Cannes-Tagebuch Warten auf eine Offenbarung


Wer schleppt sich schon gerne morgens um 8 Uhr ins Kino und setzt sich neben lauter Morgenmuffel, Zeitungsraschler, SMS-Fummler und Leiseschnarcher? Cannes-Filmkritiker natürlich. Bei guten Filmen stellen sie sich aber gerne den Wecker.

Für alle Journalisten, die sich in Cannes durch das Festival kämpfen, stellt sich jeden Morgen die gleiche Grundsatzfrage. Wecker stellen und spätestens um 7 Uhr aus den Federn? Oder mal liegenbleiben, ausschlafen, entspannen? Um 8.30 Uhr läuft nämlich jeden Tag ein wichtiger Film, meist sogar einer, der im Wettbewerb um die Goldene Palme konkurriert.

Unter SMS-Fummlern und Leiseschnarchern

Um einen anständigen Platz zu bekommen, sollte man spätestens eine halbe Stunde vorher am Kino sein, das heißt sputen, eine schnelles Frühstückchen und ab zu den großen Meistern des Lichtspiels. Woody Allens Film "Match Point" lief beispielsweise zu dieser frühen Stunde, und auch die frischen Werke von Lars von Trier, George Lucas, Michael Haneke oder Jim Jarmusch. Da sitzt man also neben lauter Morgenmuffeln, Zeitungsraschlern, SMS-Fummlern und Leiseschnarchern und wartet auf eine cinematografische Offenbarung. Bloß keine langsamen, dialoglastigen Stellen. Bloß keine überkonstruierten Drehbücher, deren Figuren auftauchen, verschwinden und irgendwie am Ende doch eine wichtige Rolle spielen. Wenn man richtig Glück hat, sieht man aber tatsächlich einen Film, der gute Chancen auf einen Preis hat. Und wer die später aufgestandenen Kollegen ärgern will, kann dann den lieben langen Tag schwärmen: "Mann, da hast du echt was verpasst, der beste Film bisher, bin ich froh, dass ich den schon gesehen habe!"

"Herr Bush ist ein Arschloch"

Tatsächlich passierte das in den letzten Festival-Tagen gleich mehrmals. Michael Hanekes Film "Caché" über ein Paar (Juliette Binoche, Daniel Auteuil), das von einem Unbekannten bedroht wird, begeisterte die Kritiker. Und der Däne Lars von Trier erzählt in "Manderlay" - der erneut wie ein Theaterstück inszenierten Fortsetzung von "Dogville" - eine Geschichte über Sklaverei, an deren bitterbösem Ende weder die Weißen noch die Schwarzen ein besonders gutes Bild abgeben. Als Hauptdarstellerin Grace hat von Trier diesmal die junge Bryce Dallas Howard angeheuert, die jedoch so verletzlich spielt, dass man Nicole Kidman kaum vermisst. Wer danach noch nicht wach gewesen sein sollte, war das spätestens nach der anschließenden Pressekonferenz, in der von Trier seinem Anti-Amerikanismus frönte. "Herr Bush ist ein Arschloch. Das ist nicht mal eine Beleidigung. Amerika scheißt auf die Welt", donnerte er. Als ihn ein Journalist fragte, wie er sich fühlen würde, wenn ein Amerikaner einen Film über die dänische Geschichte drehen würde, witzelte von Trier: "Ich kann es kaum abwarten, dass zu sehen."

"Broken Flowers" als charmante Hallo-wach-Pille

Ebensolches dachten die kleinäugigen Journalisten auch über das neue Werk von Cannes-Stammgast Jim Jarmush. Sie wurden nicht enttäuscht, mussten daher auch nicht beim Abspann geweckt werden. "Broken Flowers" ist eine außerordentlich charmante Hallo-wach-Pille und erzählt vom Computer-Experten Don (gewohnt katatonisch wie schon in "Lost in Translation" und "Die Tiefseetaucher": Bill Murray), der ein Faible für Frauen, aber nicht für das verantwortungsvolle Führen einer Beziehung hat. Eines Tages flattert ihm ein Brief ins Haus, in dem ihm eine anonyme Verflossene mitteilt, er habe einen 19-jährigen Sohn. Angestachelt und unterstützt von seinem detektivisch ambitionierten Nachbarn, klappert er landesweit die in Frage kommenden Mutter-Kandidatinnen ab, was zu wunderbar ausgearbeiteten Begegnungen mit Sharon Stone, Frances Conroy, Tilda Swinton (mit schwarzer Perücke kaum zu erkennen) und Jessica Lange führt. Die Auflösung? Demnächst im Kino Ihres Vertrauens.

Eine schlaflose Nacht dürfte zu guter Letzt Tommy Lee Jones verbracht haben. In einem Anfall provinzieller Umnachtung kegelte die Festivalleitung seinen Regie-Erstling "The Three Burials of Melquiades Estrada" aus dem Rennen um die Camera d’Or, mit der das beste Debüt prämiert wird. Begründung: Der US-Schauspieler habe ja bereits vor Jahren einen TV-Film inszeniert. Ein derartiges Maß an Engstirnigkeit wollte auch Petrus, erwiesenermaßen ein Freund des Weltkinos, nicht unkommentiert lassen und warf ein gewaltiges Halbstunden-Gewitter auf die Croisette hernieder. Künftig sollten die Verantwortlichen also wieder etwas mehr Milde walten lassen. Allein schon wegen des Wetters. Denn wer schleppt sich schon gerne morgens um 8.30 Uhr ins Kino, wenn’s regnet?

Matthias Schmidt/Bernd Teichmann


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