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Franka Potente: Die Fremdgeherin

Und wieder hat sie in Amerika gedreht: Deutschlands Export-Wunder Franka Potente spielt die Hauptrolle in einem Actionfilm - und zeigt Hollywood mal eine ganz andere Heldin.

Von Irmgard Hochreither und Phillip Dixon (Fotos)

Zwei dunkle Haarschwänzchen mit tizianroten Strähnen drin stehen vorwitzig vom Kopf ab. Das Gesicht ungeschminkt, die 1,74 Meter verpackt in Jeans und T-Shirt. Etwas geschafft, aber bester Laune hockt unser Hollywood-Star aus Dülmen im Münsterland in der Suite des Four-Seasons-Hotels in Beverly Hills - auf dem Fußboden. Irgendwie passt das zu Franka Potente. Auf dem Teppich bleiben, nur nicht abheben bei diesem ganzen Star-Düdeldü. Und einen Regelverstoß erlaubt sich die Heldin des neuen US-Hits »Die Bourne Identität«: Sie raucht. In der Rauchfrei-Region Kalifornien ist das etwa so, als würde man ins Premieren-Büfett kotzen. »Ich bin Ausländerin, ich weiß davon nix«, sagt Miss Potente, grinst und angelt sich noch eine Fluppe aus der Packung.

»Gestern«, stöhnt sie, »war voll krass. Da wurden 80 Journalisten im Vier-Minuten-Takt durchgenudelt. Du laberst dir die Batterie leer und hast im Endeffekt nix gesagt.« Dann schnell aufrüschen und mit Filmpartner Matt Damon zu den MTV-Movie-Awards, roter Teppich, kreischende Fans, Preisverleihung, Party-Bla-Bla. Und immer lächeln, auch wenn man nur noch ins Bett möchte. Harte Arbeit für eine, die zum Glamour-Girl so wenig taugt. Franka Potente ist weder oberflächlich noch gierig genug, um solchen Auftrieb um ihre Person zu genießen. Also nimmt sie es sportlich: So ist das eben, wenn man neben einem Oscar-Preisträger die Hauptrolle in einer 60 Millionen Dollar teuren Hollywood-Produktion übernommen hat.

Franka Potente kennt das Spiel bereits aus dem vergangenen Jahr. Da hatte sie einen Kurzauftritt im Kokser-Drama »Blow« und musste danach mehrere hundert Mal die weltbewegende Frage beantworten: Wie küsst Johnny Depp? Seither wissen wir, dass sie vor dem ersten Lippenkontakt ein Wasserglas mit Underberg gekippt hat. Jetzt erfahren wir, dass der Magenbitter-Trick auch für die Kuss-Szenen mit Matt Damon gewirkt hat. Manchmal möchte man Franka Potente knutschen für ihre saloppe Art. Als ein Journalist sie auf eine Diät und das angeblich zu dicke Hinterteil ansprach, konterte sie: »Dass Matt Damon sich mal in eine Frau mit meinem Hintern verlieben durfte - die ganze Welt ist dankbar dafür.«

Wie goldrichtig die 28-Jährige mit dieser Einschätzung lag, lässt sich auch an Zahlen ablesen. Der Agenten-Thriller hat in Amerika bereits mehr als 100 Millionen Dollar eingespielt (Deutschlandstart: 26. September). Mittlerweile liegen Interview-Anfragen aus aller Welt vor. Die Karriere der Franka Potente ist geradezu explodiert. Eben noch galt das Run-Lola-Run-Fräuleinwunder als Kinohoffnung, jetzt ist die Zukunft plötzlich Gegenwart. Bislang hat die Deutsche nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass sie keine Lust hat, in Los Angeles zu leben (»Diese Stadt macht mich depressiv«) - jetzt spielt sie mit dem Gedanken, sich eine Wohnung in L.A. zu nehmen.

Irgendwie erinnert Franka Potente ein wenig an Goethes Zauberlehrling, der die Besen, die er rief, nicht mehr loswird. Was tun gegen die magischen Kräfte? Als es um die Besetzung von »Die Bourne Identität« ging, war die Deutsche eigentlich wieder nur für eine Nebenrolle vorgesehen. Aber sie ließ dem Studio selbstbewusst ausrichten: »Entweder die Hauptrolle, oder ich mache gar nicht mit.« Gut gepokert. Einerseits. Auf der anderen Seite gibt sie zu, »dass mich Actionfilme eigentlich null interessieren, dieses Geballere geht mir auf die Nerven. Und bevor alles in die Luft fliegt, lassen die Helden ein paar Witzchen los. Dann geht voll die Action ab, und ich sitze nur da und frage mich: Hä? Wenn Frauen mitspielen, sind sie meist nur Dekoration«.

Kommt hinzu, dass sie die Hauptrolle in einem Actionfilm mit äußerst verstiegener Handlung übernommen hat. Es geht um den CIA-Agenten Bourne (Matt Damon), der aus dem Mittelmeer gefischt wird - ohne Geld, ohne Papiere, ohne Erinnerung, dafür mit mehreren Kugeln im Rücken und einem tätowierten Zahlencode für ein Schweizer Nummernkonto. Dem Mann bleibt nichts übrig, als sich auf die - natürlich lebensgefährliche - Suche nach der eigenen Identität zu machen. Dabei läuft ihm Marie über den Weg, die auf Selbstfindungstrip durch Europa vagabundiert. Es wird gefightet, geballert, getötet nach allen Regeln der High-Tech-Kunst und mit vollem Mucki-Einsatz des gestressten Helden, der nichts dafür kann, dass er so harmlos wirkt wie der Teenie-Schwarm aus einer Boy-Group. Er mimt den Anti-helden - okay. Aber muss der unbedingt den Charme von Mamas Liebling verströmen?

Zum Glück gibt es Marie. Sie ist emotionaler Rettungsanker in diesem haarsträubenden Plot, sie darf Angst haben, schockiert sein - und sich sogar lustig machen über den Helden. »Die Romanvorlage«, so Franka Potente, »fand ich schrecklich. Dieses 70er-Jahre-Frauenbild, einfach furchtbar. Die Figur, die ich jetzt spiele, ist keine dekorative Tussi, sondern eine normale junge Frau, die sich in einer Ausnahmesituation wiederfindet. Ich hatte die Chance, mal aufzuräumen mit diesem blöden coolen Getue. Es ist eben nicht normal, dass irgendwer dich töten will, dass die Welt um dich herum in die Luft fliegt und Menschen durchsiebt werden. Da kotzt Marie halt in den Hausflur. Das war meine Idee.« In den braunen Augen blitzt es vor Vergnügen und Stolz, »und sie haben es nicht rausgeschnitten«.

Im Augenblick versucht die Westfälin, sich nicht kirre machen zu lassen. Auch nicht von den Paparazzi-Fotos, die sie knutschend mit Elijah Wood, dem Hobbit aus »Der Herr der Ringe«, zeigen. Eine Lovestory? »Klar ist was dran«, sagt sie amüsiert, »aber es ist viel weniger dramatisch, als es in den Zeitungen stand. Ertappt! So ein Quatsch. Tom und ich sind nicht mehr zusammen, keiner ist gestorben, keiner hat sich umgebracht. Und wir werden bestimmt auch wieder miteinander arbeiten. Ich frage mich nur, was ist das für ein Heiopei, der mich in einer Bar in Vancouver sieht und nichts Besseres zu tun hat, als die «Bild»-Zeitung anzurufen? Widerlich.« Dass sie sich nach fünf Jahren von »Lola rennt«-Regisseur Tom Tykwer getrennt hat, den sie noch vor kurzem »den Mann meines Lebens« nannte, ist für sie kein Widerspruch. »Wenn ich eine Beziehung beginne, werde ich immer das Gefühl haben - der isses. Alles andere wäre zynisch.«

Mehr will sie nicht sagen, ihr Intimleben geht niemanden was an. Und sie hat Wichtigeres zu tun. Sie nimmt sich Zeit für den Besuch ihrer alten Schule in Dülmen, quatscht mit ihren Fans im Teenie-Alter - und stürzt sich in die Arbeit. Bis Oktober steht die Lehrertochter für den Kinofilm »Blueprint« unter der Regie von Rolf Schübel vor der Kamera: in einer Doppelrolle, als MS-kranke Pianistin und deren Klon, eine Seele in zwei Körpern. Die sensible Geschichte ist ganz nach ihrem Geschmack, denn »ich mache echt nur Sachen, die für mich eine besondere Qualität haben«.

Keine Werbung, für kein Geld der Welt. Keine Kompromisse. Da bleibt sie stur. Starke Mädchen haben ihren eigenen Kopf - und Potente, das klingt echt stark.