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Berlinale-Tagebuch: Ein Hauch von Rosenöl

Auch wenn der Valentinstag noch kommt: Am dritten Tag der Berlinale wurden so viele Liebesgeschichten aufgeführt, dass es den Festivalbesuchern richtig romantisch ums schneematschkalte Herz wurde.

Erste Liebe: Die Weltpremiere des lang erwarteten neuen Werks von Terrence Malick. Der große Schweiger (Malick, nicht Til) hat in den letzten drei Jahrzehnten konsequent alle Interviews verweigert und gerade mal drei Filme gedreht ("Badlands", "In der Glut des Südens" und "Der schmale Grat"). Sie gehören allesamt zum Besten, was je das Licht eines Projektors erblickte. Man mag Malicks Naturlyrik kitschig finden, seine mäandernden Geschichten ermüdend, seine Hintergrundkommentare prätentiös, doch wer sich einmal auf den hypnotischen Sog seiner Bilder und Erzählebenen einlässt, sieht die Welt danach tatsächlich mit neuen Augen.

Auch "The New World", der hier außer Konkurrenz läuft, bietet wieder klassisches Malick-Formelkino. Flüsse, Windgräser, Blätterbäume im Gegenlicht bis zum Abwinken. Erzählt wird die altbekannte Pocahontas-Geschichte, auch wenn der Name der blutjungen Indianer-Prinzessin, die einem englischen Siedler-Captain das Leben rettet, kein einziges Mal fällt. Wer aber gedacht hatte, der Herr Phantom-Regisseur würde vielleicht die Pressekonferenz beehren, den roten Teppich beschreiten: Irrtum.

Geburtstagsständchen vom Pressevolk

Nicht mal die männlichen Hauptdarsteller Colin Farrell und Christian Bale ließen sich blicken. Stattdessen erschienen Malicks Produzentin: "Schöne Grüße von Terry. Er arbeitet gerade an einem Che Guevara-Drehbuch. Was ich gut finde, sonst dauert es wieder zehn Jahre bis zu seinem nächsten Projekt", einer seiner Kameramänner und die Hauptdarstellerin Q’Orianka Kilcher, der zu ihrem 16. Geburtstag vor der Pressekonferenz von den Journalisten und Fotografen ein Ständchen geträllert wurde.

Größte Überraschung: In der "Neuen Welt" steckt ganz schön viel Deutschland. Kameramann Jörd Widmer ist Deutscher. Q’Orianka ist im Schwarzwald geboren, wo ihre Großmutter mütterlicherseits wohnt, die ihr zum Geburtstag Rosenöl schenkte. Und – Achtung, Achtung! Exklusiv-Meldung! Knallhart bei Branchen-Insidern recherchiert und nur hier im Berlinale-Tagebuch von stern.de zu lesen – Terrence Malick spricht ziemlich gut deutsch. Uff, jetzt ist es also raus.

German Allstars

Ziemlich viel deutsch wurde auch beim Wettbewerbsbeitrag gesprochen, der Verfilmung des französischen Bestsellers "Elementarteilchen". Regisseur Oskar Roehler ("Agnes und seine Brüder") und Produzent Bernd Eichinger ("Adolf und seine Sekretärin") haben aus dem pessimistisch-pornographischen Gesellschaftsentwurf des Autors Michel Houellebecq zwei ergreifende Liebesgeschichten herausgeschält und dafür ein germanisches Allstar-Team verpflichtet. Bleibtreu, Gedeck, Ulmen, Potente, Hoss kamen, Ochsenknecht, Knaup, Gwisdek, Harfouch, Tabatabai blieben zumindest der Pressekonferenz fern.

Das Wichtigste in Kürze: Moritz Bleibtreu tummelt sich nicht so gerne nackt vor der Kamera, ist ansonsten "ziemlich hemmunglos". Franka Potente kannte vorher nicht alle Kollegen persönlich. Christian Ulmen lehnte seine Rolle des verklemmten Molekularbiologen an der Emotionslosigkeit des Terminators an und wünscht sich Popcorn, das nicht knirscht beim Kauen. Und für Martina Gedeck ist der Film eine "wunderbar schöne, großartige Liebesgeschichte", ein "Monument über die Liebe".

Und als dann auch noch Michel Gondry ("Vergiß mein nicht") in seinem neuen Film "The Science of Sleep" den Mexikaner Gael García Bernal mit der Französin Charlotte Gainsbourg aufs zauberhafteste verkuppelt; und Cillian Murphy im herzerweichenden neuen Neil Jordan-Werk "Breakfast On Pluto" die Liebe zu seinem Vater (Liam Neeson) entdeckt, roch es sogar im Kino plötzlich ein wenig nach Rosenöl.

Happy Birthday Q’Orianka! Happy Valentine für den Rest von uns!

Matthias Schmidt