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"U-900"-Regisseur Sven Unterwaldt: Nach den Zwergen die Nazis

Seine "7 Zwerge"-Filme haben Regisseur Sven Unterwaldt berühmt gemacht. Nun schickt er Atze Schröder zu den Nazis. Dass er dafür von vielen Kritikern einen auf den Deckel kriegen wird, ist klar - genau das gefällt ihm. Ein Gespräch über zeitgemäßen Humor und alte Reflexe.

Von Sophie Albers

Ruhrpott-Brachialkomik vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs? Atze Schröder im Haus und Bett eines Nazigenerals? Deutsches Lachen über das Dritte Reich? Nach "Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler" von Dani Levy (2007) macht die Vergangenheitsbewältigung im deutschen Kino mit "U-900" eine weitere Umdrehung. Im Fall von Atze Schröder ist es sogar eine Pirouette im Baströckchen auf der Aussichtsplattform eines Nazi-U-Boots.

Doch wer dumme Sprüche und "7 Zwerge"-Kalauer erwartet, wird enttäuscht. Regisseur Sven Unterwaldt und TV-Komiker Atze Schröder ist eine ganz klassische Abenteuerkomödie gelungen, die historische Untiefen geschickt umschifft.

Herr Unterwaldt, fürchten Sie schon die Kritiker, die schreien "Das darf man nicht"?

Die fürchte ich nicht, weil ich zu 100 Prozent damit rechne. Man fürchtet ja nur etwas, wenn man nicht weiß, ob es eintritt. Aber ich weiß, dass ich von vielen Leuten wahnsinnig auf den Deckel kriegen werde. Darauf habe ich mich schon eingestellt. Und ich finde es auch gut. Meinungsfreiheit ist schön. Nichts ist besser als ein Film, der polarisiert. Ich finde "nette" Filme langweilig. Es wird auch Leute geben, die sagen, "Da kann ich gar nichts mit anfangen". Und andere werden Fans sein und sagen "Find ich toll.

Wenn man es genau nimmt, ist "U-900" weniger ein Film über den Zweiten Weltkrieg als ein Abenteuer-Actionfilm mit klarer Verteilung von Gut und Böse...

Richtig.

... dazu ist die Nazi-Folie natürlich perfekt.

Absolut. Es ist wie in den "Indiana Jones"-Filmen. Da waren es drei Filme lang die Nazis, jetzt sind es irgendwelche Russen. Das ist im Grunde eine Plattform. Es sind irgendwelche Bösewichter. Wir haben diese Zeit gewählt, weil "Das Boot" in dieser Zeit spielt und wir eine Hommage an "Das Boot" machen wollten.

Darf man denn nun in Deutschland einen Popcornfilm über den Zweiten Weltkrieg drehen, oder nicht?

Ich beantworte die Frage aus folgendem Grund mit Ja: Weil ich glaube, man darf kein Medium auslassen, um irgendwo ein Zeichen gegen Rechts zu setzen. Gerade auch ein populärer Mensch wie Atze. Und sei es nur: Die Nazis sind doof. Wir haben tolle politische Auseinandersetzungen mit dem Thema: "Sophie Scholl", "Napola", alles großartige Filme. Aber seien wir ehrlich: Da gehen nur Leute rein, die ohnehin schon die richtige politische Einstellung haben. In einen Popcornfilm geht ein breites Publikum. Da kann man noch Akzente setzen. Und das breite Publikum funktioniert oft über Imitation: "Oh, der ist cool" oder "Der ist doof" - das ist nun mal so. Und wenn wir ganz klar sagen, dass Nazis dämlich sind - wie es auch schon in "Blues Brothers" war - so will doch keiner sein. Aber natürlich muss man aufpassen. Wir haben alles vermieden, was Gags angeht, die zu sehr in die Realität des Leidens gehen, Witze auf Kosten der Opfer. Da sag auch ich, das darf man nicht. Das würde ich in so einem Film als absolutes No Go ansehen.

Haben Sie bei der Entwicklung der Geschichte auch an Humormeister wie Mel Brooks oder Ernst Lubitsch gedacht, den jüdischen Humor: Ich lache, weil ich weiß, dass es zum Heulen ist?

Das freut mich sehr, weil ich natürlich genau bei Lubitschs "To be or not to be" meine Wurzeln sehe. Bei diesem Film fragt man sich: Ist das eine Satire, ist das eine Komödie, was ist das eigentlich? Und es interessiert nicht, was es ist! Es ist einfach ein guter Unterhaltungsfilm, der Spaß macht, der mit dem ganzen Uniform- und Obrigkeitswahn dieser Zeit spielt. Egal, wer die Uniform anhat, hat Recht. Wie im "Hauptmann von Köpenick". Und das funktioniert ja auch mit Atze als U-Boot-Kapitän.

Waren die "7 Zwerge" nötig, damit die Nazis möglich sind?

Ja, das kann man so sagen. Man hat sich sicherlich dadurch auch einen Status erarbeitet, der so einen Film möglich macht. Sicherlich wäre es die sichere Nummer gewesen, jetzt einfach irgendeinen Atze-Sprüche-Film zu machen. Man muss bei so einem Film wie "U-900" immer damit rechnen, dass selbst Atze-Fans sagen werden: "Da sind mir nicht genug Sprüche drin". Ich glaube aber daran, dass Kino doch Handlung ist. Und man lässt sich auch auf diese Handlung ein. Es geht wirklich um eine Geschichte, und daraus erwächst dann ein Atze-Humor, den man vielleicht vorher nicht gekannt hat. Wir haben ganz viele Atze-Sprüche bewusst weggelassen.

Wenn die Zwerge für die Nazis nötig waren, wie lange lag denn das Drehbuch zu "U-900" in der Schublade?

Das kam wirklich erst danach. Ich wollte schon vorher einen Atze-Film drehen, aber wir hatten das Thema noch nicht. Das kam erst später von Michael Gantenberg, und da war es aber innerhalb von drei Sekunden klar, dass wir das machen wollen. Sowohl Atze als auch ich. Da ging sofort der Film ab.

Glauben Sie, dass Dani Levys Film "Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler" ihrem Film indirekt geholfen hat?

Er war auf jeden Fall wichtig.

Ist jetzt so eine Art Schonzeit vorbei? Ist es Zeit, über den Zweiten Weltkrieg zu lachen?

Nein, nach den Reaktionen zu urteilen glaube ich noch nicht, dass es vorbei ist. Die Reaktionen auch im Vorfeld - von Förderern, von vielen Leuten im Umfeld des Films - waren sehr extrem. Und das ohne Kenntnis des Films. Einfach nur die Tatsache, dass wir es machen, hat einen Reflex ausgelöst. Und der ist nach wie vor sehr stark. Das hat mich dann auch schon überrascht, dass wir nur aufgrund des Themas auf so viel Ablehnung gestoßen sind.

Was ist eigentlich Humor, Herr Unterwaldt?

Subjektiv. Ich glaube, das Schönste am Humor ist, dass jeder einen anderen hat. Denn man kann keine Regeln für Humor aufstellen. Das Einzige ist die Hoffnung, dass es genug Leute gibt mit demselben Humor wie man selbst. Aber Humor ist so facettenreich. Der eine lacht über den Menschen, der auf der Bananenschale ausrutscht, der andere nur über feuilletonistische Wortspiele. Es gibt keine sicheren Lacher.