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Kinofilm "The Social Network": Hollywood hilft Mark Zuckerberg

Ein Film als Entlarvung von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg? Das hätte Hollywood gern. Es ist die verzweifelte Suche nach einem Erklärmodell für einen Außenseiter.

Sophie Albers likes "The Social Network"

Er macht sie alle kirre mit seiner Indifferenz! Er mag keine Partys, keine Drogen, ist seit sieben Jahren mit der gleichen Frau zusammen, fährt einen unauffälligen Mittelklassewagen, und sein Haus - *empörtes nach Luft schnappen* - sein Haus im kalifornischen Palo Alto ist klein und im wahrsten Sinne des Wortes eine Hütte ohne Glanz, von der aus er zu Fuß - *Fassungslosigkeit* - zur Arbeit kommt.

Und als wäre das alles nicht genug Stinkefinger ins Gesicht der etablierten Wohlstandsmeinung, gibt Mark Zuckerberg zudem immer wieder ohne jede Scham zu, dass der allseits verehrte Dämon Mammon ihn nicht interessiert - *Ohnmacht*-, so lange nur die Server laufen und genug Dr Pepper da ist. Und das ist nicht mal eine kokette Lüge.

Mit 19 war ihm eine Million Dollar egal, als Microsoft dem begabten Programmierer ein Programm für MP3-Player abkaufen wollte. 2006 war es eine Milliarde, die ihm Yahoo-Chef Terry Semel für Facebook geboten hat. Und heute, da Zuckerbergs Unternehmen geschätzte 33 Milliarden Dollar schwer ist, erscheint ihm der Börsengang gar als notwendiges Übel. Was ist bloß los mit diesem Kerl? Wie kann man mit 26 Jahren einer der reichsten Menschen der Welt sein, ohne dazugehören zu wollen? *Blankes Entsetzen*

Erklärungsmodelle

Das kann die kapitalistisch-hedonistische Welt nicht auf sich sitzen lassen. Erklärmodelle müssen her. So kamen zu den "peinlichen" Youtube-Auftritten ("Oh mein Gott, er stottert und schwitzt") und Blog-Gerüchten ("Der hat doch Asperger") über den seltsamen Typen mit dem starren Blick eine exponentiell steigende Anzahl mehr oder weniger elaborierter Annäherungsversuche der Presse. Und schließlich, 2009, eine unautorisierte Biografie namens "Milliardär per Zufall: Die Gründung von Facebook - eine Geschichte über Sex, Geld, Freundschaft und Betrug" des US-Autors Ben Mezrich. *Na, geht doch*

Die wiederum war Vorlage für David Finchers viel gelobten wie diskutierten Film "The Social Network", der in den USA gerade in nur vier Tagen knapp 25 Millionen Dollar eingespielt hat, und der nun auch in Deutschland startet.

Nach dem Kinobesuch ist alles klar: Ein Mädchen ist schuld daran, dass wir nun permanent auf Facebook chatten, Fotos einstellen oder die eigene Verfassung minutiös beschreiben, anstatt Weltfrieden zu stiften oder ein Mittel gegen Aids zu finden. Gleich zu Beginn wird der Film-Zuckerberg verlassen, weil das Mädchen sein arrogantes, ausschließlich logischen Schlüssen folgendes Dauergequassel nicht länger ertragen kann. Und was macht der begnadete Programmierer und Harvardstudent? Er geht in sein Wohnheim, postet einen Hass-Blogeintrag über seine Ex und hackt dann mit Freunden ein Programm zusammen, das die Jahrbuchfotos aller Harvardstudentinnen in ein Hot-or-Not-Online-Death-Match schickt. Weil das Machtspielchen über Nacht zum Campus-Hit avanciert, bricht der Uniserver zusammen, und Zuckerberg muss sich vor dem Dekan rechtfertigen. Was der Junge - wunderbar stoisch gespielt von Jesse Eisenberg - nicht wirklich versteht, schließlich war sein Programm erfolgreich.

Natürlich will Zuckerberg dazu gehören. Er kann nur nicht, so die Filmbotschaft.

Zuckerberg meets Winkelvoss

Auftritt der mit jeder hübschen Faser dazugehörenden Zwillinge Cameron und Tyler Winkelvoss, Brut der oberen Zehntausend, die die Erhaltung ihrer dekadenten Art mittels einer Harvard-Dating-Website sichern wollen. Zuckerberg soll für sie das nötige Programm schreiben. Den trifft stattdessen jedoch ein Geistesblitz, und er programmiert die erste Version von "The Facebook". Das lassen die Winkelvosses nicht auf sich sitzen, vor allem nicht, als "The Facebook" auch noch Erfolg hat. Es folgt die erste Klage.

Und dem unaufhaltsamen Aufstieg des digitalen Herrschers fallen noch weitere Menschen zum Opfer: unter anderem sein bester Freund, Zimmerkollege und Geldgeber Eduardo Saverin (schokoladenäugiger Junge mit goldenem Herzen: Andrew Garfield). Auch er klagt.

Das Großartige an "The Social Network" ist, dass Regie-Held David Fincher ("Fightclub", "Zodiac", "Der seltsame Fall des Benjamin Button") und Drehbuch-Gott Aaron Sorkin ("Eine Frage der Ehre", "The West Wing") sich nicht auf eine Perspektive festgelegt haben. Der, der gerade erzählt, hat Recht: Mal guckt man Zuckerberg beim Programmieren über die Schulter, mal sitzt man neben dem fassungslosen Saverin. So schwankt man zwischen der Ablehnung des Antihelden Zuckerberg - der Menschen allesamt für austauschbar hält und Zahlenkolonnen einfacher einzusetzen weiß als ein Lächeln - und der tragischen Figur Zuckerberg - einem Jungspund, der das größte Netzwerk für zwischenmenschliche Kommunikation baut und doch der einsamste Mensch auf der Welt ist.

Mark Zuckerberg likes David Fincher

Dieser einsame Mensch mit Millionen Freunden, die gar keine sind, passt wunderbar ins Bild. Wenn er könnte, wäre Zuckerberg natürlich auf Partys unterwegs, hätte fünf Autos und drei Fahrer sowie die standesgemäße Riesenvilla. Ist doch klar wie das Grün der Dollarscheine, scheint Hollywood zu schreien.

Das ist der Augenblick, in dem der echte Zuckerberg in seiner spartanisch eingerichten Arbeitsecke neben der Küche sitzt, die Füße mit den Adiletten auf die Tischkante legt und zumindest innerlich lächelt. "The Social Network" hat ihm einen großen Gefallen getan. Der Film hat ihn endlich eingeordnet in den Köpfen all der Leute, die immer lauter fragen und nachbohren, wer dieser Kerl mit all den Milliarden eigentlich ist. Jesse Eisenberg hat den von ihm so verhassten Job der Außenwirkung übernommen. Und das verschafft Zuckerberg endlich Zeit und Ruhe, um weiter an seinem großen Online-Experiment zu arbeiten: Wie funktionieren zwischenmenschliche Beziehungen? Seine 500 Millionen Probanden liefern Daten im Sekundentakt.

Mark Zuckerberg likes David Fincher. Aber pssst.

P.S.: Werden Sie sich den Film anschauen? Oder ist Ihnen Mark Zuckerberg als Person eigentlich völlig egal? Diskutieren Sie mit auf der Facebook-Seite von stern.de.