin. Nombeko löst ihre Konflikte stets schlitzohrig und friedfertig und behält selbst in aussichtslosen Situationen einen kühlen Kopf. Äußerlich ist sie das exakte Gegenteil des Hundertjährigen, doch auf eine Weise ähnelt sie ihrem Vorgänger verblüffend: Die junge Afrikanerin legt eine ähnliche Schicksalsergebenheit an den Tag wie Allan Karlsson, der im ersten Buch sagte: "Es ist, wie es ist, und es kommt, wie es kommt." Es ist das prägende Motto der Jonasson-Romane.

Ein wundervolles Buch

Fans des "Hundertjährigen" können bedenkenlos zum neuen Buch greifen und werden nicht enttäuscht sein. Das Überraschungsmoment hat Jonasson dieses Mal aber nicht auf der Seite: Die Geschichte von Allan Karlsson, der wie Forrest Gump durch die Geschichte stolperte, war perfekt inszeniert. Nombekos Geschichte folgt in vieler Hinsicht dem gleichen Muster. Dadurch ist Jonasson erneut ein wundervolles Buch gelungen, voller Tiefsinn und mit demselben frechen Blick auf die Welt - aber ihm fehlt die Originalität des ersten Werks.

"Die Analphabetin, die rechnen konnte" (448 Seiten) erscheint bei carl's books und kostet 19,99 Euro.