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Stanley-Kubrick-Ausstellung: Zwischen Kult und Kontroverse

Das Werk Stanley Kubricks steht im Zentrum einer Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau. Parallel dazu präsentiert die Berlinale in ihrer Retrospektive alle Filme des Regisseurs.

Bei seinem Amtsantritt im Januar 1981 fragte US-Präsident Ronald Reagan, wo denn nun der "War Room" sei. Die Antwort, eine solche Kommandozentrale der westlichen Welt gebe es nur in Stanley Kubricks Film "Dr. Seltsam", enttäuschte den ehemaligen Hollywood-Schauspieler sehr, so erzählen Anekdoten. Kaum ein Filmset hinterließ einen tieferen Eindruck wie der in dieser schwarzen Satire über einen apokalyptischen Atomkrieg gezeigte "Kriegsraum".

Ein Modell dieses Raums ist in einer großen Ausstellung zum Werk Kubricks im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen. Darüber hinaus zeigen Hunderte von Fotos, Requisiten, Kostümen, Drehbüchern, Briefen und Produktionsunterlagen, wie der vor sechs Jahren gestorbene Regisseur seine Filme machte. Diese sind dann während der Berlinale auch zu sehen - als Teil der Retrospektive.

Eklat um "Lolita"-Verfilmung

Kubrick, der 1928 im New Yorker Stadtteil Bronx geboren wurde und sich Anfang der 60er Jahre bei London niederließ, sorgte mit seinen Filmen wie kaum ein anderer Regisseur für Kontroversen. Nicht nur "Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte die Bombe zu lieben", der 1964 in den USA 17 Wochen zu den bestbesuchten Filmen zählte, sorgte für Streit. Nach der Premiere von "Lolita" (1962) erreichten ihn Protestbriefe, die ihm die Darstellung sexueller Abartigkeiten vorwarfen.

Seinem umstrittensten Film "Uhrwerk Orange" (1971) warfen Kritiker die ästhetische Darstellung von Gewalt und Sex vor. Beethovens 9. Symphonie nutzt die Hauptfigur Alex als Aphrodisiakum, bei dem Song "Singin' in the Rain" verprügelt Alex einen Mann. Nachdem Kubrick zahlreiche Drohbriefe erhielt, zog er den Film in Großbritannien zurück. Gleichzeitig wurde die in der nahen Zukunft angesiedelte Anti-Utopie einer Gesellschaft, die dem Menschen seine Würde und Freiheit raubt, als Kultfilm verehrt.

Klassiker der Filmgeschichte

Kubrick beschäftigte sich auch mit der Frage nach der Wahrscheinlichkeit außerirdischen Lebens. So entstand "2001: Odyssee im Weltraum" - Kubricks vielleicht bekanntestes und technisch anspruchsvollstes Werk aus dem Jahr 1968, ein Klassiker der Filmgeschichte. Die innovativen Spezialeffekte setzten Standards im Science-Fiction-Genre.

"Ich habe versucht, ein visuelles Erlebnis zu schaffen, eines, das sich verbaler Etikettierung entzieht und mit seiner emotionalen und philosophischen Gestalt direkt ins Unterbewusstsein dringt", sagte Kubrick einmal. Immer wollte er, dass sich jeder Zuschauer alleine Gedanken über seine Filme machen sollte, dass sie für sich selbst sprachen. Allgemein gültige Deutungen lehnte er ab.

Auch unrealisierte Projekte mit dabei

Auf mehr als 1.000 Quadratmetern Fläche sind aber auch Requisiten, Fotos und Videosequenzen aus Werken wie dem Horrorfilm "The Shining", dem Vietnam-Film "Full Metal Jacket", dem Monumentalfilm "Spartacus" oder dem erotischen Film "Eyes Wide Shut" - seinem letzten Werk - zu sehen. Darüber hinaus werden ausführlich die unrealisierten Projekte "Napoleon" und "Aryan Papers" vorgestellt. Materialien wie Rechercheunterlagen, Kostümentwürfe und Drehpläne belegen, wie weit die Vorarbeiten zu den Filmen bereits fortgeschritten waren.

Dass es überhaupt zu dieser Ausstellung kommt, ist dem Deutschen Filmmuseum in Frankfurt am Main zu verdanken. Nach seinem plötzlichen Tod am 7. März 1999 hinterließ Kubrick auf seinem Anwesen bei London hunderte von Kisten mit Plänen, Zeichnungen, Notizen, Drehbüchern, Modellen und Briefen. Das Museum fragte bei der Witwe Christiane Kubrick an, ob sie den Nachlass öffentlich machen wolle und erschloss ihn nach ihrer Zusage systematisch, acht Monate lang. Das Ergebnis wurde im vergangenen Jahr zunächst in Frankfurt präsentiert. Im Anschluss an Berlin soll die Ausstellung in Rom gezeigt werden.

"Ein heiterer Mensch"

"Ich bin überzeugt, dass Stanley seht stolz auf die Ausstellung gewesen wäre", sagt die Deutsche Christiane Kubrick, die ihren Mann 1956 bei Dreharbeiten kennen lernte und noch im selben Jahr heiratete. Es sei gut, die Dinge zu zeigen, um so ein korrektes Bild zu zeichnen, und sie nicht in Kisten verstauben zu lassen. Auch wenn viele Filme depressiv wirken könnten - es sei ein Fehler, daraus auf das Gemüt Stanleys zu schließen. "Stanley war ein heiterer und komischer und sehr intensiver Mensch", sagt Christiane Kubrick. Die Filme greifen auch heute noch in ihre Realität ein: In der Küche sitze sie auf Stühlen, die aus dem Film "Eyes Wide Shut" stammen. Der Tisch komme aus "Shining", erzählt sie.

Die Ausstellung in Berlin läuft bis zum 11. April. Sie ist mittwochs bis montags von 10.00 bis 20.00 Uhr geöffnet, dienstags ist geschlossen. Der Eintritt kostet sechs, ermäßigt vier Euro. Der 304-seitige Katalog ist für 30 Euro zu haben. Noch im März will der Taschen-Verlag ein 544-seitiges Buch herausgeben, das sich mit Leben und Werk Kubricks befasst. Es soll 150 Euro kosten.

Holger Mehlig/AP / AP