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"Landshut"-Entführung: "So, jetzt stirbst Du"

Jürgen Vietor war der Co-Pilot der "Landshut". Zwischen Todesangst und aufgesetzter Sektlaune erlebte er die Tage in der entführten Maschine. Dass er überlebte, verdankte er wohl nur der Fürsprache seines Kapitäns.

Von Martin Knobbe

Es ist dieser Moment, der im Nachhinein so unglaublich scheint. Deshalb muss ihn Jürgen Vietor immer wieder erzählen, wenn ihn Freunde, Autoren oder Journalisten fragen, wie es denn nun war, als vor 30 Jahren palästinensische Terroristen die Lufthansamaschine "Landshut" entführt hatten und er der Co-Pilot gewesen war. Jürgen Vietor erzählt dann von dem Moment, als er zum zweiten Mal erschossen werden sollte und wenige Minuten später ein Glas Champagner in der Hand hielt, um mit den Entführern anzustoßen.

Vietors Uhr sollte jüdisches Symbol sein

Es war am 14. Oktober 1977, einen Tag nach der Entführung, die Maschine stand nach ihrem ersten Irrflug in Dubai, der Verteidigungsminister des Scheichtums versuchte vom Tower aus, Verhandlungen aufzunehmen. Zohair Akache, der sich in der Kabine nur "Captain Mahmud" nennen ließ, saß im Cockpit, als sein Blick auf die Armbanduhr des Co-Piloten fiel. Jürgen Vietor trug eine Uhr von Junghans. Das Markenlogo war ein fünfzackiges Zahnrad, das aussah wie ein Stern, in der Mitte stand ein "J". Welcher Religion er angehöre, wollte der Anführer der Terroristen wissen. "Ich bin Protestant", sagte Vietor. "Du bist ein Lügner", brüllte Zohair Akache in krächzendem Englisch. "Du bist jüdisch." Er glaubte, in dem Logo ein jüdisches Symbol erkannt zu haben.

Jürgen Vietor wurde von Akache auf den Kabinengang getrieben, musste sich nieder knien und spürte einen Pistolenlauf an seinem Kopf. Vietor kann sich heute nur noch an die Worte erinnern, "so, jetzt stirbst du." Es war wohl Jürgen Schumann, der Kapitän, der seinem Kollegen das Leben rettete. Er kam aus dem Cockpit und sagte ruhig, dass Vietor protestantisch sei, "erschießen Sie ihn nicht!".

Geburtstagstorte für die Stewardess

Jürgen Vietor durfte daraufhin aufstehen und sollte seine Uhr vor den Augen aller Passagiere zerstören. Er trampelte auf ihr herum, doch sie ging nicht kaputt, der Teppichboden im Kabinengang war zu weich, Vietors Sohlen auch. Er habe geschwitzt und sich wie "Rumpelstilzchen" gefühlt, erzählt Vietor heute. Erst als Zohair Akache eine Notfallaxt holte und auf die Uhr eindrosch, zersprang sie. Kurz darauf schenkte der Anführer Champagner für seine 87 Geiseln und drei Terroristengenossen aus. Auch Jürgen Vietor durfte mittrinken.

Die Stewardess Anna-Maria Staringer wurde 28 Jahre alt und Zohair Akache hatte über Funk eine Geburtstagstorte, Kaffee und Champagner bestellt. Das Catering des Flughafens lieferte eine Torte, Nusscreme, mit 28 Kerzen. "Happy Birthday Anna-Maria", stand darauf. Zohair Akache lief den Gang auf und ab und dirigierte mit einer Hand, die Entführten mussten "Happy Birthday to you" singen.

Zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit

Es sind diese Momente zwischen Todesangst und aufgesetzter Sektlaune, zwischen aufkeimender Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, es sind diese Momente, die für die, die es nicht selbst erlebt haben, so unglaublich scheinen. Jürgen Vietor erzählt diese Momente deshalb immer wieder. Nach der glücklichen Befreiung der "Landshut" am 18. Oktober 1977, nach Empfängen, Interviews und sechs Wochen Sonderurlaub flog Jürgen Vietor wieder für die Lufthansa.

1999 ist er in den Vorruhestand gegangen, heute ist er 64 Jahre alt und lebt in der Nähe von Hamburg. Kurz nach der Befreiung hatte er sich geschworen, er wolle alles erfahren über die Rote Armee Fraktion, über das Problem der Palästinenser, von dem Zohair Akache im Flugzeug so viel erzählt hatte. Vietor hatte sich einige Bücher gekauft. Er hat die meisten bis heute nicht gelesen.

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