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75. Oscar-Verleihung: Caroline Link, "Chicago" und Michael Moores Attacke

Der begehrteste Oscar für den besten Film 2002 ging an den hohen Favoriten "Chicago", der mit insgesamt sechs Preisen mit Abstand am erfolgreichsten war.

Eine an Überraschungen reiche 75. Oscar-Verleihung hat dem deutschen Film in der Nacht zum Montag den größten internationalen Erfolg seit 1980 gebracht: Caroline Links Drama "Nirgendwo in Afrika" gewann die Auszeichnung für den besten nicht-englischsprachigen Film. Der begehrteste Oscar für den besten Film 2002 ging an den hohen Favoriten "Chicago", der mit insgesamt sechs Preisen mit Abstand am erfolgreichsten war.

Caroline Link blieb bei ihrer Tochter

"Nirgendwo in Afrika" brachte endlich wieder einen großen internationalen Triumph für eine deutsche Produktion. 1980 war Volker Schlöndorffs Leinwandfassung des Günter Grass-Romans "Die Blechtrommel", die 1978/79 entstanden war, mit der Auszeichnung der US-Filmakademie belohnt worden. Die 38-jährige Caroline Link konnte wegen einer Erkrankung ihrer kleinen Tochter nicht selbst den Preis entgegennehmen. Bereits 1996 war die im hessischen Bad Nauheim geborene Link für ihr Kino-Debüt "Jenseits der Stille" für einen Oscar nominiert worden, hatte damals aber die Trophäe knapp verfehlt.

Michael Moore teilte aus

Der US-Dokumentarist Michael Moore, ausgezeichnet mit dem Oscar für seinen phänomenalen Welterfolg "Bowling for Columbine", nutzte die Gelegenheit der weltweit im Fernsehen übertragenen Veranstaltung zu einer ebenso spektakulären wie scharfen Attacke gegen den Irak-Krieg und Präsident George W. Bush. Diesem rief er zu: "Schämen Sie sich, Herr Bush". Echte Überraschungen waren die Auszeichnungen für den gebürtigen Polen Roman Polanski, der den Regiepreis für das Holocaust-Drama "Der Pianist" erhielt, sowie für Adrien Brody, dessen Verkörperung der "Pianist"-Titelrolle mit dem Hauptdarsteller-Oscar gewürdigt wurde. Brody konnte damit die Altstars Jack Nicholson und Michael Caine übertrumpfen.

Nicole Kidman auf der Höhe ihres Könnens

Die Australierin Nicole Kidman bekam die Goldtrophäe für ihre Rolle der englischen Schriftstellerin Virginia Woolf in der Frauentragödie "The Hours" - sehr zur Enttäuschung der schönen Mexikanerin Salma Hayek, die sich für ihre überragende Leistung in "Frida" große Hoffnungen machen konnte. "Frida" bekam aber immerhin zwei Oscars für Maske und Filmmusik. Der Preis für die beste Nebendarstellerin ging an die mit Michael Douglas verheiratete, derzeit hochschwangere Waliserin Catherine Zeta-Jones. Julianne Moore, sowohl als Haupt- wie als Nebendarstellerin für "Dem Himmel so fern" und "The Hours" nominiert und auf dem Zenit ihres Könnens, ging unverdient leer aus.

Kriegsgeschehen drückte die Stimmung

Eine völlige Enttäuschung erlebte auch Martin Scorsese, dessen zuvor gleich zehnfach nominiertes Epos "Gangs of New York" keinen einzigen Oscar zugesprochen bekam. Offenbar fand die kritische Betrachtung eines fast vergessenen blutigen Kapitels amerikanischer Geschichte nicht das Gefallen der Mitglieder der US-Filmakademie. Andererseits zeigte sich diese trotz des in den USA derzeit angesagten Patriotismus bemerkenswert großzügig gegenüber ausländischen Preisanwärtern.

Davon profitierte der spanische Filmemacher Pedro Almodovar (Original-Drehbuch zu "Sprich mit ihr") ebenso wie der japanische Trickstreifen "Spirited Away", der in der Kategorie "Bester Animationsfilm" erfolgreich war. Nicht beteiligt hingegen am Oscar-Segen war der im Vorfeld als sehr chancenreich eingestufte kurze Trickfilm "Das Rad" von vier Studenten der Filmhochschule Ludwigsburg in Baden-Württemberg. Ihre Arbeit hatte nämlich auf vielen internationalen Festivals bereits Preise eingeheimst.

Ohne überschäumende gute Laune

Der vierstündigen Jubiläums-Zeremonie fehlte trotz der fast vollzählig versammelten Hollywood-Prominenz die überschäumende Laune früherer Jahre. Dabei war eigentlich nur auf den Roten Teppich wegen der aktuellen Kriegsereignisse verzichtet worden, nicht aber auf Glanz und Glamour beim Aufmarsch der Stars. Und die beiden entschiedenen Kriegsgegner Susan Sarandon und Dustin Hoffman hielten sich bei ihren kurzen Auftritten während der Zeremonie sichtlich zurück. Gleichwohl ließen sie und andere allein mit der von ihnen gewählten Tonlage erkennen, dass ausgerechnet die 75. Oscar-Verleihung unter düsteren weltpolitischen Vorzeichen stand.