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Soweto in Südafrika: Von dem Township zum Trendviertel

Johannesburg, einst Südafrikas Sorgenkind, entwirft sich neu. Die No-go-Areas vibrieren vor Kreativität. Zu den spannenden Viertel gehört Soweto - ein Rundgang durch die Township mit Geschichte.

Von Mirco Lomoth

Schon von weitem leuchten die bunt bemalten Orlando Towers, die über den flachen Township-Häusern aufragen. Die stillgelegten Kühltürme eines Kraftwerks wirken wie Wahrzeichen des neuen Soweto. Seit dem Ende der Apartheid haben sich die eingemeindeten South Western Townships (Soweto) zu einer modernen Großstadt entwickelt. Immer noch leben hier allerdings Menschen ohne Strom in engen Blechhütten und kochen auf übelst riechenden Paraffin-Öfen. Gleichzeitig hat sich aber eine schwarze Mittel- und eine Oberschicht etabliert, die in Villen mit gepflasterten Auffahrten hinter hohen Zäunen lebt.

Häuser von zwei Friedensnobelpreisträgern

Dolly Hlophe trägt eine rosafarbene Mütze und goldene Ohrringe. Sie steht an ihrer Pforte und schaut auf Bougainvilleen und Fuchsien im Vorgarten. Dolly hat ihr Haus zu einer Pension umgebaut. Auf Hausschuhen gleitet sie hinein ins Wohnzimmer, wo Stoffe mit afrikanischen Mustern an der Wand hängen. "Seit der Fußballweltmeisterschaft kommen immer mehr Touristen, sie wollen die Menschen kennenlernen, die hier leben", sagt Dolly Hlophe. "Viele sind überrascht, wie ruhig und sicher es hier ist."

Nur einige hundert Meter von Dollys Pension Dakalo entfernt liegt die Vilakazi Street. Hier stehen die Häuser von gleich zwei Friedensnobelpreisträgern: Nelson Mandela und Erzbischof Desmond Tutu. Das Mandala House, Mandelas rotes Backsteinhäuschen, in dem der kürzlich verstorbene Freiheitskämpfer mit seiner Frau Winnie bis kurz vor seiner Verhaftung 1962 lebte, ist ein kleines persönliches Museum mit originalen Möbelstücken, Auszeichnungen und Fotos an den Wänden. Einschusslöcher zeugen von Übergriffen der Polizei. Die Vilakazi Street ist eine der Attraktionen von Soweto. Touristen schlendern umher, Restaurants bieten deftiges Township-Essen an, Hühnerfüße mit Innereien etwa oder Kuttel-Eintopf.

Klamotten aus Bück-Boutiquen

"Ich bin in Soweto aufgewachsen und werde auch grau hier. Die Menschen leben hier mit ubuntu, sie kümmern sich umeinander", sagt Thandi Gayeka, eine große Frau mit leuchtend farbigem Kleid, die Touristen durch ihren Heimatort führt. Mit ihr fühlen sie sich sicher in den trubeligen Straßen voller fliegender Händler, die an zusammengezimmerten Ständen Hausrat, bunte Kleider und Tücher verkaufen. "Wir nennen sie Bück-Boutiquen", sagt Gayeka, die Händler grüßen sie respektvoll.

Am Busbahnhof beim Baragwanath-Krankenhaus stehen zur Mittagszeit die Taxifahrer Schlange, um noch etwas von den zerhackten Kuhköpfen zu ergattern, die in riesigen, dampfenden Töpfen über Feuertonnen garen. Alte Frauen sitzen hinter ausgebreiteten Tüchern, auf denen verschrumpelte mopane-Würmer liegen, imphepho-Gras gegen böse Geister oder umqhele, die Kopfbänder verheirateter Zulu-Männer aus hellem Springbockfell.

Erinnerungen an den Soweto-Aufstand

Durch die niedrige Eingangstür des Hector-Pieterson-Museums betritt man die Vergangenheit von Soweto, die Zeit der Apartheid, als die South Western Townships ein staubiger Ort mit tristen Häuserreihen für schwarze Arbeiter waren und hunderte Schüler erschossen wurden, die sich gegen die rassistische Bildungspolitik der Weißen auflehnten. Fotos zeigen demonstrierende Jugendliche, Zeitzeugen berichten vor der Kamera mit zittriger Stimme, im Innenhof des Museums liegen polierte rote Steine auf einem Kiesbett - die Namen der Ermordeten sind darauf graviert.

Draußen, am Hector-Pieterson-Mahnmal, stehen vier Mädchen in bunt gestreiften Pullovern vor dem großen Schwarz-weiß-Foto, das damals um die Welt ging und zum Symbol des Soweto-Aufstands vom 16. Juni 1976 wurde: Leblos liegt Hector in den Armen eines Mitdemonstranten, der vor der Polizei davonrennt. Wasser läuft über roten Stein.

Noch eine Weile schauen die vier nachdenklich auf das Bild; das ermordete Kind war gerade mal 12 Jahre alt, kaum älter als sie. Dann gehen sie fort, zurück ins neue Soweto.

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