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Filmfestspiele in Cannes: Es kann nur besser werden

Nicole Kidman hat als Grace Kelly für einen Boykott und Buhrufe gesorgt. Davon abgesehen war zum Auftakt des Filmfestivals an der Croisette zwischen Leinwandlegenden und C-Prominenz alles wie immer.

Von Patrick Heidmann, Cannes

Dieser Film hätte nie entstehen dürfen! So äußerte sich Prinzessin Stéphanie gerade in einem Interview mit Blick auf "Grace of Monaco". Und auch ihr Bruder, Fürst Albert II., hat sich kürzlich in einem Statement offiziell vom Eröffnungsfilm der Filmfestspiele von Cannes distanziert und auch gleich seine Teilnahme an der Premiere abgesagt.

Eine "Verdrehung der Familiengeschichte zu kommerziellen Zwecken" beklagt die Grimaldi-Familie und schwänzte deswegen (anders als in vergangenen Jahren) den Besuch im nur wenige Kilometer entfernten Cannes, wo am 14. Mai zum 67. Mal das wichtigste Filmfestival der Welt das Kino begonnen hat. Die Royals haben damit ohne Frage den richtigen Riecher bewiesen. Denn verpasst haben Albert und Co. mit dem Biopic über ihre Mutter Grace Kelly vor allem eines: einen richtig schlechten Film.

Schlicht und ergreifend fehlbesetzt

Die biografischen und historischen Freiheiten, die sich Regisseur Olivier Dahan ("La vie en rose") herausnimmt, sind dabei das geringste Problem. "Grace of Monaco" konzentriert sich auf das Jahr 1962, als Grace Kelly (schlicht und ergreifend fehlbesetzt: Nicole Kidman) bereits sechs Jahre lang das Filmgeschäft hinter sich gelassen und sich in ihrer neuen Heimat als First Lady mit zwei kleinen Kindern noch nicht richtig eingelebt hatte. Schon im Vorspann wird betont, dass es sich um Fiktion handele, die lediglich von wahren Begebenheiten inspiriert sei. Es mag angesichts eines so schillernden Lebens wie dem von Gracia Patricia zwar unnötig erscheinen, überhaupt etwas hinzudichten zu wollen. Aber letztlich ist zumindest dieser Aspekt des Films, der einen Tag nach seiner Weltpremiere auch schon in die deutschen Kinos kommt, kaum die Aufregung wert.

Nicht ignorieren lässt sich dagegen, dass der Franzose hinter der Kamera scheinbar keinen wirklichen Schimmer hat, wovon er eigentlich erzählen will. Von Kellys Sehnsucht nach der Arbeit vor der Kamera und der Schwierigkeit, sich in ihrer neuen, repräsentativen Rolle zurechtzufinden? Von den Spannungen in der Ehe mit Rainier (ein von reichlich Zigarettenrauch umnebelter Tim Roth)? Oder noch lieber von den politischen Kämpfen, die Monaco damals mit Frankreich ausfocht, was Dahan zwischenzeitlich kurzzeitig auch noch dazu verleitet, ins Spionagethriller-Genre à la Hitchcock auszuweichen?

In "La vie en rose", seinem ersten großen Film über eine Ikone des 20. Jahrhunderts, hatte er noch das Glück, dass Marion Cotillard mit ihrer Tour de Force als Edith Piaf über das Chaos in der Inszenierung hinwegspielte. Nicole Kidman ist dagegen als Grace Kelly derart emotionslos und ausdrucksarm, dass sie zum Misslingen von "Grace of Monaco" noch zusätzlich beiträgt.

Ryan Gosling & Pamela Anderson

Dem üblichen Glamour des Cannes-Auftakts, zu dem nach dem verregneten letzten Jahr endlich wieder die Sonne schien, konnten die Buhrufe in der Pressevorführung und gelegentliches Gelächter angesichts unfreiwilliger Komik nichts anhaben. Kidman tauschte für den roten Teppich die Old School-Eleganz des Films gegen ein aufwändig verziertes, blaues Armani-Kleid, dass auch in einem der Country-Videos ihres Ehemanns nicht fehl am Platz gewesen wäre. Und einmal im Kinosaal angekommen, ließ sie sich von "Catwoman"-Star Lambert Wilson, der als Zeremonienmeister durch den Abend führte, prompt zu einem Tänzchen zwischen den Stuhlreihen überreden. Ansonsten präsentierte sich das Premierenpublikum, wie an der Croisette üblich, als reichlich bunte Mischung: Filmlegenden wie Jane Fonda waren ebenso geladen wie Jungstars à la Zoe Saldana oder Supermodels wie Nadja Auermann. Selbst Kardashian-Schwester Kendall Jenner verschlug es - kurz vor der Kim & Kanye-Hochzeit in Paris - nach Südfrankreich.

Dass das Festival mit "Grace of Monaco" in diesem Jahr einen noch schwächeren Start erwischt hat als es ohnehin schon Tradition ist, hat übrigens durchaus sein Gutes. Schließlich kann es in den kommenden zehn Tagen auf der Leinwand nur besser werden. Tatsächlich freute man sich nach so vielen Großaufnahmen von Kidmans faltenfrei geglätteter Stirn gleich doppelt auf das westafrikanische Fundamentalistendrama "Timbuktu", das im Wettbewerb um die Goldene Palme im Anschluss auf dem Programm stand.

Die Erwartungen an Cannes 2014 bleiben groß: Julianne Moore, Marion Cotillard, Cate Blanchett, Hilary Swank und Jessica Chastain sind allesamt mit neuen Filmen und diversen Abendroben im Gepäck angereist. Am heftigsten diskutiert werden im Vorfeld die Premiere von "Lost River", dem Regiedebüt von Ryan Gosling, und auch der Auftritt von Gérard Depardieu in einem Film über den Sexskandal des französischen Politikers Strauss-Kahn. C-Promis wie Pamela Anderson und Dolph Lundgren hoffen wie immer, dass der Glanz des Festivals ein wenig auch auf sie abstrahlen möge. Bleibt also nur abzuwarten, ob Albert oder Stéphanie es sich nicht doch noch überlegen und in den nächsten Tagen mal ein Stück die Küste herunterkommen.

Patrick Heidmann