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Filmstart "Wall Street: Geld schläft nicht": Wenn der Finanzkrimi zum Familiendrama schrumpft

In der Fortsetzung des Kultfilms "Wall Street" von Regisseur Oliver Stone kehrt der einstige Zocker Gordon Gekko geläutert aus dem Gefängnis zurück. Doch hat sich das Ekel wirklich zum Gutmenschen gewandelt?

Ja, sind denn alle verrückt geworden?" schleudert Alt-Finanzhai Gekko im Sommer 2008 in einem Vortrag über die Spekulationsblase seinen jungen Zuhörern entgegen. Hinterher ist man eben immer schlauer: In dem am 21. Oktober anlaufenden Finanzthriller "Wall Street: Geld schläft nicht" macht Regisseur Oliver Stone den windigen Zocker Gekko, der im Vorgängerfilm "Wall Street" (1987) wegen Insidergeschäften eingebuchtet wurde, nachträglich zum Propheten des Börsencrashs von 2008.

Die Jahre im Knast haben ihm sichtlich gut getan; Michael Douglas als Gordon Gekko hat jetzt weiße Haare, wirkt jedoch ausgeruht und bereit zu neuen Schandtaten. Nach seiner Entlassung schreibt das schwarze Schaf der Hochfinanz aber erst einmal einen Bestseller über jene pathologische Gier-ist-geil-Mentalität, die "Wall Street" einst zu einem Kultfilm für Möchtegern-Yuppies machte. Sollte sich das Ekel auf seine alten Tage vom Saulus zum Paulus gewandelt haben? Weil Gutmenschen fad sind, dichtet Stone ihm die renitente Tochter Willie an, die, ausgerechnet, mit einem ehrgeizigen Börsenmakler liiert ist.

Jake jedoch, mit feuchten Hundeaugen von Shia LaBeouf ("Transformers") gespielt, ist der netteste Wall-Street-Banker der Welt. Er interessiert sich nur für Willie, die eine nichtkommerzielle Ökowebsite betreibt, und für Alternativ-Energie, die er als Investmentbanker mit gutem Gewissen fördert. Als sein Mentor und Chef Lou durch intrigante Gerüchte in den Selbstmord getrieben wird, schwört Jake Rache. Er nimmt Kontakt zu Gekko auf, der ihn auf seinen alten Widersacher Bretton James ansetzt. Jake heizt James, eine Art Gekko 2, kräftig ein. Als Preis verlangt Gekko die Versöhnung mit Willie. Doch das ist erst die Hälfte der Geschichte.

Macho-Regisseur Stone, der auch mit "Natural Born Killers" und "Platoon" Filmgeschichte schrieb, ist dafür bekannt, alles eine Nummer größer zu inszenieren. Auch diesmal lässt er die Muskeln spielen. Die Kamera rast Wolkenkratzerschluchten rauf und runter und bombardiert den Zuschauer mit stürzenden Kursen auf flimmernden Monitoren. Gediegener Luxus herrscht dagegen bei den Empfängen des Geldadels; die Finanzhaie schmücken sich mit Kunst und mit gestrafften, Juwelen behangenen Frauen, lauschen Klassikkonzerten und hecken in getäfelten Büros die nächsten Coups aus, untermalt von markigen Sprüchen à la "Geld ist eine Hure".

Tatsächlich geht es weniger um die Mechanismen der Finanzwelt als um pompöse Hahnenkämpfe, die auch mit dem Motorrad ausgetragen werden. Die frei flottierenden Dollarmillionen sind nurmehr ein Hitchcock'scher "MacGuffin" - ein Nichts, das die Handlung aufbläht. Nur einmal materialisiert sich die Penunze, als Gekko genüsslich maßgefertige Schuhe shoppen geht; ansonsten ist zwischen Bankrott und Boom in den konkreten Lebensumständen kein Unterschied feststellbar. Das Geld kommt und geht, dass einem schwindlig wird; hat man nur 100 Millionen, werden sie an der Börse mal kurz verzehnfacht. Und dann gibt's ja noch die stillen Reserven.

Mit der Nonchalance einer höheren Tochter, die ein Schweizer Konto verschweigt, behauptet Willie, dass ihr Geld nicht wichtig sei. So hat die süße Carey Mulligan nur die Funktion eines Investments. Im Grunde ist Oliver Stone, der linke Romantiker, auch ein kleiner Reaktionär: Jakes Mutter, eine Immobilienmaklerin, wird bei drohender Pleite beschieden, dass sie zu ihrem Gatten zurückkehren solle. Letztlich schrumpft der opulente Finanzkrimi auf ein kolportagehaftes Familiendrama à la "Dallas" und "Denver", das nach Fortsetzung ruft. Immerhin dürften von dem tollen Michael Douglas auch als Opa Gekko noch einige Gemeinheiten zu erwarten sein.

APN / APN