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Gabourey Sidibe aus "Precious": Eine fette Karriere

Vor einem Jahr war sie noch eine übergewichtige Frau aus Harlem. Dank ihrer Rolle in dem Filmdrama "Precious" ist Gabourey Sidibe heute eine gefeierte, Oscar-nominierte Schauspielerin. Die Geschichte einer Frau, die trotz widrigster Voraussetzungen berühmt wurde.

Von Ulrike von Bülow

Das Buch? Natürlich hat sie das Buch damals gelesen, es war ein Schlüsselroman, so etwas wie der "Fänger im Roggen" des schwarzen Amerika. "Push", das Werk der New Yorker Autorin Sapphire, erzählt die Geschichte eines schwarzen, übergewichtigen Mädchens, 16 Jahre alt und zum zweiten Mal schwanger vom eigenen Vater, das erste Kind kam mit Down Syndrom zur Welt. Es ist eine Geschichte aus dem Ghetto, wie sie niemand aufgeschrieben hatte, bis eben "Push" 1996 erschien. "Und ich weiß, ich ging noch zur High School, als ich es das erste Mal in der Hand hatte", sagt nun Gabourey Sidibe. "Aber ich hätte nie gedacht, dass ich eines Tages die Heldin des Buches spielen würde." Sie greift nach einem Schokoladenshake, der neben ihr auf dem Tisch steht, dann sagt sie: "Ich komme mir gerade vor wie Cinderella!"

Gabourey Sidibe ist ein schwarzes, übergewichtiges Fräulein, 26 Jahre alt und ungemein fröhlich, wie sie so da sitzt an diesem Mittwoch in New York City und ihr persönliches Märchen erzählt: Wie ich ein Filmstar wurde! Denn das Mädchen aus dem Roman ist die Rolle ihres Lebens: Sidibe verkörpert Claireece Precious Jones, zu sehen in dem Film "Precious - das Leben ist kostbar", der auf "Push" basiert und am 25. März in Deutschland anläuft. Sie wurde als beste Hauptdarstellerin für den Oscar nominiert. Zur Verleihung kam sie in einer Schalke-blauen Robe, die eigens für sie geschneidert worden war. Dass der Preis an Sandra Bullock ging - geschenkt. Denn dabei zu sein, "das war für mich schon wie gewinnen, weil ich ja keine gelernte Schauspielerin bin. Ich bin nur zum Casting gegangen, weil ein Freund mich dahin drängelte: Die suchen Dich!", sagt Sidibe und grinst. Sie hat ein mächtiges Gesicht, ihre dunklen Augen erscheinen darin klein wie Mandeln in einem Berg von Kuchenteig.

Gabourey Sidibe ist keine der Photoshop-artigen Beautys, die das moderne Hollywood hervorbringt. Sie wiegt 168 Kilo, das ist im Filmgeschäft eine XXL-Sensation: "Precious" hatte noch nicht Premiere gefeiert, da beschäftigte sich bereits halb Amerika mit Sidibe und ihrer Figur. Die Lobby der dicken Frauen kürte sie zu ihrer Heldin, als Gegenmodell zu Michelle Obama, die ja schwer damit beschäftigt ist, die Fettleibigkeit der Amerikaner zu bekämpfen. Das "New York Times Magazine" zeigte Sidibe auf dem Titel und würdigte den "Mut von Precious".

Das Buch basiert auf wahren Fällen

Nur die schwarzen Kritiker waren nicht restlos begeistert: Der Film sei ein "Armutsporno", nölten sie, er zeige "ein rassistisches Klischee", als würden alle Schwarzen in Armut leben und ihre Kinder vergewaltigen. "Sexueller Missbrauch ist aber ja nicht typisch schwarz", sagt Sapphire, die Autorin des Buches, die eigentlich Romona Lofton heißt und unter Pseudonym schreibt. "Nehmen Sie den Fall in Österreich", Josef Fritzl, "der seine Tochter über Jahre eingesperrt hat. Und wir Schwarzen sind längst in allen Schichten vertreten, da muss man nur ins Weiße Haus schauen." Sie meint vermutlich, dass wirkliche Befreiung erst erreicht ist, wenn alle Facetten schwarzen Lebens im Kino gezeigt werden können, ohne Weichzeichner.

"Push" basiert auf Fällen, die Sapphire als Sozialarbeiterin im Harlem der 80er Jahre über den Weg gelaufen sind. Das Buch sollte schon oft verfilmt werden, so wollte etwa "Madonna die Rechte dafür kaufen", erzählt Sapphire, "aber ich hatte nicht das Gefühl, dass sie da in den richtigen Händen gewesen wären". Erst der Regisseur Lee Daniels überzeugte sie, der mit "Monster's Ball" berühmt wurde, jenem Werk, für das Halle Berry einen Oscar bekam, als erste Schauspielerin afroamerikanischer Herkunft.

Für "Precious" brauchte Daniels nun "ein schwarzes Mädchen mit 200 Kilo", wie er sagt, "aber wo sollte ich das herbekommen? In Hollywood gibt es die ja nicht." Also suchte er in Harlem, im echten Leben, und da war sich Gabourey Sidibe gerade nicht sicher, wie es für sie weitergehen würde. In ihrem kleinen Leben.

Psychologin wollte sie werden, "das war mein Plan", aber irgendwie hatte sie sich fest gejobbt. Sie war gerade als Rezeptionistin beschäftigt, als die Sache mit dem Casting kam. "Tja, und dann habe ich da vorgesprochen, und eine Stunde später bekam ich einen Anruf, dass der Regisseur mich sehen wollte, und zwei Tage später hatte ich die Rolle." Und drei Wochen später drehte sie ihren ersten Film. In Harlem, wo Sidibe aufgewachsen ist. Als Tochter einer Lehrerin und eines Taxifahrers, mit fünf Geschwistern. Die Eltern trennten sich, als sie neun war. Die Kinder blieben bei der Mutter, die sie manchmal zu "Mama's Fried Chicken" ausführte, ein Restaurant in der 137. Straße, das nun in "Precious" auftaucht: Im Film klaut Sidibe dort einen Eimer Hähnchen, so arm ist sie dran.

Im glänzenden Abendkleid, mit hübschen Männern

Sie spielt ihre Rolle stoisch, ausdruckslos stapft sie durch Harlem, erträgt eine Mutter, die sie schlägt und aussaugt. Einen Vater, der sie vergewaltigt und mit dem HI-Virus ansteckt. Szenen, die Regisseur Lee umgeht, indem er Precious in ihre Traumwelt flüchten lässt. Da sieht sie sich auf einer Bühne tanzen, im glänzenden Abendkleid, mit hübschen Männern. Mühsam hält sie sich am Leben und kämpft für das bisschen Rest-Würde, das ihr geblieben ist. "Precious" ist ein düsterer Film, aber auch ein sensibler, sehenswert wegen seiner Darsteller. Wegen Mo'Nique, einer amerikanischen Komikerin, die monstergleich die Mutter mimt und dafür den Golden Globe und den Oscar als beste Nebendarstellerin gewonnen hat. Und wegen Gabourey Sidibe, die ein bemerkenswertes Debüt gibt.

"Ich wurde nicht misshandelt wie Precious", sagt Gabourey Sidibe, "aber ich bin wie sie oft gehänselt worden." Sie sei ein stilles Kind gewesen, niemals schlank, "und ich erinnere mich an keinen Menschen, der sich nicht über mich lustig gemacht hat. Ich bin darüber hinweg gekommen, indem ich erwachsen wurde und mich so akzeptiert habe, wie ich bin." Heute rede sie andauernd, derzeit vornehmlich in amerikanischen Talkshows, bei Leno, Letterman, "und irgendwie mögen mich immer alle".