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Ridley Scott über "Der Marsianer": "Der Kopf ist das beste Kino der Welt"

Überregisseur Ridley Scott hat es wieder getan: Mit "Der Marsianer" hat der Schöpfer von "Blade Runner" und "Alien" den Science-Fiction-Film frisch aufpoliert. Ein Gespräch über Gott, Hunde und Steve Jobs. 

Von Sophie Albers "Ripley" Ben Chamo

Hollywood-Regisseur Ridley Scott

Einer der ganz Großen in Hollywood: Der britische Regisseur Ridley Scott kennt sich aus mit Science-Fiction. Er hat Kinoikonen geschaffen - darunter "Blade Runner" und "Alien".

Ohne Ridley Scott sähe das Kino anders aus. Der freundliche Brite hat regelmäßig cinematografische Meilensteine geschlagen - mit Filmen wie "Alien", "Blade Runner", "Thelma und Louise" oder auch "Gladiator". Und wenn er nicht gerade Regie führt, dann produziert er: vom ersten Youtube-Film ("Life in a Day") bis zum Serienerfolg "The Good Wife". Ridley Scotts Werk ist genrebildend und fester Bestandteil der Popkultur. Und der Elan und die Vorstellungskraft des mittlerweile 77-Jährigen sind ungebremst: Mit "Der Marsianer - Rettet Mark Watney" hat Scott nun mal eben den Science-Fiction-Katastrophenfilm neu erfunden. So gut gelaunt und ironisch hat noch kein todgeweihter Astronaut um sein Leben gekämpft. Und mit Matt Damon, diesem bestmöglichen Darsteller des "Normalsterblichen", ist er perfekt besetzt.

Mister Scott, was suchen Sie eigentlich in der Zukunft und im Universum, das Sie weder in der Gegenwart noch auf der Erde finden können?

Da können Sie mich auch fragen, warum ich Filme mache: Was finde ich in Filmen, was im Leben nicht finde... Dabei finde ich so vieles im täglichen Leben, was meine Arbeit füttert. Das Universum ist die letzte, endgültige Grenze. Wir wissen nicht viel darüber, das macht es zu einer wunderbaren Bühne, um eine Geschichte zu erzählen und zu entwickeln.

Weil man freier ist.

Viel freier! Aber du musst sichergehen, dass du keinen Schwachsinn erzählst. Ein Roman muss sich an die Regeln halten, auch wenn der Autor die Parameter verändert. Wenn du die Regeln brechen willst, wird es alles andere beeinflussen. Wenn ich diese Wand durchbreche, muss ich das durchziehen. Das ist ein Mechanismus, und die Story muss gemäß diesem Mechanismus gut funktionieren. Die Dynamik muss stimmen. Und ich meine keine Autounfälle und explodierende, Gebäude und so einen Blödsinn. Die Dynamik ist mit dem gesamten Plot verbunden. Da sitzt der Motor, da geht das Benzin rein.

Hoffen Sie auf bessere Menschen in der Zukunft?
Ja, und deshalb mag ich Hunde (lacht) Haben Sie Hunde?

Ich mag Katzen lieber.

Die verstehe ich nicht, die krallen sich einem in den Arm und schnurren dabei.

Das heißt, dass sie Sie mögen.

(Scott knurrtschnurrt und lacht) Ich habe zwei Hunde. In Nepal gelten sie als so hoch entwickelte Lebewesen, dass sie im nächsten Leben als Menschen geboren werden. Aber wir wollten über Filme reden.

Matt Damon in "Der Marsianer - Rettet Mark Watney"



Apropos bessere Menschen: "Der Marsianer" feiert Technologie. Um in einer lebensfeindlichen Umgebung überleben zu können, wird Mark Watney zum Helden der Improvisation, zum Gott des Do-it-yourself.  

Ich liebe Do-it-yourself! Der beste Werbesatz, der je erfunden wurde, ist Nikes "Just do it"! Weil es für einfach alles gilt.

Religion hat im Film nur einen Platz als technisches Hilfsmittel. Watney zerschnitzt ein Kruzifix, als er Holz braucht. Steht Technologie für Sie über der Religion?
Ich bin Agnostiker, schon immer gewesen. Ich wurde zwar sehr traditionell erzogen - mit Sonntagsschule und Kirche -, aber ich fand das meist sehr langweilig. Allerdings ist genug hängengeblieben. Ich weiß - und das nicht, weil ich alt werde, sondern weil ich zu viele Science-Fiction-Filme mache: Wenn das hier die Sonne ist, und die Erde eine Reise um die Sonne macht, übrigens schneller als der Mars, sind in der Flugbahn der Erde viele andere Planeten, die die gleichen Vorteile genießen wie die Erde. Da draußen muss anderes Leben sein.

Und was sagt das über Religion aus?

Es führt zu der Frage: Wie wurde das erschaffen? Per Zufall? Das glaube ich nicht. Aber wer hat dieses riesige Schachspiel erfunden?

Und jetzt verraten Sie mir, wo die Engineers aus "Prometheus" herkommen!

Das erfahren Sie nächsten Februar im Kino (lacht). Dann bringe ich Sie zu deren Planeten. 

Und was finden Sie da?

(vergnügtes Lachen)

Mister Scott, Sie haben so viele originale Filmstoffe geschaffen. Wenn Sie sich das Kino heute angucken, gibt es fast nur noch Remakes und Reboots und Sequels. Ganz ehrlich, was halten Sie davon?

Ich finde es nicht gut, und ich glaube nicht, dass es gesund ist. Aber es gibt ein Publikum dafür. Und würde man eine Aufstellung darüber mache, welche Filme Hollywood am Laufen halten, sind das all die großen Filme, die Sie wahrscheinlich nicht mögen.

Ich weiß, so wie "Transformers".
Michael Bay ist ein Freund von mir, deshalb kann ich nichts Schlechtes über ihn sagen. Aber danken Sie Gott für Michael Bay, dass er die Geduld und die Kunstfertigkeit für diese Filme hat. 


Aber wo ist der Drang geblieben, wirklich Neues zu schaffen? 
Gucken Sie sich doch die Werkzeuge an, die uns heute umgeben. Die iPhones und iPads und iPods. Ich bin kein guter Konsument dafür. Meine Tochter hat mal gesagt: Papa, ich gehe nur mit dir essen, wenn du ein Telefon hast, das dich nicht aussehen lässt wie Captain Kirk.

Das ist doch lustig, ausgerechnet Sie sind im Privatleben retro.
Damals hatte ich noch diesen Backstein mit Antenne dran (lacht). Aber ernsthaft: Smartphones sind für Kinder ein Plus, aber auch ein Minus. Sie können die Uhr nicht mehr lesen. Sie gucken aufs Handy. Sie lesen auch keine Bücher mehr. Ich finde es wichtig, Bücher zu lesen. In Europa fragt mich fast jeder nach Daniel Dafoe. In den USA fragen sie mich, ob er einen Agenten hat. Robinson Crusoe? Wer ist das? Es ist seltsam: Alles ist modern, fortschrittlich und präsent, aber es gibt keine Vergangenheit. Das ist ein Problem. Die Vorstellungskraft schwindet. Dabei ist der Kopf immer noch das beste Kino der Welt, und ein Buch schmeißt den Projektor an.

Arbeiten Sie deshalb schon so lange an einer Neuverfilmung von Aldous Huxleys Dystopie "Schöne neue Welt"?

Es braucht eine ganz neue Form, weil es bereits eingetreten ist. Ich werde den Namen des großen Unternehmens nicht sagen, aber Sie wissen, wen ich meine. 

Sie meinen Facebook. Und die Leute lassen sich freiwillig überwachen.

Weil sie denken, es sei cool. Das ist es aber nicht. Die werden gehirnamputiert. Ich bin der stolze Besitzer einer Faxmaschine. Alles Vertrauliche geht bei mir nur übers Fax. Du kannst alles hacken, aber das nicht. Wissen Sie, wer auch eins hatte? Steve Jobs! Kaufen Sie sich eins.