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Oliver Stone im Interview: "Bei 'Snowden' gibt es keine Elefanten"

Wie füreinander gemacht: Oliver Stone hat einen Film über Edward Snowden gedreht. Der stern traf den Regisseur in München.

Von Matthias Schmidt

Oliver Stone

Regisseur Oliver Stone

Der Regisseur Oliver Stone ("Platoon", "Wall Street") gilt als politisches Gewissen Hollywoods. Seit nunmehr 30 Jahren scheut der Studienabbrecher und ehemalige Vietnamkämpfer vor keinem unbequemen Thema zurück - und wurde dafür mit drei Oscars dekoriert. Eine Begegnung in München.

Wie geht's, Mr Stone?

Na ja, ich leide gerade unter einer Allergie und hab nicht besonders gut geschlafen.

Könnte das an Ihrem neuen Film liegen, der Geschichte des umstrittenen Whistleblowers Edward Snowden?

Ich sag es mal so: Mein Film über Alexander den Großen spielte auf drei Kontinenten, es gab eine Schlacht mit Elefanten, und unser Budget war ziemlich beschränkt. Bei "Snowden" gibt es keine Elefanten, keine Schießereien. Unser Hauptproblem war eher: Wie schaffen wir es, dass den Leuten nicht langweilig wird? Die Figur Snowden ist für viele ein unbeschriebenes Blatt, ein Abstraktum. Er ist blass, schmächtig.

Ein typischer Nerd.

Mein Hauptdarsteller Joseph Gordon-Levitt hat während des Drehs extra auf Fitnessübungen verzichtet und sich nicht in die Sonne gelegt, um bloß keine Farbe zu kriegen. Ich war mir erst nicht sicher, ob ich in diesen Fall verwickelt sein möchte.

Kontroversen sind doch Ihre Spezialität.

Ja, aber kurz vorher ist mir ein Projekt über die letzten Jahre von Martin Luther King weggebrochen, weil es den Geldgebern zu brisant wurde. Das hat mich ziemlich runtergezogen. Ich sagte mir: Du brauchst das nicht mehr, das Leben ist zu kurz. Aber mein Produzent Moritz Borman wusste, dass ich auf Snowden anspringen würde. Und als ich ihn dann zum ersten Mal in Moskau getroffen hatte, konnte ich nicht mehr Nein sagen.

Angeblich lief die ganze Produktion klammheimlich ab.

Wir heuerten einen eigenen Hacker an, ließen unsere Büros nach Wanzen absuchen und lernten, wie wir E-Mails verschlüsseln. Das Drehbuch wurde nur auf einem einzigen Computer getippt, der niemals mit dem Internet verbunden war. Als es fertig war, mischten wir die Seiten wild durcheinander und schickten sie an zwölf verschiedene Adressen, damit niemand die vollständige Fassung sieht. Dann haben es alle Studios abgelehnt. Und da Snowden in den USA als Flüchtiger gilt, darf man offiziell keinen Deal mit ihm eingehen, weil man sich sonst der Spionage mitschuldig macht. Am Ende haben wir einen großen Teil des Films in Deutschland und mit deutschem Geld gedreht.

Hat Snowden Ihren Film schon gesehen?

Hat er. Mehrmals.

Mochte er ihn?

Sehr. Ich will nicht angeben, aber darauf bin ich sehr stolz.

Julian Assange war nicht sehr zufrieden mit "Inside Wikileaks" .

Assange wird niemals zufrieden sein, er ist ein schwieriger Mensch.

Was wird mit Snowden geschehen?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Obama ihn begnadigt. Hillary Clinton hat sich ebenfalls bereits sehr negativ über ihn geäußert. Und sie wirkt nicht wie eine Frau, die ihren Feinden leicht verzeiht. Ich glaube aber, Ed hat das längst akzeptiert. Er ist ein Mann, der quasi in seinem Computer lebt. Sein Leben in Russland fühlt sich für ihn längst nicht mehr an wie im Exil. Er pflegt Kontakte auf der ganzen Welt, seine Freundin ist bei ihm.

Sehen Sie sich als eine Art Whistleblower von Hollywood, der brisante Themen mag und nach der Wahrheit sucht?

Nicht unbedingt. Mein Job als Dramatiker ist es, die besten Geschichten zu finden. Die, die ich wirklich erzählen will. Extrem wichtig ist mir meine zwölfstündige TV-Serie über die "verborgene" Geschichte der Vereinigten Staaten, ein großes politisches Sittengemälde. Dieses Konzept einer "geheimen Regierung", über deren Arbeit wir möglichst wenig wissen dürfen, gibt es schon seit Truman. Durch Snowden kam endlich die Aufmerksamkeit zurück.

Von jungen Leuten hört man heute oft: Sollen sie mich doch abhören - ich habe nichts zu verbergen.

Die Antwort darauf ist komplex. Aber je älter man wird, desto mehr wird einem bewusst, was dieser Verlust an Privatsphäre wirklich bedeutet. Seit 2001 haben es Bush und seine Leute übertrieben und die ganze Welt abgehört. Selbst afrikanische Clanführer sind plötzlich interessant für uns - irgendein Typ in der Kalahari-Wüste mit einem verfickten Handy.

Sie sind gerade 70 geworden. Was macht Sie glücklich in der Rückschau?

Mein Bewusstsein ist gewachsen, und ich bin stolz auf alle meine Filme. Gleichzeitig fühle ich mich wie Sokrates: Der wollte auch immer noch mehr wissen, noch mehr erfahren.

Haben Sie deshalb mit so vielen verschiedenen Schauspielern gearbeitet?

Ich wäre froh, wenn es in meinem Leben einen Robert De Niro gegeben hätte. Einen Gefährten durch die Zeiten, dem man trauen kann. Charlie Sheen hätte meine Muse sein können, aber er hat sich zu etwas anderem entwickelt, das habe ich spätestens seit "Wall Street" geahnt. Und Tom Cruise war schon zur Zeit von "Geboren am 4. Juli" auf seinem eigenen Trip mit Scientology.

Kennen Sie einen Film namens "Oliver Stoned"?

Wollen Sie damit etwas andeuten?

Nein, das ist eine Komödie über einen Typen, der viel Gras raucht und sein Auto verschusselt.

Sehr lustig. Den soll mir mein Büro gleich besorgen. Ich habe wirklich viel Marihuana geraucht. Aber nicht vor diesem Interview.