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Alkoholismus Anthony Hopkins: "Ich kann nicht stolz auf mich sein, ich habe viel Schaden angerichtet"

In "The Father" schwankt Hopkins zwischen Melancholie und ausbrechender Aggressivität.  
In "The Father" schwankt Hopkins zwischen Melancholie und ausbrechender Aggressivität.  
© ©Sony Pictures/Courtesy Everett Collection / Picture Alliance
Mit dem "Schweigen der Lämmer" wurde Anthony Hopkins ein Weltstar. Seine dämonische Präsenz führt er auf seine frühere Alkoholabhängigkeit zurück. Heute sorgt er sich über den Lockdown, der viele in die Sucht treiben werde.

Mit 83 ist Anthony Hopkins auf der Höhe seines Erfolges. Für seine Rolle in "The Father" ist er für einen Oscar nominiert, bei den Golden Globes unterlag er knapp. Der Film "The Father" schildert den Abstieg eines Vaters in die Demenz. Eine Rolle maßgeschneidert für Hopkins. Hopkins hypnotisiert in der Rolle. "Es war keine große Sache, alt zu spielen, denn ich bin alt", sagte er der "London Times".

Destruktive Ader

Hopkins' schauspielerisches Kapital ist seine destruktive Ader und sein früherer exzessiver Alkoholismus. Später wurde die – überwundene – Sucht zu einem großen "Geschenk". "Denn wohin ich auch gehe, der Abgrund folgt mir", sagt er von sich. Dieser Abgrund färbte auf alle Rolle ab. Den ganz großen Durchbruch erreichte er mit "Das Schweigen der Lämmer". Die Jahrzehnte danach waren "ein Fest", sagte er der Zeitung. Danach hörten auch seine bohrenden Selbstzweifel auf. "Schon als ich das Drehbuch las, verstand ich, wie ich Hannibal Lecter liebenswert und grausam machen konnte", sagte er in dem Interview mit einem Grinsen. Um den Reporter zu schocken, verwandelt er sich für einen Moment auf dem Sofa wieder in den charmanten Kannibalen.

Ein schwieriges Kind 

Mit Selbstzweifeln ist er auf die Welt gekommen. Hopkins wuchs als Einzelkind auf, dem es schwerfiel, Freunde zu finden. "Ich war langsam in der Schule, schlecht im Sport. Vor ein paar Jahren fragte meine Frau meinen alten Lehrer, der jetzt in den Neunzigern war: 'Wie war Tony in der Schule?' Und er sagte: 'Hoffnungslos! Mein Herz zerbrach wegen des kleinen Jungen, der immer am oberen Ende der Straße stand und an seinem Ärmel kaute, während alle anderen Kinder am anderen Ende spielten.' Ich hatte überhaupt kein Vertrauen in mich selbst. Ich war absolut davon überzeugt, dass ich dumm war."

Sein Weg zum Film wurde durch einen verrückten Zufall bestimmt. Bei seiner Mallehrerin stapfte der junge Richard Burton herein, er sah ein Piratenbild des Jungen und sagte: "Mir gefallen seine Stiefel." Später sah er Burton auf der Straße als großen Filmstar. "Als er in seinem grauen Jaguar davonfuhr, dachte ich: Das will ich eines Tages auch werden."

Kein Teamplayer

Später beim Theater förderte Laurence Olivier den jungen Schauspieler. Hopkins war ehrgeizig, diszipliniert, passte aber nicht hinein. "Ich war nie ein Teamplayer. Ich war kein gutes Ensemblemitglied, weil ich nicht hineinpasste. Ich gehörte nirgendwo hin. Damals konnte ich es kaum erwarten, aus der Garderobe in die Kneipe nebenan zu kommen." Schon damals trank Hopkins so exzessiv, dass der alte Laurence Olivier ihn zum Psychiater schicken wollte. "Rückblickend kann ich nicht stolz auf mich sein, ich habe viel Schaden angerichtet ", sagte er der Zeitung. "Es ist tödlich, in der Nähe von Betrunkenen zu sein, und ich war einer von ihnen. Aber obwohl ich diese Jahre nicht wiederholen möchte, weil ich Menschen verletzt habe, war die Rastlosigkeit und Wut eine treibende Kraft in meinem Leben."

1974 ging er nach New York und trank doch noch mehr. Auf der Arbeit war er schwierig, ganze Partys leerten sich, weil er Streit mit jedem suchte. "Schnaps ist eine wunderbare Art, abzuschalten", so Hopkins. "Es hat eine sofortige Wirkung - deshalb machen wir es ja auch. In meinem Fall hatte ich diese merkwürdigen Konflikte - ich hatte das Gefühl, nicht in meine eigene Haut zu gehören. Ich fühlte mich zutiefst schuldig und beschämt und dachte, ich sei des Glücks, das ich als Schauspieler gehabt hatte, nicht würdig."

Man schafft es nicht allein

Am 29. Dezember 1975 hörte er auf, zu trinken, nachdem er in einem Hotelzimmer in Arizona aufgewacht war und nicht wusste, wie er dorthin gekommen war. Hopkins ging zu einem AA-Meeting und hat seitdem keinen Tropfen mehr angerührt. Das Verrückte dabei: Jahrelang hatte der Alkohol sein Leben beherrscht, doch als er einmal aufgehört hatte, verspürte er keinen Drang dazu weiterzutrinken. "Als mir klar wurde, dass ich nicht allein bin, dass es Tausende von Menschen wie mich gibt, begannen sich alle meine Ängste aufzulösen."

Heute beherrscht ihn die Sorge, dass der Lockdown viele an die Flasche bringt. "Das Trinken ist so ein starker Drang, weil es das Unbehagen am Leben lindert, und es gibt im Moment so viele Millionen Menschen, die sich in einem großen Unbehagen befinden."

"Die Leute sitzen in Hochhauswohnungen mit Kindern fest und haben nichts zu tun. Der Druck ist unvorstellbar groß, also suchen sie natürlich nach Entlastung." Sich allein zu helfen ist nicht möglich, meint Hopkins. "Das Markenzeichen von jedem, der süchtig nach ist, ist die Sturheit. Sie denken alle: 'Ich kann es schaffen.'". Hopkins Rat an alle Gefährdeten. "Man schafft es nicht allein. Tun Sie alles, was Sie können, um eine Verbindung zu jemandem zu bekommen, denn Trinken ist eine Form von Selbstmord.

Heute meidet Hopkins die Hollywood-Blase. "Früher war ich auf Partys und in Bars, habe mich besoffen und einen Blackout gehabt. Jetzt bin ich ganz zufrieden, wenn ich allein bin. Wenn der Produzent am Anfang eines Films sagt: 'Wir gehen heute Abend essen, um uns kennenzulernen', denke ich: 'Oh, oh'. Aber ich lasse mich darauf ein." Dann blicke er sich im Raum um und merke, dass auch die anderen nicht da sein wollen. Er denkt auch über den eigenen Tod nach, "aber nicht morbide - ich hoffe einfach, dass ich mit allem im Reinen bin, wenn es so weit ist".

Quelle: "London Times"


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