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"Walküre"-Europapremiere: Cruise hat Berlin unter Kontrolle

Am Dienstag hat die Welt voll Hoffnung auf den Amtsbeginn des neuen US-Präsidenten geblickt. Die ganze Welt? Nein! Ein paar Leute in Berlin feierten die Europapremiere von Tom Cruises neuem Film "Operation Walküre - Das Stauffenberg Attentat". Ein bisschen Protest gab es auch.

Von Sophie Albers

Während Barack Obama in Washington den Eid als erster schwarzer Präsident der Vereinigten Staaten ablegt, steht Tom Cruise in Berlin mit beiden Beinen fest auf den Brettern, die die Welt bedeuten und fordert Aufmerksamkeit für seinen neuen Film. Von sich und dem Werk bis in die letzte Faser seines kleinen Körpers überzeugt, erklärt der Hollywoodstar dem Premierenpublikum im Theater am Potsdamer Platz: "Dieser Film war für uns alle eine tolle Erfahrung, die nichts mit dem zu tun hatte, was Sie gehört haben." Gemeint ist damit "Operation Walküre", Bryan Singers kurzweiliger Thriller über den Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Und die Schwierigkeiten, die der Film bereits vor Drehbeginn hatte.

Doch die scheinen an diesem Dienstag - an dem sich sogar der kommissarische US-Botschafter John Koenig mit Deutschlands Vergangenheit herumschlagen muss anstatt mit Amerikas Zukunft - vergessen: Die Erinnerungen an die Querelen um den Dreh im Bendlerblock werden in Schwärmereien von der düsteren Magie dieses Ortes ertränkt. Scientology? In der Pressekonferenz ist Cruises umstrittene Glaubensrichtung kein Thema. Nein, mit Protesten rechne er bei der Premiere nicht, so die fast verdutzte Antwort auf eine eher indirekte Frage. Regisseur Singer watscht das Thema im Interview sofort ab, so als würde er gar nicht verstehen, wie man darauf kommt. Die für die Werbekampagne zuständigen Agenturen waren da sensibler: Im Internet wurden Störungsaufrufe gesucht und auch gefunden. Statt der befürchteten Scientology-Gegner und Rechten kamen allerdings Linke und protestierten "Gegen nationale Helden". Die Polizei, die schon bei den Presseterminen am Morgen das Hotel bewachte, manövrierte das Grüppchen jedoch sofort aus dem Bild. Cruises traditionelles Bad in der Menge am roten Teppich blieb ungestört. Und was sagt Familie Stauffenberg? Enkel Philipp von Schulthess, der im Film auch mitspielt, meint, die sei "aufgeregt, dass die Geschichte nun für ein großes Publikum erzählt wird".

"Mein Großvater war auch Nazi"

Auch der Andrang auf dem roten Teppich ist groß. Die Premiere war zu 75 Prozent überbucht. Deutsche Prominenz jeder Buchstaben-Liga zeigt sich gerne neben Cruise. Und es spielen ja auch einige mit: der wunderbare Christian Berkel, Thomas Kretschmann, Wotan Wilke Möhring, Werner Daehn und auch Matthias Schweighöfer durften für "Walküre" die filmbekannte Uniform des Bösen anlegen. Der Applaus nach dem zweistündigen Attentats-Countdown ist lang und flammt immer wieder auf, sobald im Abspann bekannte Namen auftauchen. Zumindest im Parkett gibt es für Cruise sogar noch Standing Ovations. Vielleicht aber auch nur, weil der Star den Film tatsächlich mit angesehen hat, was im Premierenzirkus eine Ausnahme ist. Zur Party ins Hyatt-Hotel kommt Cruise jedoch - wenn überhaupt - nur kurz. Angeblich wollte er so schnell wie möglich in seinem Privatjet zur nächsten Premiere nach London reisen, um sich im Flieger Obamas Amtseinführung anzusehen. Dabei hätte ihn doch sicherlich interessiert, was seine Premierengäste zwischen Garnelen auf Reis, Himbeer-Küchlein und Sushi so formulieren.

Wie ein lautes Summen schwebt die Diskussion über Cruises Stauffenberg über den Köpfen, übertönt sogar die klassische Musik und das Klappern der Teller. "Ich fand ihn gar nicht so schlecht, wie die Presse ihn gemacht hat. Aber ein paar Schwachstellen hatte er schon", fasst ein älterer Mann im Anzug den Film zusammen, während sich nebendran zwei Damen in Abendgarderobe über die richtige Platzierung von Sprengstoff unter Hitlers Schreibtisch auslassen. "Der Mann hat durchaus Charisma", ruft ein Brillenträger ins Mobiltelefon. Und am Büffet erklärt ein Jeansträger: "Ich habe nichts anderes erwartet. Ich wäre verwundert gewesen, wenn es anders gewesen wäre." "Mein Großvater war auch Nazi", heißt es einen Stehtisch weiter trocken.

Er habe den Stereotypen des Nazis, wie das US-Kino ihn seit Jahrzehnten präsentiert, zerschlagen wollen, sagt Drehbuchautor Christopher McQuarrie, dem die Idee zu "Walküre" kam, als er vor sieben Jahren Berlin und auch die Gedenkstätte im Bendlerblock besuchte, über seine Beweggründe, diesen Film zu machen. Cruise betont - neben seinem Anspruch gute Unterhaltung zu machen - immer wieder das Heldentum der Widerständler, von dem die Welt erfahren solle. "Aber warum tun Sie Deutschland diesen Gefallen", platzt es schließlich aus einem finnischen Journalisten heraus. Regisseur Singer will lustig sein, doch antwortet er fast im Cruise-Ton, und der meint so was ja gerne auch mal ernst: "Wenn Sie möchten, dass wir in ein anderes Land kommen und ihm einen Gefallen tun, wir haben gerade Zeit".