HOME

Stern Logo Berlinale

Deutsche Filmförderung: Das Kino ist tot - es lebe das Kino

In Deutschland entstehen derzeit mehr Filme denn je. Das liegt unter anderem an der großzügigen Unterstützung der Deutschen Filmförderung. Pünktlich zur Berlinale hat Kulturstaatssekretär Bernd Neumann nun die Verlängerung der Förderung angekündigt. Bleibt nur die Frage, ob die Nachfrage an deutschen Filmen überhaupt groß genug ist.

Von Sophie Albers

60 Millionen Euro groß ist der Topf des im vergangenen Jahr eingerichteten Deutschen Filmförderfonds (DFFF) der Bundesregierung. Und der wurde auch komplett geleert. Das Ziel: "Einen Anreiz zur Stärkung der Filmproduktion in Deutschland" zu schaffen, sprich Filme mit nationalen Themen oder nationalem Drehort. So kam unter anderem das neue Caroline-Link-Projekt "Im Winter ein Jahr" zu Stande, Tom Cruises "Valkyrie"-Dreh in Berlin und Umgebung, sowie auch ein Film namens "Dr. Alemán" mit August Diehl.

"Wir haben die vorgesehene Fördersumme voll ausschöpfen können, die Effekte auf Filmwirtschaft und Beschäftigung waren enorm", sagte Kulturstaatsminister Bernd Neumann nun im Vorfeld der Internationalen Filmfestspiele von Berlin und meint damit, dass dank des Geldes hier zu Lande mehr Regisseure "Action" rufen, mehr Caterer catern und sogar mehr Hollywoodianer über das Land, das doch mal 'ne Mauer hatte, nachdenken als bisher. Deshalb soll der Fonds über das Jahr 2009 hinaus verlängert werden. Befürchtungen, dass zu viele deutsche Filme produziert würden, suchte Neumann zu zerstreuen: "Das ist nicht der Punkt. Es geht vielmehr darum, dass wir größere, thematisch interessantere Filme brauchen, die das Publikum auch emotional ansprechen." Und so prophezeit der Staatsminister ein "gutes deutsches Kinojahr" 2008.

Dem gegenüber stehen allerdings die zunehmend schwachen Besucherzahlen in deutschen Lichtspielhäusern. Im Durchschnitt maximal zwei Mal setzte sich der Bundesbürger im Jahr 2007 vor die große Leinwand. Mit 125,4 Millionen Besuchern kamen 11,3 Millionen weniger Menschen in die Kinos als im besucherstarken Jahr 2006. Das gab die Filmförderungsanstalt (FFA) just am Vortag der Eröffnung der Berlinale bekannt. Das entspreche einem Minus von 8,2 Prozent. Der Marktanteil deutscher Filme sank dabei von 25,8 Prozent auf 18,9 Prozent. Wird da also ins Leere gefördert?

Kinolahme Deutsche

"Solche Zahlen können uns nicht erschrecken", sagte Michael Schmid-Ospach, Chef der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen im Interview mit stern.de. "Es ist eben so, dass die Deutschen kinolahmer sind als die Engländer und Franzosen. Gleichzeitig sind sie auch etwas unterentwickelt, was den nationalen Film angeht, aber da tut sich was."

Die Frage, ob das Auswirkungen auf die Förderung habe, verneint er rigoros: "Soweit ich das beeinflussen kann nicht. Es wäre auch töricht. Das deutsche Kino hat so viele interessante Filme vorzuweisen. Denken sie an 'Vivere', 'Emmas Glück' oder auch den großen Erfolg von Til Schweigers 'Keinohrhasen'. Natürlich muss man auch fördern, was nicht angenommen wird. Sonst hätte es einen Thomas Mann nie gegeben. Wenn man so will, war auch Goethe ein Fall für die Filmförderung. Wenn man vorher wüsste, was Erfolg hat, wäre man schlauer, als es die Menschen nun mal sind."

"Wir dürfen nicht immer Superlative erwarten", so die Einschätzung von DFFF-Projektleiterin Christine Berg. Der deutsche Film sei stärker geworden, auch in der Qualität, und habe sich gegenüber ausländischen Produktionen behauptet. Und das sei auch ein Erfolg der Förderung.

Limit bei 50 Prozent

Aber was heißt das eigentlich Filmförderung in Deutschland? Wer hier zu Lande als Filmemacher ein Kinoprojekt realisieren will, hat mehrere Möglichkeiten der Finanzierungshilfe: Er kann sich regional von den Landesfilmförderanstalten fördern lassen, er kann bei der Filmförderanstalt Unterstützung beantragen und aus besagtem DFFF schöpfen. Um das Budget zu komplettieren, kommt üblicherweise Geld aus der Abtretung der Auswertungsrechte an TV-Sender oder Film-Verleihe hinzu sowie der zehnprozentige Produzentenanteil und Privatinvestitionen.

Die Förderung ist natürlich an Bedingungen geknüpft: Ist eine regionale Förderung das Ziel, muss zum Beispiel das 1,5fache der Fördersumme im jeweiligen Bundesland ausgegeben werden. Das von der Europäischen Union vorgegebene Limit für die staatliche Förderung liegt bei 50 Prozent. 2007 haben die FFA, der Bund und Landesförderanstalten insgesamt 308,52 Millionen Euro vergeben, 34,69 Millionen davon allein die Filmstiftung NRW.

Davon profitiert haben Filmschaffende wie die Filmproduktion 2Pilots. Die Kölner Firma hat gerade "Dr. Alemán" mit August Diehl ("Die Fälscher") in der Hauptrolle abgedreht, der die Geschichte eines jungen Arztes in den Slums von Cali in Kolumbien erzählt. Der Film bekam 40 Prozent Filmförderung. Der DFFF war auch mit dabei. "Für die Branche ist es gut", sagt 2Pilots-Produzent Arne Ludwig. "Es gibt den Leuten Arbeit, und internationale Produktionen kommen ins Land." Natürlich würden große Namen oder bekannte Literatur als Vorlage bei der Bewerbung helfen, doch wenn der Stoff gut entwickelt, der Autor gut gewählt und die Verbindungen zu den Verleihern gut seien, habe jeder Film eine reelle Chance. "Wie überall in der Branche ist es für Anfänger schwierig", so der Produzent, der schon Filme wie "Die blaue Grenze" und "Der große Ausverkauf" betreut hat.

Popcorn und Parkhaus

An den nahenden Tod des Kinos wegen ausbleibender Zuschauer will er nicht glauben: "Es gibt Stoffe, die nur im Kino funktionieren", so Ludwig. "Ich denke der Schlüssel für eine potenziell gute Kinoauswertung liegt in der Auswahl der Stoffe, des Drehbuchs, der Schauspieler. Allerdings darf man auch nicht vergessen, dass Kino immer teuerer wird. Karte, Popcorn, Parkhaus, da sind mal eben 50 Euro weg, wenn man mit der Familie unterwegs ist." Auch Filmstiftungs-NRW-Chef Schmid-Ospach kennt die Unkenrufe: "Ich halte sie für berechtigt, wenn sie warnen: 'Gebt euch mehr Mühe'. Andererseits wurde auch das Buch schon zig Mal für tot erklärt wie auch das Theater. Und beide leben immer noch."

Wird 2008 nun also ein schwieriges oder leichtes Filmjahr für Deutschland? "Das Schwierige wird sein, dass vor allem durch das DFFF-Geld sehr viele Filme entstehen. Da besteht die Gefahr, dass manche es nicht auf die Startrampe schaffen. Aber lieber zu viele als zu wenige", so Schmid-Ospach. Oder wie FFA-Vorstand Peter Dinges es bei der Bilanz-Konferenz zusammenfasste: "Die Stimmung ist gut, die Zahlen waren leider schlecht".