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Filmfest von Venedig: Aliens, deutsche Polizisten und andere Außenseiter

Christoph Waltz und Lindsay Lohan kamen nicht. Dafür strahlte Scarlett Johansson umso heller. Und James Franco braucht bald ein Festival für sich allein.

Von Sascha Rettig, Venedig

Sie kam im eleganten Schwarzen, lächelte charming, und in der venezianischen Spätsommersonne strahlte ihr blondes Haar. Verführung mit Fingerschnippen wäre für Scarlett Johansson sicher kein Problem. Dass ihr Reiz auch brünett, im dunkelbraunen Pelzmantel und mit unterkühlter Alien-Aura völlig intakt bleibt, davon konnte man sich im Außerirdischen-Drama "Under the Skin" ein Bild machen. In Jonathan Glazers Wettbewerbsbeitrag und erstem Film seit "Birth" (2004) verkörpert Johansson minimalistisch enigmatisch eine Außerirdische, die auf die Erde kommt und mit einem Lieferwagen durch Schottland fährt. Dabei werden wiederholt männliche Zufallsbekanntschaften zu ihren Opfern: Sie lockt sie an, sie folgen fast willenlos und landen schließlich in einem Raum aus schwarzem Nichts, in dem sie nackt versinken.

Was dahinter steckt? "Es soll ein Blick auf unsere Welt durch die Augen eines Aliens sein", sagt Regisseur Glazer, dessen Film wenig Erklärungen liefert. Vielmehr entwirft der Regisseur seine fast schon abstrakte Story über die Welterkundungen einer zunehmend menschlicheren Außerirdischen, die wie ein fernes Echo von Nicolas Roegs "The Man Who Fell To Earth" wirken, voller Leerstellen und Interpretationsfreiräume. Für Johansson ist der Film daher eine neue Erfahrung. "Er passt in kein Genre und hat keine spezielle Moral", so die schmolllippige Actrice. Dem recht karg dokumentarischem Stil seiner Szenen setzt der ehemalige Musikvideofilmer Glazer wiederholt stark stilisierte Bilder entgegen, die bisweilen eine albtraumhafte Unheimlichkeit entwickeln. Bei einigen Zuschauern in Venedig stieß der rätselhafte Film auf wenig Gegenliebe und musste trotz Scarlett Buh-Rufe einstecken.

Christoph Waltz kommt nicht

Johansson ist eines der letzten A-List-Hollywood-Gesichter dieser 70. Ausgabe des ältesten Filmfestivals der Welt, das seine Star-Injektionen dieses Jahr in etwas geringer Dosierung verabreichte. Sicher, Sandra Bullock und der perlweißlächelnde Dauer-Venedig-Gast George Clooney glamourierten mit der in atemberaubenden 3D gedrehten Schwerelos-Action in "Gravity" die Festival-Eröffnung. Und Nicolas Cage kam verlässlich, um über David Gordon Greens "Joe" - ein Indie-Drama in teils verwahrlosten Armutsverhältnissen - zu plaudern.

Einige Promis allerdings ließen sich jedoch trotz venezianischer Premieren-Weihen nicht auf dem roten Teppich blicken: Die unberechenbare Lindsay Lohan fehlte unentschuldigt bei ihrem Comebackversuch mit dem misslungenen, aufgesexten Thriller "The Canyons", mit dem Regisseur Paul Schrader ebenfalls seine Chance vergeigte, nach 20 Jahren mal wieder einen guten Film zu drehen.

Weder Paul Giamatti, noch Teen-Heatthrob Zac Efron kamen für "Parkland", eine unterhaltsame, aber wenig erkenntnisreiche Spielfilmaufbereitung einiger Hinter-den-Kulissen-Episoden vom Tag des JFK-Attentats in Dallas. Und auch Christoph Waltz schipperte nicht für die Premiere von "The Zero Theorem" zum Lido. So war der doppelte Oscar-Preisträger nur auf der Leinwand zu sehen, wie er den großen Fragen dieser Welt nachforscht. Auch Interviews gab es nur über Skype.

In einer getriebenen Performance gibt Waltz weniger zynisch als in Quentin Tarantinos Filmen, dafür etwas gefühlsanfälliger das glatzköpfige Computergenie Qohen Leth. Das haust isoliert und einsam in einer alten Kirche, arbeitet an einem Geheimprojekt des nicht minder mysteriösen "Management" und wartet seit Jahrzehnten auf einen wichtigen Anruf: Den Anruf, der ihm die Bedeutung der irdischen Existenz erklären soll. Wie bereits in "Brazil" und "12 Monkeys" und mit einem kräftigen Schuss Kafka imaginiert Gilliam erneut ganz eigene Vorstellungen einer nicht allzu fernen Zukunft. "Im Grunde geht es im Film um die Zeit, in der wir leben", erklärte der Kinophantast in Venedig. "Die Zukunft hat uns eingeholt mit der vernetzten Welt und virtuellen Beziehungen."

Allerdings wirkt seine grell bunte Vision der komplett durchverdrahteten Zukunft ein bisschen wie ein Anachronismus und entpuppt sich, wie eigentlich alle Gilliam-Werke seit "Fear and Loathing in Las Vegas" (1998), als etwas verfahrene, widerborstige Angelegenheit. Immer wieder enervierend, wirr und angestrengt bizarr. Dann aber wiederum auch amüsant, philosophierend und abgefüllt mit hübschen Detail-Ideen.

Der omnipräsente James Franco

Dass seine Hollywood-Kollegen auf der Mostra fehlten, machte James Franco ("127 Stunden") fast im Alleingang wett. Mit einer Omnipräsenz, die für zwei oder mehr Festivals gereicht hätte. Er kam in der Sam-Fuller-Doku "A Fuller Life" zu Wort. Er schrieb das Drehbuch und spielte in Gia Coppolas Debüt "Palo Alto". Und er wechselte erneut auf die Regieseite.

Nach seiner in Cannes präsentierten Faulkner-Verfilmung "As I Lay Dying" adaptierte er nun wieder einen Roman, diesmal von Cormac McCarthy. Mit viel Ambition, aber durchwachsener Regieleistung zeigt er in seinem Löwen-Konkurrenten "Child of God" das Leben eines zurückgebliebenen, gesellschaftlichen Außenseiters, der in den Wäldern lebt und sich zunehmend in Wahnsinn, Mord und kranker Sexualität verliert. Vor allem Scott Haze empfahl sich mit seiner irren Tour de Force für den Darstellerpreis. Doch ob es auf diesem wechselhaften wie vielseitigen Festivaljahrgang, auf dem man auf der Leinwand immer wieder Einzelkämpfern und Außenseitern begegnet, für den Goldenen Löwen reicht? Ein klarer Favorit hat sich auch nach zwei Dritteln des Wettbewerbs immer noch nicht herauskristallisiert.

Großartige Judi Dench

Immerhin: Gäbe es in Venedig statt der Jury ein Applausometer, dann stünde der diesjährige Preisträger des Goldenen Löwen wohl schon so gut wie fest. Denn zu Beginn der Pressekonferenz zum kirchenkritischen Drama "Philomena" bekam Hauptdarsteller Steve Coogan schon ordentlich Beifall. Der steigerte sich noch einmal bei Regisseur Stephen Frears, und letztlich erreichte der Jubel bei Hauptdarstellerin Judi Dench den Höhepunkt. Der maulfaule Regie-Veteran Frears, der vor einigen Jahren auf dem Lido mit "The Queen" seinen bisher größten Hit landete, erzählt darin von einem wahren Fall, der sich in ähnlicher Weise in Irland tausendfach wiederholt haben soll: Die junge, unverheiratete Philomena wurde in den 50er Jahren schwanger und in ein katholisches Kloster gesteckt, wo man ihr nach der Geburt das Kind entzog und zur Adoption durch amerikanische Eltern freigab.

Der Film dazu zeigt, wie sich ein halbes Jahrhundert später ein ungleiches Paar in den USA auf die Suche nach dem Sohn macht. Ein zynischer Journalist, der sie begleitet, auf der einen Seite. Und die ältere Philomena, eine Frau aus einfacheren Verhältnissen, die trotz ihrer Geschichte Halt im Glauben findet, auf der anderen. "Obwohl der Film die Institution Kirche kritisiert, geht er sehr würdevoll mit den Menschen um, die einen einfachen Glauben haben", sagte der multitalentierte Coogan, der auch das Drehbuch für den Film mitgeschrieben hat, der die Spannungen, die Zweifel und die Dynamik des Duos mit einer ausbalancierten Mischung aus tragischen und komischen Szenen subtil einfängt und die Gegensätzlichkeiten - auch in Glaubensfragen - nie plakativ ausmalt. Mit dem realen Vorbild hatte sich Dench auch vor den Dreharbeiten mehrfach getroffen. "Sie wollte mich kennenlernen, und ich wollte sie und ihre Persönlichkeit verstehen", erklärte die 78-jährige Ex-James-Bond-Chefin, die die hausfrauliche Dauerwelle wieder gegen eine Struwelfrisur getauscht hatte. "Es ist eine große Verantwortung, jemanden zu spielen, der noch lebt."

"Philomena" führt zwar souverän den Kritikerspiegel an. Doch auch wenn Darstellerpreise für das Duo Judi Dench und Steve Coogan keine Fehlentscheidung wären, ist der gefühlige Crowdpleaser für höchste Auszeichnungen letztlich doch zu konventionell. Ganz anders: Philip Grönings deutscher Wettbewerbsbeitrag "Die Frau des Polizisten", der die gewalttätige Beziehung einer jungen Ehe in einer strengen, ungewöhnlichen Mosaik-Form sezierte, die den Zuschauern einiges abverlangte. Damit hinterließ er einen ebenso starken Eindruck wie Xavier Dolans eigenwilliges Drama "Tom à la ferme", das sich mit Geheimnissen, Doppelleben und verdrängter Homosexualität beschäftigt.

Vielleicht schlummert der Löwen-Gewinner dieses Jahres ja noch unter den ausstehenden Wettbewerbsfilmen - auch wenn das Festival auf die Zielgrade zusteuert, die Säle langsam leerer werden und die großen Hollywoodnamen jetzt beim Filmfest in Toronto auflaufen.