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Berlinale-Tagebuch: Tag 7: Als Madonna meine Zeit stahl

Drei Wettbewerbsfilme jeden Tag, dazu noch diverse Nebenrollen, Podiumsdiskussionen zur Zukunft des Films, Menschen, die man nie trifft, Empfänge und Partys im Stundentakt - bei der Berlinale möchte man sich am liebsten klonen. Wie ärgerlich, wenn einem da jemand die Zeit stiehlt.

Von Kathrin Buchner

Sie ist intensiv, fordernd und ein Kontrollfreak. Sie verfügt über meine Zeit nach ihrer Willkür und zwingt mich, einen ganzen Tag mit ihr zu verbringen. Dabei ist sie eine Debütantin, nicht ganz dilettierend, aber alles andere als brillant. Pop-Superstar Madonna wirft am achten Festival-Tag ihren Köder in Form ihres ersten Films aus und mit mir tappt ganz Berlin in ihre Falle.

Ich verzichte sogar auf das Berlinale-Durchhalte-Powermüsli, das mich ohne Nachschub durch zwei Filme trägt - 10.15 Uhr ist Showtime für Madonnas Debütfilm "Filth and Wisdom", "Schmutz und Weisheit". Es ist 9.45 und 300 Journalisten schubsen, drängeln, quetschen sich vor der geschlossenen Tür des Kinosaals. Rien ne va plus, nichts geht mehr. "Das ist Behinderung unserer Arbeit", schreit ein ergrauter älterer, beleibter Herr. "Was soll ich bloß schreiben", jammert eine junge Frau verzweifelt. Erwachsene Menschen im Starrausch - ist es die Angst vor dem nörgelnden Chefredakteur, vor dem leeren Blatt Papier, das zu füllen ist, hat man das Gefühl, ausgegrenzt zu sein, verspürt man Wut und Ungerechtigkeit, nicht Teil der Madonna-Community zu sein? Ich weiß keine Antwort.

Zumindest die Berlinale-Leitung gibt sich völlig ungerührt angesichts des Hypes. Es sei eben ein Panorama-Film, dafür hätte man keinen großen Kinosaal. Nein, ist es nicht. Es ist ein Madonna-Film. Würde Robert de Niro ein Soloalbum präsentieren, würde man mindestens die Berliner Columbiahalle buchen und nicht den Bar-Club in Berlin-Mitte - ob er singen kann oder nicht.

Zigeunerpunker streunt durch London

Geduld zahlt sich aus, die übernächtigte Berlinale-Reporterin hat keine Alternativen im Kopf, und auf einmal, Sesam öffne dich, nach zwanzig Minuten, als sich die wütende Meute entfernt hat, bin ich doch noch drin. Und vom ersten Augenblick an gefesselt von den skurrilen Szenen: Hauptdarsteller Eugene Hutz steht vor einer Schultafel und legt einen Krawatten-Typ im Anzug übers Knie. Dann sieht man ihn mit Zigarette und Whiskey-Glas in der Badewanne liegen und Verse aus einem Buch zitieren, dann wieder vagabundiert er durch London, in abgerissenen Army-Klamotten, Ketten um den Hals und mit auf die Trainingshose geheftete Orden. Ein Musik-Punk, ein Pirat im Großstadt-Meer, ein Klingenputzer, der im Direktmarketing das Album seiner Band Gogol Bordello Restaurantchefs und Plattenläden-Besitzern aufschwatzt.

Die nächste Szene zeigt die High-Heels von Striptänzerinnen vor dem roten Vorhang. Willkommen in der Madonna-Galaxie, ein Glitzer-Kosmos aus Sternchen, Lebenskünstlern, Sex-Fantasien und treibenden Beats.

Das bewegte Leben der Popgöttin aus Michigan bietet genug Stoff, den sie großzügig auf drei Protagonisten verteilt, die sich eine Dreier-WG teilen: Andrly "AK" Krystiyan (Eugene Hutz), der seine Karriere als Popstar vorantreibt und seine Brötchen mit erotischen Dienstleistungen verdient. Holly ist Holly Weston, eine junge Madonna-Kopie, die im Stripclub landet, aber eigentlich Ballet-Star werden will - eine Karriere, die Madonna in New York auch vorschwebte, bevor sie aus Geldmangel aufs Singen umsattelte. Ihr Faible fürs Stangentanzen hat sie in diversen Bühnenshows lukrativ genützt.

Wiedersehen in Cannes

Und dann ist da noch Juliette (Vicky McLure). Die arbeitet in der Drogerie und träumt davon, armen Waisenkindern in Afrika zu helfen. Auch diesen Teil der Story kennen wir aus Madonnas Leben. Er heißt David, ist eineinhalb Jahre alt, stammt aus Malawi und ist ihr Adoptivsohn. Wie sie uns später in der Pressekonferenz verrät, wird ihre weitere Laufbahn als Regisseurin auch einen Dokumentarfilm über dieses afrikanische Land markieren, der dann in Cannes vorgestellt werden soll.

Es ist ein buntes Spektakel, wie ein überlanges Musikvideo, garniert mit Alltagsweisheiten von Eugene Hutz, mit flapsigen Dialogen und emotionalen Achterbahnfahrten der Darsteller, plakativ, kurzweilig, ohne Tiefgang. Das Debüt einer Filmschülerin eben, Madonnas zweiter Bildungsweg kurz bevor sie 50 wird. Noch kein Meilenstein, aber die Reifeprüfung ist bestanden. Ihre Patchwork-Arbeit, die eigentlich erst 20 Minuten dauern sollte, aber im Laufe der Dreharbeiten auf 80 Minuten erweitert wurde, reicht für den Gesellenbrief im Regieführen. Am nötigen Kleingeld für den zweiten Frühling hinter der Kamera mangelt es ihr schließlich nicht, und besser als die Leistungen vor der Kamera ist es allemal.

Stripperin im Lolita-Look erinnert an die frühe Madonna

Der witzigste Moment des Films: Eine Tänzerin strippt zu Madonnas "Erotica", die Musik bricht abrupt ab, Britney Spears' "Hit me one more time" ertönt, und Holly hüpft im Schulmädchen-Lolita-Look mit karierten Mikro-Rock und weißem Blüschen auf die Bühne. Selbstironie pur.

Zur Erholung gibt's Milchkaffee einer bekannter Kaffeehaus-Kette mit Ausblick aufs Hyatt Hotel, Hirn und Magen des Festivals. Immer mehr Madonna-Fans drängen an die Absperrungen. Der Potsdamer Platz verwandelt sich in einen Hochsicherheitstrakt - so viel Aufwand für eine Berufsanfängerin? Fasziniert von dem Spektakel verpasse ich den einzigen Wettbewerbsfilm, den Madonnas allmächtiges Zeitfresser-Gebahren erlaubt hätte: Italiens Kinostar Nanni Moretti als trauernder Witwer in Antonello Grimaldis "Caos calma". Ein schöner, ein ruhiger Film, sei es gewesen, erzählt mir eine Kollegin, während wir uns Stufe um Stufe auf dem Weg in die Pressekonferenz vorarbeiten.

Denn der Madonna-Hype nähert sich dem Gipfel: Die Diva stellt sich den Fragen der Presse. Als Zermürbungstaktik hat sie uns eine Stunde Warten auferlegt. Sie habe "Schmetterlinge im Bauch", ruft sie den ausrastenden Fans beim Eingang zu. Während wir Journalisten uns wieder mal um die Plätze prügeln. Wie bei einem Rockkonzert wird man ganz vorne zerquetscht, eine japanische Journalistin verliert ihre Tasche im Gewühl. Ich habe Angst um den Fotografen mit dem hochroten Schädel und wünsche mir einen dieser Gräben, in dem Sanitäter stehen und hyperventilierende Fans vor der Absperrung rausziehen.

Nur eine Frage ist erlaubt

Bevor man sich setzen darf, muss sich jeder in eine Liste eintragen, mit Email-Adresse. Das will Frau Ciccone so. Kontrollfreak eben. Hätte sie Lampenfieber, sie versteckt es gut. Jede zweite Frage wird ignoriert, die Antworten beschränken sich meist auf einen Satz. Komplimente nimmt sie gerne entgegen, kritische Fragen ignoriert sie. Ihre Hauptdarstellerinen kommen selten zu Wort. Am Ende schnipst sie mit den Fingern, und Eugene Hutz muss eine Live-Performance auf der Gitarre spielen, während Madonna gönnerhaft mitklatscht. Mir ihr zu arbeiten könnte hart sein.

Madonna beherrscht auch die Cartbahn

Der erschlagene Geist und Körper sucht Ablenkung. Weit draußen vom Nabel der Kinowelt fahren kleine Autos schnell und stumpf im Kreis. Berlinale-Cart-Rennen in Marzahn mit Till Schweiger, Daniel Brühl und Tom Schilling. Der gewinnt zum zweiten Mal die Veranstaltung eines bekannten Energie-Getränk-Herstellers. Wo ist bloß Jürgen Vogel? Auf der Tanzfläche schüttele ich zu "Funk Soul Brothers" die Lähmung aus den Glieder, aber als "Music" von Madonna erklingt, fühle ich Beklemmung und muss ganz schnell gehen.