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Carrie & Co. zurück auf der Leinwand: Ist "Sex and the City 2" den Kinobesuch wert?

Da sind sie wieder, die hysterischen Frauen aus der Großstadt-Hochglanzmagazin-Neurosen-Matrix. Ist "Sex and City 2" hohle Dauerwerbesendung oder Psychostudie einer Frauengeneration - stern.de-Redakteurin Sophie Albers hat die rosarote Brille abgelegt und meint, dass Carrie und Co. langsam in Rente gehen könnten.

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe das Grundkonstrukt der TV-Serie "Sex and the City" sehr genossen. Die über allem stehende Freundschaft von vier Frauen jenseits der Jugend. Das laute Nachdenken darüber, was es zur Jahrtausendwende bedeutet, eine Frau in der westlichen Gesellschaft zu sein. Und die "Hure", die endlich einmal nicht, wie sonst in Literatur und Film üblich, dafür bestraft wird, zu lieben "wie ein Mann". Carrie Bradshaw und Samantha Jones haben den Blick auf die Frauen und den der Frauen auf sich selbst verändert. Doch das macht noch lange keinen guten Kinofilm. Vor allem nicht, wenn man nichts mehr zu sagen hat.

Frau (und ein paar Männer) könnten natürlich darüber hinwegsehen, und "Sex and the City 2" als das nehmen, was es ist: ein Film-gewordenes Modemagazin, aufgepeppt mit versauten Witzen, deren Lacher einfach nur auf der Umkehrung der Geschlechterklischees beruhen. Doch wenn wir häufig genug sagen "Es ist doch nur ein Film", dann glauben wir es möglicherweise irgendwann selbst. Und genau genommen, ist der Hype um diese narzisstischen Mode-, Männer- und Luxus-besessenen Frauen ein ziemlich trauriges Kapitel in der Geschichte der Emanzipation.

In der Kino-Fortsetzung sind Carrie und Mister Big verheiratet. Charlotte und Miranda haben neben Männern auch noch Kinder. Nur Samantha ist aus eigenem Antrieb allein geblieben. Jeglicher Anhang würde schließlich das offensive Sexleben stören. Eigentlich haben alle genau das erreicht, was sie wollten. Doch genau deshalb schleichen sich Langeweile und Erschöpfung ein. Schließlich ist die Jagd nach Mister Right viel spannender als die Arbeit an einer funktionierenden Beziehung. Auch wiegt der Traum von der eigenen Familie viel leichter als die Realität der Kindererziehung. "Sex and the City 2" beginnt mit Frust. Bis ein Scheich die Anti-Menopausen-Pillen-poppende Samantha nach Abu Dhabi einlädt. Und natürlich geht Sam nicht ohne ihre Mädels.

Dann beginnt der übelste Teil der Geschichte von Zehn-Millionen-Dollar-Apartments und Dior-Vintage-Röcken: Die postfeministischen Frauen aus New York treffen auf das restriktive Patriarchat des Mittleren Ostens. Auch wenn der gestreckte Mittelfinger gegen Männer, die einer Frau verbieten, öffentlich mehr als ihre Augen zu zeigen, absolut berechtigt ist, liefern Carrie&Co. eine armselige Performance als Botschafterinnen der westlichen Kultur. Steht doch am Ende nur :"Freiheit heißt Vögeln wann und wo ich will - und Klamotten im Werte von Eigentumswohungen zu tragen".

Der zweite Film ist ein Paradebeispiel für das, was die amerikanische Autorin Susan J. Douglas "aufgeklärten Sexismus" nennt. Während das Publikum darüber lacht, wenn Samantha Männer als Sexobjekte verhöhnt, Charlotte den Blick nicht von den Bh-losen Brüsten des Babysitters abwenden kann, und Carrie vor Schreck ihren Pass vergisst, als auf dem Markt von Abu Dhabi Schuhe nur 20 Dollar kosten, kaufen wir die Gleichung, dass eine Frau in unserer Gesellschaft Macht besitzt, so lange sie shoppen gehen kann, die richtigen Marken trägt und sexy ist. Für das Kompliment "Du bist heiß" setzt Carrie sogar ihre hart erkämpfte Ehe aufs Spiel.

Die Errungenschaften der Frauenbewegung gelten als gegeben, obwohl der Weg bis zur tatsächlichen Gleichberechtigung noch immer ein langer ist. Um das zu begreifen, reicht ein Blick auf Gehaltstabellen - und die Klischees, die in Filmen wie diesem gefeiert werden. Oder ist es plötzlich wieder völlig in Ordnung, den Wert einer Frau auf ihr Äußeres und ihren Wunsch nach Familie zu reduzieren? Frauen, die von Männern, Beziehungen und von ihren Körpern besessen sind, sind leicht manipulierbare Masse. Ich wünschte, Samantha würde die Freiheit in New York, die sie in Abu Dhabi so sehr vermisst hat, zu mehr nutzen, als Sex am Strand.

Sie sind völlig anderer Meinung und lieben den Film? Unsere Redakteurin Kathrin Buchner auch. Hier können Sie ihre Kritik lesen.

Sophie Albers