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Dieter Pfaff: "Selbst Hitchcock musste kämpfen"

Seine Erfahrung: Die Sender wünschen Mittelmaß. Seine Mission: trotzdem Qualität liefern. Am liebsten entwickelt Dieter Pfaff seine Figuren selbst - wie den Anwalt in der neuen ARD-Serie "Der Dicke".

Herr Pfaff, warum haben es Dicke leichter?

Wie?

Dicke Menschen gelten als gemütlich, gesellig, gutmütig. Wir Schlanken müssen uns so viel Sympathie erst erarbeiten.

Das ist wohl eher Ihr Problem als meines. Aber ich kann Sie trösten: Auch mir ist viel Unrecht geschehen wegen meiner Figur. Ich habe mal mit Nadja Uhl einen wunderbaren Film gedreht, "Verhängnisvolles Glück". Im Drehbuch stand eine Bettszene mit Nadja und mir. Die jungen ZDF-Redakteure haben gesagt: "Also, der Pfaff im Bett - das können wir uns gar nicht vorstellen." So ein Koloss und Sex, das fanden die bäääh. Als die Szene im Kasten war, hatte ich sie überzeugt. Ein schlanker Mensch hätte gegen dieses Vorurteil gar nicht erst ankämpfen müssen.

Haben Sie als junger Schauspieler davon geträumt, Verführer zu spielen und stürmische Liebhaber?

Lassen Sie es mich so sagen: Das Tor zu einer Karriere als komischer Dicker stand für mich weit offen, seit ich den Otto gespielt hatte, den tapsigen Wachtmeister im "Fahnder". Solche harmlosen begleitenden Rollen hätte ich bis zur Rente spielen können. Aber das hätte ich nicht durchgestanden. Ich wollte Hauptrollen spielen, und ich wollte nicht länger einen großen Teil meiner Persönlichkeit verleugnen. Also habe ich selbst begonnen, Figuren zu entwickeln …

…den Kommissar Sperling fürs ZDF, den Psychotherapeuten Bloch für die ARD - und nun den Anwalt Georg Ehrenberg, genannt "Der Dicke", einen echten Gutmenschen

. Ich hasse dieses Wort! Es wird inflationär gebraucht, vor allem von Journalisten. Ich könnte es euch Schreibern um die Ohren hauen! Ein Gutmensch ist einer, der nicht gut ist. Der Ehrenberg ist so gut oder so schlecht wie die meisten Menschen auch. Er ist beseelt davon, andern zu ihrem Recht zu verhelfen. Aber natürlich ist da auch Egoismus im Spiel, denn er lenkt sich so von seinen eigenen Problemen ab.

Georg Ehrenberg und seine Frau betreiben eine Kanzlei. In der ersten Folge trennen sie sich, beruflich und privat. Ehrenberg macht eine bescheidene Kanzlei auf in einem ehemaligen Weinladen in Hamburg-Altona.

Ehrenberg und seine Frau haben mit denselben Idealen angefangen; irgendwann sind diese den beiden abhanden gekommen. Ehrenberg merkt das - spät, aber noch rechtzeitig. Er will keine Konsortien mehr vertreten, die Dreck am Stecken haben, sich aber die besten Anwälte leisten können. Er will sein Können verwenden, um Menschen zu ihrem Recht zu verhelfen, der behinderten Frau, dem Scheidungskind. Und sein Können ist groß.

Ach, wenn die Wirklichkeit doch auch so schön wäre!

Ein Anwalt hat einmal zu mir gesagt: "Ich habe bei der Verhandlung heute ein Gebäude aufgebaut, da hat nichts gestimmt. Aber keiner hat's gemerkt, und ich habe den Prozess gewonnen." Das hat mich nachdenklich gemacht. Ich weiß, dass die Realität anders aussieht als beim "Dicken". Ein Anwalt könnte von so kleinen Fällen nicht existieren. Das interessiert mich aber nicht. Bei allem Ehrgeiz, Realität abzubilden, erzählen wir Märchen. Und Märchen sind was Wunderbares.

Wie geht das eigentlich: Figuren entwickeln?

Am Anfang ist da eine vage Idee. Die gärt in dir - wenn es sein muss, recht lange. Beim Ehrenberg waren es sechs Jahre. Dann merkst du: Es ist so weit, du kannst mit einem Autor oder einem Produzenten darüber reden. Dabei wird die Idee allmählich konkret. Klar war immer: Die Hauptfigur soll einer sein, der einen Neuanfang wagt. Einer, der merkt, dass er so nicht weitermachen kann. Und ich hatte einen Strafverteidiger im Kopf, wie Charles Laughton ihn gespielt hat in "Zeugin der Anklage". Ein Mann, der für seinen Beruf lebt, ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit.

Eine typische Pfaff-Figur.

Das ist das zentrale Motiv, das sich durch meine Figuren zieht: Da steht jemand für die Sache, kämpft bis zum Äußersten und vernachlässigt dabei sich selbst. Nehmen Sie den Maximilian Bloch. Der ist genauso kaputt wie die Menschen, denen er als Psychotherapeut zu helfen versucht. Nur hat er gelernt, damit umzugehen.

In der jüngsten Folge, die vor wenigen Wochen lief, ist er an seine Grenzen gestoßen. Er wollte seiner psychisch kranken Ex-Frau helfen - und steigerte sich da so hinein, dass er einen Herzinfarkt bekam.

Das war verdammt schwer zu spielen. Es hat mich sehr mitgenommen. In solchen Situationen darfst du als Schauspieler nicht lügen. In den kranken Bloch habe ich mich so sehr hineinversetzt, dass ich Herz-Rhythmus-Störungen bekam. Ich bin durch die Gänge geschlichen wie todkrank. Ein gefährlicher Beruf.

Sie haben in den vergangenen Jahren viel für ARD und ZDF gearbeitet, aber nie für die Privaten. Berührungsängste?

Ich war wegen eines Fernsehfilms im Gespräch mit Helmut Thoma, als der noch RTL-Chef war. Nach seinem Abgang habe ich weiter mit RTL verhandelt. Plötzlich hieß es, der Stoff sei eher was für die Öffentlich-Rechtlichen, zu brav, zu bieder. Der von mir sehr geschätzte Regisseur und Autor Thorsten Näter hat die Geschichte dann umgeschrieben, dass sie am Ende nur so krachte. Dann haben die gesagt: Jetzt ist es prima, aber für so was ist der Pfaff der Falsche. Nein, nein, das muss ich mir nicht antun.

In Ihrem Alter, mit Ihrer Reputation ist es leicht zu sagen: Das mag ich nicht, das spiel ich nicht. Eine angenehme Position.

Ich war schon als junger Schauspieler so. Sich aufgeben bringt nichts. Ich verlöre meine Kraft - wie Samson, nachdem Delila ihm die Haare abgeschnitten hat.

Kaufen die Sender Ihre Ideen mittlerweile blind ein, weil sie wissen, dass der Pfaff Qualität liefert?

Der Vertrauensvorschuss ist sehr begrenzt. Ich gehe seit zehn Jahren mit der Idee schwanger, einen Rock'n'Roll-Film zu drehen, es gibt sogar ein Drehbuch. Die Sender sagen alle: Musikfilm läuft nicht. Aber das ging schon ganz anderen so. Selbst Alfred Hitchcock musste um jeden Film kämpfen. Bevor du die Zuschauer verführen kannst, muss du erst einmal einen Sender auf deiner Seite haben. Und das ist viel schwerer.

Warum?

Die Fernsehmächtigen haben es verlernt, Spaziergänge zu machen mit ihrem Kopf und ihren Gefühlen. Und wenn dann einer aufkreuzt, der das noch kann, ein Künstler, ein Hofnarr - dann beunruhigt sie das. Die stellen sich das so vor: bisschen Liebe, bisschen Trauer, bisschen Landschaft, und fertig ist der Film. Dann haben wir das, was wir täglich am Vorabend vorgesetzt bekommen: Mittelmaß. Und oft ist Mittelmaß gewünscht. Ein Ausreißer bereitet Unwohlsein - er legt die Latte hoch und führt zu der Frage: Ob wir da jemals wieder drüberkommen?

Nicht alles kann große Kunst sein.

Kunst ist ein Geschenk. Kunst passiert. Oder auch nicht. Ich habe bei jedem Film das Gefühl, ich übe noch. Irgendwann, wenn ich ein vorgerücktes Alter erreicht habe, möchte ich sagen können: Diese fünf Filme waren gut, die anderen waren zur Übung. Das würde mir genügen.

Alexander Kühn / print
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