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Interview mit Nadja Uhl: "Deutschland ist eine offene Wunde"

Morgens Terroristin, nachts Terror-Opfer: Nadja Uhl drehte im vergangenen Jahr zwei Filme, die sich mit der RAF-Geschichte beschäftigen. Gleichzeitig. Ein Gespräch über zwei Welten, die extremen Dreharbeiten zum TV-Drama "Mogadischu" und die Vergangenheitsbewältigung im deutschen Film.

Frau Uhl, Sie haben dieses Jahr zwei RAF-Filme gedreht: Im "Baader Meinhof Komplex" spielen Sie die Terroristin, die eine Flugzeugentführung plant und in "Mogadischu" werden Sie Opfer genau dieser Tat. Wie war das, so schnell zwischen Täter- und Opferrolle zu wechseln?

Das war in der Tat eine Herausforderung, vor allem als die Drehtage in Marokko zusammenfielen. Wirklich grenzwürdig wurde es, als wir die besagte Erschießung von Kapitän Schumann für "Mogadischu" drehten, ich anschließend an den Set vom "Baader Meinhof Komplex" gefahren wurde, um am nächsten Morgen genau diese Entführung der "Landshut" als Terroristin zu organisieren. Allerdings war die zeitliche Überschneidung der beiden Filme nicht geplant.

Welche Rolle war schwieriger zu spielen? Die Terroristin oder die Geisel in der Landshut-Entführung?

Wenn ich ehrlich bin, nenne ich diese beiden Rollen ungern in einem Atemzug - allein schon aus Respekt vor allen beteiligten Personen. Aber die Frage ist natürlich naheliegend. Natürlich überwiegt das Mitgefühl für die Opfer - das kommt instinktiv vom Herzen. Das ist eine Lebenseinstellung und hat etwas mit humanistischem Denken und Fühlen zu tun. Die Rolle der "Brigitte Mohnhaupt" musste ich mir erarbeiten, weil es nicht meiner Denkstruktur entspricht, andere Menschen für meine Ideale zu töten. Man muss sich da ganz anders hineinbegeben, wenn man sich für die Perspektive der Terroristen interessiert - auch wenn man das Geschehene nicht wahrhaben möchte.

Was hat Sie an der Rolle der Terroristin gereizt?

So fern mir die Denkweise der RAF-Mitglieder ist: Ich wollte die Grausamkeit im Film auf die Spitze treiben, indem ich Brigitte Mohnhaupt nicht als frustrierte Zicke darstelle, sondern als normale Frau, die mit einer solchen Selbstverständlichkeit kaltherzig Kriege führt.

Was würden Sie Brigitte Mohnhaupt sagen, wenn Sie sie treffen würden?

Schwer zu sagen. Ich hätte Angst vor so einer Begegnung. Meine Rettung ist die Abstraktion: Im Zusammenhang mit dem Film ist Brigitte Mohnhaupt für mich zunächst nur eine Rolle. Dadurch konnte ich mit gewissen Aspekten ihrer Denkweise besser umgehen und mich rational auf den Film vorbereiten. Ich wüsste nicht, wie ich einer realen Person gegenübertreten würde, die meint, ein Kampf ohne Töten sei kein politischer Kampf. Über Aspekte wie diesen habe ich versucht, mich in diese Rolle hineinzuarbeiten. Über den emotionalen Weg wäre der Zugang schwierig gewesen. Ich will nicht, dass das für mich real wird.

Und was zeichnet Gaby Dillmann, die Stewardess in dem entführten Flugzeug "Landshut", aus?

Diese Stewardess, die ich in "Mogadischu" spiele, hat eine unglaubliche Power, so etwas wie eine gottgegebene Kraft, die Menschen am Leben zu halten. Trotz ihrer Wut auf die Terroristen und ihrer Verzweiflung behält sie ihren Humor und strahlt eine enorme Authentizität aus, wofür sie den größten Respekt verdient. Bei so einer Rolle merkt man, wie sehr wir das Positive brauchen, um nicht kaputt zu gehen.

Kommt man bei 40 Grad am Drehort nicht auch an seine Grenzen?

Natürlich ist es anstrengend, zwei Wochen lang bei diesen Temperaturen zu drehen. Das Scheinwerferlicht trug auch noch seinen Teil dazu bei, dass am Ende tatsächlich die Fensterscheiben im Flugzeug schmolzen. Aber die physische Belastung ist gar nicht so erwähnenswert im Gegensatz zur Arbeitsweise von Roland Suso Richter. Er treibt die Situation auf eine mutige, meisterhafte Weise auf die Spitze. Das habe ich in dieser Form noch nicht erlebt. Es ging immer weiter und weiter. Er ließ die Kameras einfach laufen. Die Komparsen brachen weinend zusammen und plötzlich ging schon die nächste Szene los.

Der bewegendste Moment für Sie?

Die Erschießung von Kapitän Schumann, der so hervorragend von Thomas Kretschmann gespielt wurde. Diese Spannung in dem Flugzeug, bevor er es wieder betritt. Das hatte einen langen Vorlauf. Es war Totenstille in dem Flugzeug. Wir reden hier von Situationen, in denen Komparsen nach zwei Wochen bei 40 Grad im engen Flugzeug schon mal die Nerven verlieren.

Wer ist der größte Held in dem Film?

Auf die Gefahr hin, dass das jetzt als kitschig verstanden wird: die Kinder. Ich war froh, dass sie in den ganz brutalen Szenen rausgeschickt wurden, unter anderem bei der grausamen Erschießung des Kapitäns Schumann. Einmal hat mich ein kleiner Junge gefragt: "Warum spielt ihr da so was Grausames?" Solche Momente tun am meisten weh - auch wenn die Handlung ja nur gespielt ist. Kinder stellen diese ehrlichen Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt.

Sie haben einmal gesagt, Sie glauben ans Schicksal. Meinen Sie auch nach diesen beiden Filmprojekten, dass die Leute keine Wahl hatten?

Ich würde diese Aussage am liebsten zurücknehmen. Es ist schwer zu sagen, warum so etwas passiert. Wenn es eine höhere Ordnung gibt, würde ich gerne begreifen, warum Menschen für so etwas wie Terror sterben müssen. Normalerweise glaube ich nicht an den Zufall. Aber bei Krieg und Terror kann ich auch nicht ans Schicksal glauben - das wäre zynisch.

Konnten Sie während der Dreharbeiten auch mal abschalten? Oder begleitet einen der Gedanke an die Gewalt auch noch nach Drehschluss?

Ohne zwischendurch auch mal abzuschalten, könnte ich solche Filme gar nicht drehen. Humor und kindliche Albernheit gehören zur Schauspielerei dazu - man kann nicht immer nur über tiefsinnige Themen philosophieren und über Mord und Totschlag reden. Da ist es unheimlich wichtig, auch mal loszulassen. Das können ganz profane Dinge sein: eine Zigarette zu rauchen, ein Bier mit den Kollegen zu trinken. Das Leben hat so viele schöne Seiten.

Dem "Baader Meinhof Komplex" wurde vorgeworfen, die Mörder zu romantisieren. Können Sie mit "Mogadischu" moralisch besser leben?

Ich kann nur für mich sagen, dass ich in meinen Rollen nichts romantisiert habe. Ich habe das gemacht, was ich vorhatte: Auf der einen Seite habe ich die Grausamkeit vom Morden gezeigt. Und auf der anderen Seite habe ich etwas gezeigt, was mich persönlich treibt: dem Leben zugewandt zu kämpfen, für andere und für mich etwas Positives zu bewegen. Ich stehe zu beiden Filmen. Vielleicht habe ich mich dadurch angreifbar gemacht, weil ich versucht habe, den Terrorismus aus beiden Perspektiven zu beleuchten. So hart es klingt: Je unsachlicher und aufgebrachter die Reaktionen auf einen Film sind, desto sicherer bin ich mir, dass es funktioniert hat. Es muss in beiden Rollen wehtun. Es ist interessant, dass es vorher immer hieß "Wen interessiert die RAF, wer will sich denn Filme über den Terrorismus in Deutschland angucken?" Und nun ist Deutschland eine offene Wunde. Jetzt weiß ich, wir haben alles richtig gemacht - in beiden Filmen. Und dass man den Schicksalen der Opfer näher ist als den Tätern, das ist doch klar. Es gibt Rollen, die sind einem sympathisch oder unsympathisch. Aber mit moralischen Wertungen kommt man nicht weiter.

Interview: Katharina Miklis

"Mogadischu" läuft am Sonntag, 30. November, um 20.15 Uhr in der ARD. Im Anschluss gibt es eine Diskussion bei "Anne Will" und eine Dokumentation