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Berlinale-Tagebuch Von Guantánamo über den Iran in die schwäbische Provinz


Die Jagd nach den Bären spitzt sich zu: Immer mehr gute Beiträge kristallisieren sich heraus. Aus dem Abseits kommt der iranische Fußballfilm, aus der schwäbischen Provinz die Teufelsaustreibung.

Kurz vor Verteilung der Bären schicken die Vereinten Nationen unverhofft eine Steilvorlage für Michael Winterbottom. Als hätten sie gerade eben seinen Film "The Road to Guantánamo" gesehen, haben die Experten der UN-Menschenrechtskommission die Vereinigten Staaten aufgefordert, endlich ihren Hochsicherheitsknast auf Kuba zu schließen. Da die Jury sicherlich auch Zeitung liest, ist durchaus damit zu rechnen, dass sie mit einem Preis-Votum zugunsten Winterbottoms dieser Forderung Nachdruck verleihen könnten.

Die Entscheidungsfindung wird jedenfalls kein Spaziergang, zumal der Wettbewerb mit seinen beiden letzten Beiträgen zu später Stunde erneut die Schlagzahl erhöht hat. Zunächst sorgte der sonst eher schwerere Kost servierende Iraner Jafar Panahi für morgendlichen Frohsinn im Saal. Seine charmant-freche Sozialkomödie "Offside" erzählt von fünf Teheraner Mädchen, die bei ihrem Versuch, als Jungs verkleidet das alles entscheidende Qualifikationsspiel zwischen dem Iran und Bahrain im Stadion zu sehen, von den wachhabenden Soldaten am Eingang abgefischt werden.

Iranische Mädels als Fußball-Maniacs

Nach wie vor ist es Frauen im Mullah-Staat nicht erlaubt, ein Fußballspiel zu besuchen, da die rüden und zotigen Gesänge der männlichen Fans, so die offizielle Lesart, nicht für ihre Ohren bestimmt sind. Die Festgenommenen werden deshalb in eine Absperrung direkt hinter der Tribüne gesetzt, wo sie durch das Gebrüll der Zuschauer gerade mal erahnen können, was auf dem Rasen passiert. Schlimmer noch: das Wachpersonal hat null Ahnung von Fußball, und so versuchen die Mädels mit immer neuen Finten, ihre Bewacher zu überlisten, um doch noch irgendwie auf die Ränge zu kommen. In einer besonders drolligen Szene gelingt es einem der Mädchen tatsächlich auszubüxen, nachdem es vorher für einen Gang auf die Männertoilette (für Frauen gibt's logischerweise keine) ihr Gesicht mit einem Poster des iranischen Bayern-Spielers Ali Karimi bedecken musste.

Iranischer Filmemacher hat Drehbuch unter falschem Namen eingereicht

Dass derartige systemkritische Respektlosigkeiten bei den Zensurbehörden nur wenig Begeisterung auslösen, liegt auf der Hand. Panahi ist das gewohnt: Bislang hat keins seiner regelmäßig auf internationalen Festivals ausgezeichneten Werke in seinem Land das Licht der Leinwand erblickt. Und da die Regierung mittlerweile alles daran setzt, um den nächsten Filmversuch des unbequemen 44-Jährigen zu verhindern, hatte er das "Offside"-Drehbuch unter falschem Namen und abgeändert eingereicht. Dahinter kamen die Behörden erst, als die Dreharbeiten schon fast abgeschlossen waren, was den Vorteil hatte, dass er nahezu ungehindert am und im Stadion während des Spiels filmen konnte und "Offside" somit eine beeindruckende Authentizität erhalten hat. Wer es übrigens schon wieder vergessen haben sollte: Iran ist nach einem 1:0 ab 9. Juni dabei.

Exorzismus in der schwäbischen Provinz

Ebenfalls ein junges Mädchen steht im Mittelpunkt des vierten und letzten deutschen Bären-Anwärters "Requiem". Basierend auf dem wahren Fall der Anneliese Michel, die in den siebziger Jahren an den Folgen eines Exorzismus starb, schildert Regisseur Hans-Christian Schmid das Schicksal der jungen Michaela Klingler. Die von der 27-jährigen Theaterschauspielerin Sandra Hüller grandios verkörperte Epilepsiekranke hofft, durch ihren studienbedingten Umzug nach Tübingen ihrem muffigen, kleinbürgerlichen Umfeld zu entkommen. Doch Rückfälle und Wahnvorstellungen bereiten ihrem Ausbruchsversuch ein schnelles Ende. Als die gläubige Katholikin beginnt sich einzubilden, sie sei von Dämonen besessen, eskaliert die Situation. Während eines Weihnachtsbesuchs bei ihren Eltern erleidet sie einen weiteren schlimmen Anfall und wird zunehmend aggressiver, vor allem gegenüber ihrer abweisenden Mutter. Nach Rücksprache mit den Eltern und den beiden Priestern des Dorfes stimmt das Mädchen schließlich einem Exorzismus zu.

Familiendrama, theologischer Exkurs und Provinzposse

Schmid ist intelligent genug, seine Geschichte hier enden zu lassen. Im Gegensatz zu dem amerikanischen, auf dem selben Fall beruhenden Pendant "Der Exorzismus der Emily Rose" setzt er nicht auf Schockeffekte und weigert sich überdies, die Existenz dämonischer Besessenheit anzuerkennen. "Reqiuem" ist weitaus subtiler, reicher und vielschichtiger. Er ist zugleich Psychogramm, Familiendrama, theologischer Exkurs und ein mikroskopisch genauer Blick in die schwäbische Provinz der Siebziger und auf die Kollision von Moderne und Tradition im Zuge der 68er-Bewegung.

Außer Konkurrenz und ausnahmlos gut: "Capote"

Ein bisschen was zum Genießen zauberte Festival-Direktor dann noch außer Konkurrenz aus dem Hut: Bennett Millers Schriftsteller-Porträt "Capote", das soeben fünfmal für den Oscar nominiert worden ist. Eine davon ging an Millers Jugendfreund Philip Seymour Hoffman, der hier, ohnehin schon einer der besten Schauspieler Amerikas, näselnd, jammernd, trinkend, kokettierend und beleidigend, die Vorstellung seines Lebens bietet. Nicht als klassisches Biopic angelegt, setzt die Handlung des Films 1959 ein, als Truman Capote bereits ein gefeierter Schriftsteller war und für den "New Yorker" eine Reportage über den blutigen Mord an einer vierköpfigen Familie in Kansas schreiben will. Als während seiner Recherchen die beiden Täter in Las Vegas festgenommen werden, beschließt der exaltierte, offen mit seiner Homosexualität umgehende Autor, das Ganze zu einem Buch zu verarbeiten und zwar als spannenden Tatsachen-Thriller.

Capotes Ende als Schreiber

Sechs Jahre, bis zur Hinrichtung der Mörder, werden vergehen, bis das Buch mit dem Titel "Kaltblütig", begleitet von großem Medien-Trara, einschlägt wie eine Bombe. Sechs Jahre, in denen er die Killer, vor allem Perry Smith (Clifton Collins Jr.), unterstützt, ausgenutzt, umgarnt, verletzt, fallengelassen und beim Blick in ihre Gesichter auch in die eigenen Abgründe geblickt hat. Bis zu seinem Tod 1984 hat Truman Capote kein weiteres Buch mehr veröffentlicht.

Die Bären-Prognose

Keine Frage: wäre "Capote" im Bärenrennen, würde Philip Seymour Hoffman nach dem Golden Globe und vor dem Oscar garantiert den Darstellerpreis mitnehmen, denn es gab zwar viel viel Gutes, aber nichts Besseres. Und wenn wir schon gerade von Oscars und Bären sprechen, wagen wir doch mal eine kleine Prognose, Academy Award-Style:

The Nominees...

•for Best Film are:
"The Road to Guantánamo", "A Prairie Home Companion", "Reqiuem", "Sehnsucht".
•for Best Director are:
Michael Winterbottom, Robert Altman, Hans-Christian Schmid.
•for Best Actress are:
Abbie Cornish ("Candy"), Sigourney Weaver ("Snow Cake"), Meryl Streep ("A Prairie Home Companion"), Sandra Hüller ("Requiem")
•for Best Actor are:
Jürgen Vogel ("Der freie Wille"), Heath Ledger ("Candy"), Moritz Bleibtreu ("Elementarteilchen")

And the Bear goes to: Wir hören uns dann morgen.

Bernd Teichmann

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