Berlinale-Tagebuch: Tag 8 Sehnsucht nach Rambo


Ob "Lady Jane" oder komplizierte französische Familiendramen: Die Berlinale ähnelt immer mehr dem Kleinen Fernsehspiel - ernste anspruchsvolle Themen, aber auf Dauer ein wenig anstrengend. Da sehnt man sich nach einem Nonnen-Porno aus Polen oder einer fröhliche Abtreibungskomödie und fragt: Wo bleibt das Popcorn-Kino?
Von Matthias Schmidt

Wir sind uns nicht ganz sicher, ob das jetzt als Kompliment für das ZDF durchgeht oder als Beleidigung für die Berlinale. Aber bei immer mehr Filmen, die man hier im Laufe des Wettbewerbs zu Gesicht bekommt, stellt sich unweigerlich der Gedanke ein: Oh, ganz hübsch, aber Kino? Wohl eher ein Kleines Fernsehspiel! Mit den üblichen Zutaten: Ernste Themen, gekonnt unaufgeregt in Szene gesetzt, kaum oder keine Stars.

Vor der Mattscheibe freut man sich meist über solche Preziosen, weit weg vom historisch-nostalgischen Event-TV, das momentan die Einschaltquoten dominiert. Aber mal ehrlich: Wer würde dafür freiwillig ins Kino gehen? Aus dem Haus, im Winter, für ein paar Euro mehr in eine enge Stuhlreihe gequetscht? Und irgendeiner deiner Sitzgenossen hat garantiert immer Schnupfen, Husten, Heiserkeit.

Bietet "Restless" mehr Betroffenheitsblicke?

Wie gesagt: Die Frage bleibt. Spricht das jetzt für die Qualität des deutschen Fernsehens oder gegen die Filmfestspiele. Ist "Lady Jane", ein französischer Kriminalfilm ohne Kriminalkommissar, einfach nur eine gemächlich inszenierte, von einer Rachegeschichte getriebene Variante des "Tatorts" oder tatsächlich unerhört intensives Kino?

Bietet "Restless", eine Vater-Sohn-Geschichte zwischen Israel und New York, nie gesehene Einblicke in die Mentalität eines Volkes im Daueralarmzustand? Oder nervt der pseudo-poetische Unterton eines alternden Möchtegern-Filous, der plötzlich die Liebe für ein verstoßenes Familienmitglied, natürlich ein Scharfschütze, entdeckt, auf Dauer mehr als jeder Betroffenheitsblick von Veronica Ferres?

Schal und aufgeblasen

Und auch in "Il y a longtemps que je t'aime", einem französischen Familiendrama um eine Frau, die nach 15 Jahren Gefängnis - sie hat ihren Sohn ermordet - ihre Schwester besucht, kann zwar durch die Hauptdarstellerin Kristin Scott Thomas punkten, wirkt auf der großen Leinwand jedoch seltsam schal und aufgeblasen.

Aufgeblasen erscheinen auch die Streitereien im Vorfeld um "Feuerherz", der Verfilmung des Bestsellers von Senait Mehari. Die Wahrhaftigkeit ihrer Lebensgeschichte, es geht um ein Ausbildungscamp für Kindersoldaten während des Bürgerkrieges zwischen Eritrea und Äthiopien, ist gerade Gegenstand eines Gerichtsprozesses. Zudem protestieren Meharis Landsleute gegen ihre Schilderungen, auch vor dem Pressezentrum der Berlinale und neben dem Roten Teppich der nachmittäglichen Premiere.

Eine zu oft gehörte Gutmenschen-Story

Den mit deutschem Geld produzierten Film von Luigi Falorni ("Die Geschichte vom weinenden Kamel") macht das leider auch nicht besser. Zu schlicht, zu eindimensional erzählt "Feuerherz" die Erlebnisse eines Mädchens, das den patriotisch berauschten Kämpfern frech die Stirn bietet: Warum töten wir Menschen, die die gleichen Haare und die gleichen Schuhe haben wie wir? Im Vergleich zum Buch kommt der Film recht abgespeckt daher, Genozid light sozusagen. Vielleicht damit das weicher gespülte Plädoyer für Courage und gegen Kriegsgräuel aller Art leichter ein Massenpublikum erreicht. Aber - so zynisch das jetzt klingen mag - diese afrikanische Gutmenschen-Story haben wir einfach schon zu oft gehört, Bestseller hin, Anwaltskosten her. Dann doch lieber "Hotel Ruanda".

Wenig Lichtblicke also in den letzten hochnebligen Berlinale-Tagen. Die spannenderen Beiträge laufen in den Nebenreihen, erwähnt seien hier nur "Lemon Tree", "Regarde-Moi", "God Man Dog" oder "Megane". Die Kritiker, die für verschiedene Berliner Tageszeitungen und Fachzeitschriften Sterne vergeben, sind sich manchmal nicht ganz einig, im Großen und Ganzen überwiegt aber das Gemaule. Kurz vor dem Endspurt des Festivals fällt die Bilanz eher nüchtern aus. Der Wettbewerb, der bereits auf dem Papier wenig prickelnd, wenig innovativ aussah, konnte auf der Leinwand nicht das Gegenteil beweisen. Viele alte Männer, viele alte Probleme, die graue Berlinale.

Ein Blick über den Blockbuster-Kinohorizont

Wo bleibt nur die dänische Mohammed-Komödie, der Nonnen-Porno aus Polen oder die fröhliche Abtreibungskomödie aus den USA. Ein wenig Rock, auf dass die Deutschen, die faulsten Kinogänger Europas, auch abseits der Berlinale von alleine in die Filme rollen. Die Filme des Festivals drehen sich um sich selbst, eine geschlossene Filmkunst-Gesellschaft. Sie laufen auf dem Festival vor vollen Sälen, aber auch nur auf dem Festival. Viele werden, wenn überhaupt, nur auf DVD eine zweite Chance bekommen.

Vielleicht ist das ja auch der Sinn einer solchen Veranstaltung: Den Blick über den Blockbuster-Kinohorizont, in selten besuchte Täler und Schluchten, selbst wenn dort nur anspruchsvollere TV-Filme gedeihen und Kunsthandwerk, das unter besonders glücklichen Umständen mal irgendwann zwei Wochen lang in einem urbanen Programmkino zu sehen sein wird.

Wir sehnen uns jedenfalls am Ende des Tages nach ein wenig Stärkung, nach kommerziellem Allgemeingut. Ist nicht gerade der neue "Rambo" angelaufen?


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