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Berlinale-Tagebuch: Tag 5: Wie die Oscars - nur mit Hirn

Halbzeitpfiff. Die Hälfte des Festivals ist überstanden, der Rote Teppich wird ausgewechselt. Zeit für das etwas andere Mini-Fazit. Die erste rauchfreie Berlinale hat in den diversen Locations wider Erwarten nicht zu kollektiven Entzugskrämpfen geführt. Und die Qualmer-Trauben vor den Türen waren überraschend klein.

Von Bernd Teichmann

Vielleicht, weil auf zahlreichen Partys aufgrund erteilter Raucherlaubnis munter drauflos gedampft werden durfte. Auf der Fete zum deutschen Panorama-Gangsterfilm "Chiko" im Rodeo Club etwa lag die Luftqualität knapp unter dem Pegel eines ukrainischen Kohle-Hochofens aus den fünfziger Jahren.

Weitere Erkenntnis zum Pausentee: Draußen schmauchen auf dem Potsdamer Platz führt zu neuen Erkenntnissen. Dass Berlin und Nürnberg offenbar neuerdings eine Eisbären-Partnerschaft pflegen, wie der überall auf die Häuserpfeiler geschriebene Gruß "Knut welcomes Flocke" vermuten lässt. Ebenfalls gelernt: Die Berliner haben's mit den Celebritys noch immer nicht so richtig drauf. Während bei der Premiere des Panorama- Beitrag "Transsiberian" ein Schaulustiger den Auftritt des Hauptdarstellers Ben Kingsley mit "Kuck ma, det is doch der Typ aus Star Trek" kommentierte, reichte das Wahrnehmungsvermögen eines anderen während des Star-Defilées bei der Cinema for Peace-Gala nicht einmal für eine Verwechslung: "Sach ma, det is doch der Schauspieler, der in diesem Heftchen drin war." Auch über die Unternehmungslust mancher prominenter Gäste wurde auf hohem Niveau gemutmaßt, wie beim Inder-Idol Sharukh Khan, als dieser kurz vor seiner Pressekonferenz den Fans noch ein paar Bildchen bekritzelte: "Und watt machta jetzt? Gehta zu Starbucks?"

Erste Pöbeleien sind zu beobachten

Ebenso Tradition wie der Tausch des filzigen Geläufs vorm Berlinale Palast hat die zunehmende Transparenz des Nervenkostüms der Medien-Kollegen. Vor allem, wenn es um die Platzbesetzung im Kino geht, ist der freundliche Umgangston missmutigem Geraunze gewichen. Die ersten Pöbeleien waren schon zu beobachten. Keine Diskussionen gibt es indes über den Tabellenstand in Sachen Goldener Bär. In den drei Kritikerspiegeln des Tagesspiegel, der Morgenpost und der Berliner Zeitung ist Paul Thomas Andersons etwas kraftmeierisches Öl-Baron-Porträt "There Will Be Blood" bisher klarer Favorit, mit sicherem Abstand folgen die Philip Roth-Adaption "Elegy" von Isabel Coixet und der Iraner "The Song of Sparrows". Der Jury wird's egal sein.

Würde sie einen Preis für die gediegenste Veranstaltung vergeben, wäre der Empfang zu Dennis Lees außer Konkurrenz präsentiertem Familiendrama "Fireflies in the Garden" sicherlich ganz weit vorne. Die Location im Hotel de Rome war derart mondän und Ajax-sauber, dass man schon ein ungutes Gefühl bekam, wenn man seine verbrauchte Luft ausatmete. Gleichzeitig konnten die Gäste dank des Verzichts auf die übliche VIP-Parzelle bei Bedarf mit den Film-Beteiligten wie Willem Dafoe oder Ryan Reynolds plauschen. Allerdings hätten sich dafür die meisten Julia Roberts gewünscht, die es aber ja bekanntermaßen vorgezogen hatte zu Hause zu bleiben, um die Mutter für ihre Kinder zu spielen.

Ganz nah dran an Berühmtheiten wie Cathérine Deneuve, Christopher Lee, Hilary Swank, Anna Netrebko, Garry Kasparow oder Uns Joschka durften auch jene gut betuchten Menschen sein, die für einen Betrag knapp über dem Harz IV-Satz einen Platz für die Cinema for Peace-Gala im Konzerthaus am Gendarmenmarkt erworben hatten. Bei lecker Essen, untermalt von Klanggewittern im Stil des "Krieg der Sterne"-Leitmotivs, wurden zum siebten Mal diverse Preise für moralisch einwandfreies Kino (Wertvollster Film: "Persepolis", Ehrenpreis: der Typ aus "Star Trek") verliehen und diverse Dinge (Ein Bild von Jonathan Meese: 18.000 Euro) für einen guten Zweck versteigert, in diesem Fall der United Nations Development Fund for Women.

Bob Geldorf schrammt haarscharf am Pathos-Sumpf vorbei

Eine der Galionsfiguren des Ganzen ist Eventveranstalter Bob Geldorf, der mit seiner Ansprache diesmal einige Male haarscharf am Pathos-Sumpf vorbeischrammte. Besonders denkwürdig seine Bemerkung, Cinema for Peace ("Welcome to the Oscars with brains", Geldorf), sei inzwischen wichtiger als die Berlinale selbst. Wer weiß, dass Festival-Chef Dieter Kosslick unlängst aus dem Board des Charity-Events ausgetreten ist, weil zu viele Leute mittlerweile denken, die Veranstaltung sei Teil der Berlinale, könnte das auch kleine Retourkutsche interpretieren. Wie auch immer, nachdem auch die letzte Auszeichnung - die Doku "Unsere Erde" bekam den neuen Umweltpreis Clean Energy Award, gestiftet von BMW (das ist die Firma, die diese ökologisch wertvollen Großstadt-Jeeps herstellt) - verteilt und der letzte Zuschlag erteilt wurde (für 2000 Euro durfte jeder mit "Wir sind Helden" und Jasmin Tabatabai auf der Bühne "With a Little Help From My Friends" singen), wurde gut gesättigt und besten Gewissens bis in den frühen Morgen gefeiert.

Ein schneller Blick noch auf den Wettbewerb, - wir wollen wir ja nicht vergessen, warum wir eigentlich hier sind - der auch an diesem Tag nicht still stand. Den Anfang machte um neun Uhr morgens als wirkungsvolle Hallo-wach-Pille der Favela-Thriller "Tropa de Eilta" von José Padilha, ein knallharter Trip durch Rios Elendsviertel, angesiedelt 1997, kurz vor dem Besuch des Papstes. Zu gleichen Teilen eine Melange aus Martin Scorseses "Mean Streets", "City of God" und Sidney Lumets Polizei-Dramen, schildert der Film den Alltag der titelgebenden Spezialeinheit, deren Kampf im hügeligen Moloch aus Drogenhandel, Korruption und einer völlig desinteressierten Politik nur kosmetische Wirkung hat. In Brasilien sorgte die Innenansicht der militärpolizeilichen Elite-Truppe "Bope", die zum Erreichen ihrer Ziele auch Foltermethoden anwendet, für hitzige Kontroversen, die bis in den Kongress hinein gefochten wurden. Padilha fand sich plötzlich zwischen den Fronten wieder. Die einen warfen seinem Werk wegen der realistischen Darstellung faschistoide Tendenzen vor, während die Bope-Führung ohne Erfolg juristische Schritte einleitete. "Tropa de Elita" hat auf jeden Fall einen Nerv getroffen: Er war in seinem Heimatland die erfolgreichste Produktion des letzten Jahres. Und lässt einen trotz der phasenweise holprigen Dramaturgie nicht kalt.

Doris Dörrie präsentiert ihren schönsten Film seit Jahren

Eher gerührt als geschüttelt ließ einen der deutschen Bären-Kandidat "Kirschblüten - Hanami" zurück. In ihrem schönsten Film seit Jahren erzählt Doris Dörrie von einer Trauerbewältigung der exotischen Art. Nachdem seine Frau Trudi (Hannelore Elsner) überraschend gestorben ist, macht sich der krebskranke Rudi (großartig: Elmar Wepper) auf nach Japan, um seinen Sohn, der in Tokio lebt, zu besuchen und das Land, von dem sie immer geträumt hat, durch ihre Augen kennenzulernen. Eine warmherzige, poetische Meditation über die Liebe, verpasste Möglichkeiten, Selbsterkenntnis und Wiedergutmachung, die vor dem prächtigen Panorama des Fujijama ihr glücklich unglückliches Ende findet. Ein Poet, aber der blutigeren Art, ist Johnnie To, der dank elegant gefilmter Reißer wie "Election" oder "Exiled" zu den Stammgästen internationaler Festivals zählt. In Berlin steht der Hongkong-Chinese hingegen mit einer erstaunlich leichtfüßigen Gaunerei um vier sympathische Taschendiebe im Wettbewerb, die wegen einer bezaubernd schönen Frau plötzlich aus der Bahn geworfen werden. "Sparrow" wird sicherlich nicht als eines von To's Großwerken in die Filmgeschichte eingehen, bleibt aber wegen seines extrem lässigen Soundtracks und eines in strömendem Regen inszenierten Showdowns zwischen zwei mit Regenschirmen bewehrten Langfinger-Banden in Erinnerung.

Heute geht es weiter mit 145 Minuten über einen ziellos durch Paris wandernden Koreaner, einer gebeutelten Lehrerin aus Nord-London und einer Dokumentation über die Geschehnisse im Bagdader Abu-Ghraib-Gefägnis. Wir sind ja schließlich nicht nur zum Spaß hier.