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11. Cannes-Kontakt: Beiß mich, Tilda!

Jim Jamusch feiert mit "Only Lovers Left Alive" eine fulminante Rückkehr. So viele glückliche Gesichter sieht man selten! Und Roman Polanski lotet mal wieder Sadomaso-Tiefen aus.

Von Sophie Albers, über Cannes

Was machst du gerade? Aus dem Flugzeugfenster winken, weil ich Cannes bei 21 Grad und Sonne verlasse, um nach Berlin - zehn Grad und Regen - zurückzukehren.

Der

Film der letzten 24 Stunden

war "Only Lovers Left Alive", Jim Jarmuschs Rezept gegen den Festival-Blues, der so vielen am Ende die Laune verhagelt. Doch als am Ende dieser Vampir-Liebesgeschichte der Abspann läuft, haben eigentlich alle ein breites Grinsen im Gesicht, das manchmal zum Kreis wird, weil kaum jemand damit gerechnet hat. Die grandiose Tilda Swinton ("Michael Clayton") und der wunderbare Tom Hiddleston ("Thor") spielen ein Vampirehepaar, dass in Tanger und Detroit lebt. Während Eva (Swinton) entspannt und entzückt durchs Untoten-Dasein gleitet, grämt sich Adam (Hiddleston) ob der Unfähigkeit und Zerstörungswut der menschlichen Rasse -, die er abschätzig Zombies nennt - und denkt sogar daran, sich das unendliche Leben zu nehmen. Man erlebt sozusagen Vampire in der Middeath-Crisis, was in jeder Minute mit großartig lakonischen Sprüchen bedacht wird. Der Blick der Ewigkeit auf unsere sandkornartige Existenz, die wir so gern aufblasen, als gäbe es kein Morgen. Und dann kommt auch noch Evas kleine, extrem anstrengende Schwester (Mia Wasikowska) vorbei - aus L.A. ("Zombie Central"). "True Blood" trifft "Stranger Than Paradise" trifft britischen Humor. Selten so gelacht!

Moment des Tages:

Wenn man sich fragt, ob Roman Polanski mal wieder sich selbst meint, wenn in "Venus im Pelz" ein Regisseur (Mathieu Almaric) und eine Schauspielerin (Polanskis ganz reale Gattin Emmanuelle Segnier) den sadomasochistischen Aspekt dieser Beziehung sezieren. Es ist das Remake des Broadway-Stücks von David Ives, inspiriert vom Buch von Leopold von Sacher-Masoch. Hoffnungslos zynisch und herrlich fatalistisch gehen Mann und Frau aufeinander los.

und

Das Lächeln vom Kim Novak, die am Tag vor der Preisverleihung als Ehrengast die roten Stufen zum Palast erklimmt, wenn im Rahmen der Cannes-Classics "Vertigo" gezeigt wird.

News des Tages: Morgen ist alles vorbei, und das ist - wie jedes Jahr - unfassbar!

Sichtung des Tages:

Michael Jacksons Papa Joseph war auch auf dem roten Teppich. Immerhin gab es diesmal keinen Michael-Jackson-Look-a-like-Wettbewerb.

Zitat des Tages: "Ich beherrsche sie, ich ohrfeige sie manchmal, wenn ich kann. Die beklagen sich nie." (Roman Polanski bei bester fieser Laune in der Pressekonferenz über seine Arbeit mit Schauspielern)
und
"Du hast Ian getrunken." (zu Recht schlecht gelaunter Adam in "Only Lovers Left Alive")

Nur mal so nebenbei:

Hier hat keiner eine Ahnung, wer wohl morgen bei der Preisvergabe abräumt. Die Mädchenliebesgeschichte "Blue Is The Warmest Color" mit Léa Seydoux gilt vielen als Favorit, aber auch Asghar Farhadis "The Past". Aber was wird Jurypräsident Steven Spielberg wohl daraus machen? Morgen wissen wir mehr!