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Ewan McGregor im Interview: "Ich wurde nicht erleuchtet"

Ewan McGregor hat mit kleinen, wilden Filmen wie "Trainspotting" angefangen. Nun gehört er zu Hollywoods Standardausrüstung. Neuester Streich: die Dan-Brown-Verfilmung "Illuminati". Im Gespräch mit stern.de verriet der Schotte, woran er glaubt und wurde ein bisschen wütend.

Von Sophie Albers

Mister McGregor, war es etwas Besonderes für Sie, einen Priester zu spielen?

Er ist ein Charakter wie jeder andere auch. Die Rolle ist interessant, weil er ein leidenschaftlicher Mann des Glaubens ist. Das Herz der Geschichte ist der Konflikt zwischen Wissenschaft und Religion. Mein Charakter glaubt, die Wissenschaft bedrohe den Glauben an Gott. In so einen Kopf musste ich rein.

Und was glauben Sie?

Mein Glaube ist eigentlich egal. Ich bin nicht gläubig und auch nicht besonders an Wissenschaft interessiert. Für mich ist Wissenschaft Ausdruck des Bedürfnisses, die Welt zu verstehen. Religion ist der Glaube, dass die Welt von Gott erschaffen wurde. Deshalb verstehe ich, warum die beiden nicht zusammenkommen können, denn Wissenschaft versucht ja herauszufinden, wie Gottes Welt funktioniert.

War der Priester anstrengender als Obi Wan in "Star Wars"?

Es ist der gleiche Job. Es sind unterschiedliche Charaktere, aber beide müssen gespielt werden. Jeder Charakter ist eine andere Herausforderung. Ich vergleiche sie nicht. Jede Rolle ist einzigartig, und du musst überlegen, was es braucht, um sie zu spielen. Sie haben Ähnlichkeiten, Obi Wan und der hier. Beide sind Gläubige. Sie haben diese unglaubliche Sicherheit bei dem, was sie tun. Das ist ziemlich selten. In meinem Leben ist es jedenfalls nicht so: In manchen Teilen bin ich sehr sicher, in anderen wieder nicht. Die hier fühlen sich absolut im Recht, denn sie leben im totalen Glauben.

Hat die Rolle Ihr Interesse an Religion geweckt?

Nein, ich wurde nicht erleuchtet. (lacht) Wir haben nicht in der echten Sixtinischen Kapelle gedreht, wir haben sie nachgebaut. Sah wirklich toll aus. Aber am Ende jeder Szene bin ich halt rausgegangen. Wenn wir acht Wochen lang in der echten Sixtinischen Kapelle gedreht hätten, vielleicht wäre es dann anders (lacht). Was man normalerweise von Charakteren mitnimmt, sind eher technische Dinge: Wenn du zum Beispiel Golf lernen musst oder so was.

Sie müssen also nichts in sich finden, was der Rolle ähnelt, um sie spielen zu können?

Ich muss sie verstehen - für sie, nicht für mich. Ich muss verstehen, was den Charakter motiviert, das kommt wiederum durch meine eigenen Erfahrungen mit der Welt. Insofern ist alles durch meine Vorstellung gefiltert. Trotzdem geht es nicht um mich, sondern den Charakter.

Gibt es Rollen, die Sie nicht spielen würden?

Ich könnte alles spielen, so lange es nicht gegen meine Werte geht. Ich könnte nichts spielen, das Vergewaltigung oder Rassismus verherrlicht. Es gibt keinen künstlerischen Grund für mich, das zu tun. Klar, könnte ich einen Rassisten spielen, wenn es etwas über Rassismus sagen würde, aber im negativen Sinne natürlich.

Sie haben mehrmonatige Motorradtouren durch die Welt gemacht, hatten nicht mehr dabei, als das, was in die Motorradtaschen passt. Hat sich das Filmgeschäft hinterher anders angefühlt?

Das Filmgeschäft verändert sich nicht. Es war aber schön, etwas anderes zu machen.

Anders gefragt: Hatten Sie jemals den Moment, sagen wir mal mitten in der Wüste, als Sie gedacht haben, "ich brauche nicht viel zum Leben" und vielleicht auch gedacht haben, "ich brauche die Künstlichkeit des Filmgeschäfts nicht"? Die ganzen PR-Aktionen, den vermeintlichen Glamour...

Wegen des ganzen Mists, den Magazine verbreiten, dieser Promi-Scheiß, ist echt das falsche Bild entstanden, dass das Filmbusiness besonders glamourös wäre. Ich mache 'nen Job! Ich gehe zur Arbeit und danach nach Hause zu meiner Frau und meinen Kindern. Mein einziger Glamour ist eine Sammlung alter Motorräder, die ich mir leisten kann, weil ich genug Geld habe. Die fahre ich, das war's. Gut, dann gibt es noch die roten Teppiche bei Premieren, das ist glamourös, mit Fotografen und schönen Klamotten. Aber sonst ist da nichts, für mich jedenfalls nicht. Ich gehe nicht auf Partys von Rappern, die ich nicht kenne, ich gehe nicht auf Hochzeiten von Leuten, die ich nicht kenne. Es gibt keine Fotoshootings in meinem Haus, ich folge keiner Mode. Für mich gibt es da keine Künstlichkeit. Meine Erfahrungen mit dem Filmgeschäft sind ziemlich real.

Wie real?

Ich bin ein leidenschaftlicher Schauspieler, ich liebe meine Arbeit, daran glaube ich. Manchmal ist es schwierig, manchmal ist es Belohnung. Aber immer nur für mich persönlich am Set, nicht weil fünf Millionen oder auch nur 50 Leute den Film gesehen haben. Finanziell lohnt es sich für mich, mein Leben ist sehr bequem, und meine Kinder gehen auf gute Schulen. Das ist auch nicht künstlich. Und in Situationen wie diesen versuche ich, real und ehrlich zu sein. Ich lüge nicht. Okay, manchmal führe ich Leute von Themen weg, über die ich nicht reden will, aber ich sage nicht die Unwahrheit. Der tatsächliche Prozess, einen Film zu drehen, ist sehr technisch. Und mir macht das Spaß. Ich mag Filmleute, das ist meine Familie. Etwas auf Film zu bringen, ist manchmal sehr schwierig. Für mich als Schauspieler geht es nicht nur um meine emotionale Reise, ganz oft geht es um die Einstellungsgröße oder den Kran. Diese beiden Welten müssen zusammenfinden, und das ist sehr aufregend.

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