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"World Trade Center": Vaterlandsliebe zwischen Trümmern

Oliver Stone als Regisseur von "World Trade Center" - damit hatte niemand gerechnet. Doch ausgerechnet der Amerika-Kritiker zeigt sich zahm und ist in die Patriotismus-Falle getappt.

Von Monique Berends

Der 11. September 2001 war ein Tag, den niemand jemals vergessen wird. Am wenigsten die Angehörigen von Menschen, die direkt von den Anschlägen betroffen waren. Ihre Geschichte wird in "World Trade Center" erzählt.

Mit Oliver Stone hat der Film einen Regisseur, den die wenigsten erwartet hätten. Stone ist bekannt für seine linksgerichtete politische Einstellung, er scheut nicht davor zurück, in seinen Werken wie "Geboren am 4. Juli" oder "Platoon" Kritik an der amerikanischen Außenpolitik zu äußern. Deshalb war es eine große Überraschung, als Stone dieses empfindliche Thema der Anschläge vom 11. September übernahm.

"World Trade Center" erzählt die wahre Geschichte der beiden Port Authority Polizisten John McLoughlin und Will Jimeno und ihrer Familien. Kurz nachdem das erste Flugzeug das WTC getroffen hatte, eilten Feuerwehrleute, Polizisten und Sanitäter in die Battery Park City in Downtown New York. Unter ihnen waren McLoughlin und Jimeno. Mit drei Kollegen vom Port Authority Police Department (PAPD), betraten sie den Komplex, um so viele Menschen wie möglich raus zu holen. Doch sie sollten nicht weit kommen.

Gefangen in den Trümmern

Kurz nachdem der Fünfertrupp seine Ausrüstung zusammengesucht hatte, stürzte das Gebäude über ihnen ein. McLoughlin, Jimeno und Dominick Pezzulo überlebten den Einsturz in einem fast zugeschütteten Aufzugsschacht. Als jedoch kurz danach beim Einsturz des zweiten Turms auch Pezzulo sein Leben ließ, waren die anderen beiden Polizisten in einem Gefängnis aus Stahlfetzen und Betontrümmern eingesperrt. Schwer verletzt hielten sie sich gegenseitig wach, während ihre Familien zuhause um ihr Leben bangen mussten. 24 Stunden später konnte man die beiden befreien. Sie gehörten zu den 20 Menschen, die lebend aus den Trümmern des WTC geborgen werden konnten.

Oliver Stone erzählt den Film mit viel Ruhe. Authentizität war das Hauptaugenmerk während der Produktion und das merkt man dem Film an: Stone verzichtet auf Blockbuster-Einheiten, das Werk ist nah an der Realität, doch nicht immer nah genug.

Kleine Effekte mit großem Effekt

Stone hat nur wenige filmische Highlights geschaffen. Eines ist die Szene, in der das erste Flugzeug über New York auftaucht. Ein grausam einfach erzeugter Effekt bringt den Nervenkitzel rüber: Jimeno ist auf Streife und hält sich mit den alltäglichen Problemen der New Yorker auf, als sich ein viel zu großer Schatten and den Wolkenkratzern abzeichnet. Erstaunt bleibt er stehen.

Nur wenige Augenblicke später hört und spürt man einen Knall. Diese vollkommen unspektakulär dargestellten Details der Flugzeuge, die sich den Türmen nähern und schließlich in ihnen explodieren, erzeugen beim Publikum einen eiskalten Schauer. Es ist eine kurze Momentaufnahme dessen, was Außenstehende überall auf der Welt nicht erfahren haben und dennoch wissen wollen. Dem Zuschauer wird das Gefühl vermittelt, nun auch den Anfang des Desasters aus nächster Nähe mitbekommen zu haben.

Das Publikum im Kinosaal weiß, was passiert ist, nicht so Jimeno und seine Kollegen. Sie werden zur PAPD-Zentrale gerufen, wo das Grauen live über dem Bildschirm flimmert.

Stone hatte sich als Ziel gesetzt, dem Publikum McLoughlins und Jimenos ganz persönliche Tragödie näher zu bringen, doch es gelingt ihm nicht. Abgesehen von der Angst einjagenden Sequenz des herannahenden Flugzeugs gibt es kaum eine Szene, in der das Publikum emotional gefordert wird. Dadurch, dass Stone bekannte Schauspieler wie Nicolas Cage, Maggie Gyllenhall und Maria Bello verpflichtet hat, wird er seinem eigenen Anspruch nicht mehr gerecht: Die Leistung der Darsteller ist gewiss nicht zu verachten, nur leider wird dem Zuschauer mit jedem Satz, den sie sagen bewusst, dass es nun einmal Schauspieler sind. Dadurch geht die von Stone so sehr antizipierte Authentizität verloren. Anstatt von Rührung oder Trauer stellt sich eine große Enttäuschung ein - man möchte etwas fühlen, möchte mit den Familien leben, doch es passiert nichts.

Hätte Stone Laiendarsteller oder wenige bekannte Gesichter gewählt, hätte dieses Thema sicher besser funktioniert. Als regelmäßiger Kinogänger kennt man Cage aus Actionfilmen wie "Con Air", Bello ist im Geiste immer noch die Ärztin aus "Emergency Room" und Gyllenhall ist als devote "Secretary" in den Köpfen so einiger Zuschauer eingebrannt. Sie können als Opfer nicht überzeugen, nur als Schauspieler.

Stone versucht die exakten Gespräche der beiden Verschütteten wiederzugeben, um der Situation noch mehr Dramatik zu verleihen. Doch als Jimeno dann auch noch Visionen von Jesus mit einer Wasserflasche hat, verkommen die Dialoge der beiden Polizisten vollkommen zu einem Pathos, der der Dramatik der wahren Ereignisse nicht gerecht wird. Stone hat die von den Opfern überlieferten Details ohne wenn und aber übernommen - und der Dramaturgie damit keinen Gefallen getan.

Marines - die Helden der Nation

Und dann taucht plötzlich eine neue Figur auf: Dave Karnes. Der frühere Marine sieht die Katastrophe im Fernsehen und fühlt sich sofort von Gott berufen, den Menschen im WTC zu helfen. Eine noble Geste, wäre da nicht der fade Beigeschmack des patriotischen gottesfürchtigen Soldaten, der den Zuschauer fast zu einer Entscheidung drängt. Man sieht sich gezwungen, Stones Schauspielgestaltung entweder zu befürworten oder abzulehnen; in diese Bredouille sollte kein Kinogänger kommen.

Betrachtet man die wirklichen Ereignisse, so kann man nur froh sein, dass Karnes nach New York ging, um zu helfen, denn er war es, der McLoughlin und Jimeno in dem Labyrinth aus Trümmern fand. Doch übersetzt in einen filmischen Charakter wirkt Karnes hoffnungslos überzogen. Gerade von Oliver Stone erwartet man nicht, was dann kommt: Patriotisch bis in die Zehennägel schmettert Karnes, wie es sich für einen ordentlichen Marine gehört, eine militärische Tirade nach der anderen raus. Und das auch noch zu den unpassendsten Momenten. Wenige Monate später in Afghanistan und schließlich im Irak sollten diese Tiraden zum Schlachtruf der Marines werden. Für den liberalen Europäer sind sie jedoch eine Qual.

Gerade weil Stone den Vorteil der Retrospektive hatte, sollte man erwarten, dass er kritisch mit diesem Thema und dieser Person umgeht. Fehlanzeige. Zwar erhält Karnes keine große Leinwandpräsenz, doch den politischen oder einfach nur kritischen Zuschauer gruselt es bei Sätzen wie "Ich bin hier, um sie zu retten. Ich bin ein Marine. Das ist meine Mission." Voll auf die Zwölf, Stone ist in die Falle getappt.

Mission nicht erfüllt

So dringend wollte Stone seinen Ruf als enfant terrible der Filmindustrie aus der Welt schaffen, dass er sich zu patriotischen Floskeln und schwülstigen Dialogen hinreißen ließ. Keiner bestreitet, das 9/11 ein furchtbarer, ein dramatischer Tag für alle Amerikaner war, und kennt man dieses Land, weiß man, dass Amerikaner zu vaterländischem Stolz neigen. Dennoch wird man in "World Trade Center" überfüttert. Gerade weil dieses delikate Thema so viel Potential hat, hätte man sich von Stone gewünscht, er würde der Hollywoodversion dieses Tages einen überraschenden Kniff verpassen.

Doch weit gefehlt. "World Trade Center" ist nichts als eine Hommage an den starken Amerikaner, der in Zeiten der Verzweiflung seine Verbundenheit mit Gott und seiner Familie erkennt. Als Zuschauer bleibt man zwar dabei, denn das Ende will man allemal erleben. Doch irgendetwas fehlt diesem Film und so bleibt der fade Beigeschmack nicht aus. Je länger man über den Film nachdenkt, desto deutlicher wird, dass Stones Ideal, sich selbst mit diesem Thema neu zu erfinden, nicht erreicht wurde. Obwohl er tief schürfen wollte, kratzt er nur an der Oberfläche von 9/11. Stone wollte die Tragödie vom 11. September anhand von zwei Beispielen näher bringen, doch nahe gebracht hat er lediglich die Abneigung gegen die immer groteskere amerikanische Außenpolitik, der sich die Welt nicht entziehen kann.