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»VÄTER«: Papa ohne Liebling

Es kommt in den besten Familien vor: Der Film »Väter« mit Maria Schrader und Sebastian Blomberg erzählt vom Desaster einer Trennung.

Die beiden sitzen am Lagerfeuer. Der Vater versucht seinem Sohn zu er klären, weshalb er ihn entführt hat. Vater: »Das hier sind die Tage, die vergangen sind, seit Mama und du von zu Hause ausgezogen seid.« Sagt's und legt viele Steinchen auf einen Haufen. »Und das hier sind die Tage, die ich dich seitdem gesehen habe.« Und legt ein paar andere Steine zu einem kümmerlichen Häufchen. »Fällt dir was auf?«

Sohn: »Mama hat mehr Steine.«

Das ist der stärkste, schönste Moment in Dani Levys Film »Väter«. Es geht um eine Familie, die auseinander bricht. Frau trennt sich von Mann. Das Kind steht dazwischen. Das war's, in aller Schlichtheit. Eigentlich kein Stoff für einen Kinofilm. Kino muss »bigger than life« sein, heißt es doch. »Väter« ist genau das nicht. Er ist genauso groß wie das Leben.

Erzählt wird, der Vergleich ist unvermeidlich, eine Art »Kramer gegen Kramer« auf Deutsch: Marco Krieger (Sebastian Blomberg), ein Berliner Architekt Anfang dreißig, hat einen 16-Stunden-Tag und eine Familie - genau in dieser Reihenfolge. Seine Frau Melanie (Maria Schrader) ist Lehrerin, schmeißt nebenher den Haushalt, ist meistens für den sechsjährigen Benny (Ezra Valentin Lenz) zuständig und leidet unter der Karriere ihres Mannes - wie es halt so zugeht unter deutschen Dächern, auch bei »modernen« Familien, in denen Männer sich nicht die Pantoffeln reichen lassen und Frauen ihre Bestimmung nicht nur in der Mutterrolle sehen.

Man mag diese Kriegers. Sie sind nicht irgendeine Problemfamilie aus asozialem Milieu, die man sich im Kinosessel aus sicherer Entfernung heraus anschaut, um danach in sein heiles kleines Leben zurückzukehren. Marco ist ein charmanter Chaot, der seine Familie liebt, ein »neuer« Vater, der sich nicht aus der Erziehung heraushält und sich über klassische Familienbilder - Mutti zu Hause, Papa schafft das Geld ran - lustig machen würde. Und der doch nicht merkt, dass auch moderne Väter scheitern können.

Denn auch die Kriegers spüren den Abrieb des Alltags: ein straff durchorganisiertes Leben zwischen seinem Job, ihrem Job und kostbaren Momenten zu dritt. Es herrscht Routine, nie ist Zeit, es häufen sich kleine Unaufmerksamkeiten wie der - na ja, vielleicht allzu klassisch - vergessene Hochzeitstag. Unausgesprochene Verletztheiten wachsen sich zur unausgesprochenen Krise aus. Dann kommt irgendwann der Knall. Sie packt die Koffer. Und der Regisseur patzt - das einzige Mal.

Als Dani Levy den Augenblick der Trennung erzählt, stimmt was nicht. Das erscheint einen Tick zu unvermittelt. Der Zuschauer kauft Melanie diesen Schritt nicht recht ab. Und auch als sie dann noch zwei Polizisten alarmiert, um Benny aus dem Haus zu holen, kommt man nicht ganz hinterher. Doch selbst dieser Schnitzer kann dem Film nichts anhaben, denn das Thema ist zu stark, zu gut. Wieso hat man Familienkrisen bislang eigentlich nur Minderbegabten und TV-Movies überlassen, die sich an prügelnden, saufenden, ihre Kinder missbrauchenden Vätern berauschten?

Klugerweise vermeidet es Levy, jemandem die Schuld an der Trennung zuzuschieben. Sowohl Marco als auch Melanie gehen immer wieder aufeinander zu. Doch das Timing stimmt nie. Immer verhält sich einer falsch.

Man sieht das. Und guckt sich sein eigenes Leben an. Für die Dauer des Kinobesuchs blinzelt man ein kleines Stück in die Hölle, die sich mit dem fallenden Vorhang wieder schließt. Man erkennt die Mechanismen eines möglichen Desasters in einer eigentlich glücklichen Familie. Man gruselt sich ein bisschen. Nimmt sich vor, es besser zu machen. Und geht schnell nach Hause, noch ein Pixibuch vorlesen.

Oliver Link

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