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Stern Logo Filmfestival in Cannes

6. Cannes-Kontakt: Cannes, wir haben ein Problem

Zuerst verhunzt ein französischer Thriller seine Hollywood-Besetzung. Dann wird schon wieder eingebrochen. Und nach Lars von Trier wird nun auch ein Journalist rausgeschmissen.

Von Sophie Albers, Cannes

Was machst du gerade? Ein weiteres Biopic entdecken: Carice van Houten ("Blackbook") wird niemand Geringeres als Greta Garbo spielen.

Der

Film des Tages

heißt "Ein Schloss in Italien" und das nicht, weil er gut ist... "Da muss es einen Deal gegeben haben", mutmaßte ein Kollege auf dem Weg aus dem Kino. "Sowas gehört nicht aufs Festival." Möglicherweise hat es geholfen, dass die Regisseurin die Schwester von Carla Bruni-Sarkozy ist. Allerdings hat Regisseurin Valeria Bruni Tedesci sich in vielen Jahren selbst einen Namen als Schauspielerin gemacht. Trotzdem ist es verblüffend, dass diese "Eure Armut kotzt mich an"-Geschichte so eine große Bühne bekommen hat: Eine psychotische Mittvierzigerin mit Butler, aber nur einer Jacke spielt makabre Spiele mit ihrem Aids-kranken Bruder, während die Mutter das Ferienschloss in Italien zum Museum machen und auch noch den Breughel verkaufen möchte. Zwischendurch wird zudem künstlich befruchtet und ein Baum gefällt. Dieser Film hat kein Oben und kein Unten, keine Leidenschaft und keine Lehre. Es ist ein großes Chaos, dem es auch noch an Konsequenz fehlt. Da hatte jemand in Film wie Geschichte zu viel Geld.

Die Enttäuschung wiegt doppelt schwer, weil auch der andere französische Film schwer enttäuscht hat: "Blood Ties" vom sonst so begnadeten Schauspieler und Regisseur Guillaume Canet ("Kleine, wahre Lügen"). Vollgestopft mit Hollywoodstars - Clive Owen, Mila Kunis, Zoe Saldana und Marion Cotillard - präsentiert sich der Bruder-Thriller ebenfalls als unglaubwürdiges Durcheinander, das zudem an Klischees leidet. C'est tragique.

News des Tages: Es wurde schon wieder eingebrochen. Diesmal bei einem chinesischen Filmbonzen, genau genommen dem Vize-Chef der China Film Group. Der war am Ende so sauer, dass er den Tweet "Dieses Festival ist nicht der Rede wert" absetzte. Die Pressekonferenz mit Keanu Reeves hat er abgesagt, dessen chinesische Co-Produktion "Man of Tai Chi" vorgestellt wird - noch ein Regiedebüt. Denn nicht nur, dass sein Luxus-Appartment sich als unsicher erwies, auch habe sich das Hotelpersonal nicht besonders interessiert gezeigt. Er selbst habe die Polizei rufen müssen. "Die Sicherheitsvorkehrungen in Frankreich sind sehr schlecht und die Leute sehr unhöflich", zitiert ihn der "Hollywood Reporter". Derweil versucht Cannes' Polizei immer noch herauszufinden, wer Chopards Juwelen gestohlen hat.

Sichtung des Tages:

Tim Burton ist an der Croisette, um sein neues Werk "Big Eyes" anzupreisen, das von den Kitsch-Künstlern Margaret und Walter Keane erzählt, die für naive Porträts großäugiger Menschen und Tiere berühmt waren. Deren Leben klingt allerdings mehr nach Thriller, da Walter seine Frau eingeschlossen und gezwungen hat zu malen, um die Bilder dann unter seinem Namen zu verkaufen.

Aufreger des Tages:

Was haben der italienische Journalist Paolo Rinaldi und der Regisseur Lars von Trier gemeinsam? Sie sind beide hochoffiziell des Festivals verwiesen worden. Von Trier vor zwei Jahren wegen seines angeblichen Naziskandals, Rinaldi just am Sonntag, wie das französische Magazin "Technikart" berichtet. Der Journalist wurde nach der Vorstellung von "Inside Llewyn Davis" von den Sicherheitsleuten abgefangen, da sich sein Handy während der Vorstellung mit wildem Ibiza-Techno gemeldet haben soll. Sie forderten seine SIM-Karte ein, und als Rinaldi sich weigerte, war er seine Akkreditierung los, so der Bericht. Besonders wütend mache Rinaldi die Tatsache, dass sein Handy eigentlich immer auf Vibrationsalarm eingestellt ist.

Soundtrack des Tages: Ein moderner Film Noir soll die Musik der Smiths wieder aufleben lassen - als Coverversion, gespielt von einer US-Post-Punkband. Nebenbei wird die Geschichte eines Privatdetektivs erzählt, der des Nachts durch Los Angeles streift und betrügende Paare fotografiert, bis er sich in eine untreue Ehefrau verliebt. Einsamer geht nicht - und da fallen einem natürlich die Smiths ein. Immerhin ist es eine britische Idee: Trevor Miller und Sean McLusky. Was wohl Morissey dazu sagt...

Von Miller und McLusky kommt übrigens auch der erste Film zu den Londoner Unruhen: "Riot on Redchurch" ist herrlich anti-Hollywood, extrem-low-budget und stacheliger als ein Irokesenschnitt.

Zitat des Tages:

"Oh ja, wieder so eine Nacht im Werbezirkus." (Die Antwort der immer wieder so wunderbar offenen Jennifer Lawrence auf der Party zu "Tribute von Panem" auf die Frage, ob sie denn Spaß habe)
und "Wir sind keine leidenden Künstler." (Die Regisseure Ethan und Joel Coen)

Nur mal so nebenbei:

Morgen kommen Michael Douglas und Matt Damon um "Behind the Candelabra" vorzustellen, in dem sie Glitterkönig Liberace und seinen Toyboy spielen.