Atze Schröder in "U-900" Dürfen wir über Nazis lachen?


Der Ruhrpott-Proll reist ins Dritte Reich. Mit "U-900" haben sich TV-Comedian Atze Schröder und "7 Zwerge"-Regisseur Sven Unterwaldt in die Untiefen des deutschen Humors gewagt. Schließlich dürfen Deutsche nicht über die Nazis lachen. Oder?
Von Sophie Albers

Diese drei Worte tauchen immer wieder auf: Darf man das? Nach Dani Levys Film "Die wirklich wahrste Wahrheit über Hitler", Harald Schmidts Führer-TV-Kurzperformance im Nebel oder auch Walter Moers Adolf-Comic waberte diese Frage durch die deutschen Öffentlichkeitsköpfe. Es ist ein Reflex, der immer dann aktiviert wird, wenn auf Kosten des Dritten Reiches gelacht werden soll. Beim aktuellen Auslöser dürfte es recht schnell gehen: TV-Comedian Atze Schröder - erstmals auf der großen Leinwand - lässt sich von Nazis durch den Atlantik jagen und nimmt sie dabei ordentlich auf die Ruhrpott-gestählte Schippe. Und auch der Regisseur dürfte für Schnappatmung sorgen: Es ist der "7 Zwerge"-Realisator Sven Unterwaldt.

Er sei sich zu 100 Prozent sicher, dass er von vielen Leuten "wahnsinnig auf den Deckel kriegen" werde, sagte der Filmemacher im Gespräch mit stern.de. Aber "darauf habe ich mich schon eingestellt. Und ich finde es auch gut." Nichts sei besser als ein Film, der polarisiert, so Unterwaldt.

"Endsieg" mit Heiligem Gral

Also haben sie sich in ein Weltkriegsabenteuer gestürzt, wie man es vorher eigentlich nur aus US-Filmen wie "Ein Käfig voller Helden" (1965) oder "Gesprengte Ketten" (1963) kannte: Deutschland 1944. Gleich zu Beginn sieht man den Ruhrpott-Proll als Schwarzhändler im vertraulichen Gespräch mit einem Nazi-General. Kurz darauf steigt er mit dessen blonder Gattin ins Bett, wird erwischt und muss fliehen. Atzes Fluchtidee ist dabei so unpraktisch wie gewaltig: Er gibt sich als U-Boot-Kapitän aus, um mit dem letzten fahrtüchtigen U-Boot der Nazis von Frankreich aus nach Amerika zu entkommen. Mit dabei sind sein jüdischer Freund Samuel (Oliver Wnuk) und eine Kellnerin/ arbeitslose Schauspielerin namens Maria (Yvonne Catterfeld), die sie samt Auto gekidnappt haben, um überhaupt erstmal nach Frankreich zu kommen. Dort wird Maria kurzerhand ein Schnurrbart angeklebt, und das Trio präsentiert sich der U-Boot-Mannschaft als Kapitän samt Offizieren. Mit an Bord ist außerdem der Heilige Gral, der den Nazis den "Endsieg" bringen und deshalb eigentlich nach Warnemünde gebracht werden soll. Soviel zum Inhalt.

"U-900" ist vor allem eines: eine große Überraschung. Der Film, den Regisseur Unterwaldt auch als Hommage an Wolfgang Petersens "Das Boot" verstanden wissen will, unterhält in der Tradition von Abenteuerkomödien wie "Indiana Jones". Die Nazis sind Bösewichte, dämliche Bösewichte, nicht mehr und nicht weniger, das zerbombte Essen nichts als Kulisse. Die verkleidete Frau ist genauso lustig wie der Dummkopf, der plötzlich als Kapitänleutnant ein U-Boot durch den Krieg und gefährliche Meeresspalten lenken muss. Und bevor jemand den Finger heben und "Aber die Shoah" sagen kann, beugt sich Samuel zu der zickigen Kellnerin und sagt: "Ich möchte doch nur noch ein bisschen leben."

Das Problem der Deutschen mit den Deutschen

"U-900" poltert, wo er kann und hält die Klappe, wo er muss. Das kommt völlig unerwartet, wenn man Atze Schröder und die "7 Zwerge" nur vom Wegschalten kennt. Und als würde man nicht schon genug staunen, fallen einem dazu noch Filme wie "Sein oder Nichtsein" (1942) von Ernst Lubitsch oder auch die "The Producers" (1968) von Mel Brooks ein.

Bleibt das Problem der Deutschen mit den Deutschen. Darf im Lande der Täter über die Zeit der Täter gelacht werden? Die Frage ist alt, aber wie gesagt ein Reflex, dem sich auch Atze Schröder bewusst ist: "Tja, es gibt in jeder Epoche gute und schlechte Momente. Wir haben keinen Film über den Zweiten Weltkrieg gemacht, sondern haben den in Anlehnung an 'Das Boot' in dieser Zeit spielen lassen. Wenn, dann geht's überhaupt gegen die Nazis. Und warum soll Popcorn-Kino nicht mal ein Zeichen gegen rechts setzen. Klar, da darf man auch drüber lachen", sagte der Komiker im Gespräch mit stern.de und lehnte sich entspannt zurück.

Einer, der die Schelte schon hinter sich hat, ist Dani Levy. Nach "Die wirklich wahrste Wahrheit über Hitler", in dem Helge Schneider den Diktator gab, war eine "Tsunami-Welle der Kritik" über den Regisseur hereingebrochen, wie er es selbst nannte. Aber auch ein Jahr danach steht er noch immer zum Lachen über das Dritte Reich: "Lachen darf man über fast alles - es kommt auf die Art des Lachens und auf die Perspektive an. Über Opfer des Krieges zu lachen, finde ich abwegig. Humor ist jedoch eine sehr persönliche Sache", so Levy im Gespräch mit stern.de. Humor gehöre zum Schmerz und zur Wunde, hat er auch einmal gesagt. "Und der Nationalsozialismus ist eine deutsche Wunde."

Lachen lernen

Haben die Deutschen denn mittlerweile das Lachen über diese Wunde gelernt? Levys Film sei wichtig gewesen, sagt Unterwaldt. Aber an das Ende einer Lach-Schonzeit glaube er nicht. Dazu seien die Reaktionen "auch im Vorfeld - von Förderern, von vielen Leuten im Umfeld des Films" zu extrem. "Und das ohne Kenntnis des Films."

Dabei sind die Antworten auf den Wiedergänger "Darf man das?" eigentlich immer die gleichen: "Natürlich darf man über Hitler lachen. Wir machen das alle doch schon seit Jahren", ließ sich Helge Schneider ohne Hitler-Maske zitieren. "Man muss", sagte Walter Moers nach den Angriffen auf seinen "Adolf". Dieses Lachen sei "heute die einzig richtige Art, mit dem Thema umzugehen", meinte der Publizist Henryk M. Broder über Moers' Bücher: "Dass Hitler ein Mörder war, wissen wir, das muss nicht in jedem Abituraufsatz stehen. Aber Moers zeigt wunderbar, auf was für eine erbärmliche Figur, was für einen Sesselpupser, die Deutschen hereingefallen sind. Und das ist toll."

Tödliche Witzfiguren

17 Jahre alt war der Journalist Georg Stefan Troller, als er von den Nazis quer durch Europa nach Amerika gejagt wurde. Immer wieder entkam er knapp dem Tod. Ein großer Teil seiner Familie schaffte es nicht. Schrecklich sei gewesen, sagte Troller im Interview mit der "Netzeitung", dass "Hitler, Goebbels, Göring Witzblattfiguren" waren. Die da über Leben und Tod entschieden, habe er bereits als "17-Jähriger nicht ernst nehmen" können.

"Lachen ist in diesem Fall eine Form der Heilung, der Verarbeitung und der Prävention. Es gibt keinen Grund, Hitler heute mit (Ehr)Furcht und Grauen zu begegnen", sagt Levy. Bleibt abzuwarten, ob Atze Schröders "dämliche Nazis" ihren Auftrag in den Feuilletons und an der Kinokasse erfüllen.

Das nächste "Darf man das?" gibt es übrigens im kommenden Frühjahr. Ausgerechnet Kultregisseur Quentin Tarantino schickt dann die "Inglorious Bastards" auf blutigen Rachefeldzug nach Deutschland. Eine Kompanie jüdischer US-Soldaten soll im besetzten Frankreich durch besonders grausame Aktionen Angst und Schrecken in Hitlers Armee verbreiten. Es verspricht eine spannende Diskussion zu werden. Wahrscheinlich kommt Atze Schröder mit seiner "Indiana Jones"-Nummer noch mal so durch, denn dagegen ist "U-900" ein harmloser, netter Unterhaltungsfilm für die ganze Familie.


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