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George Lucas über die Superhelden-Formel Indiana Jones - eine Achterbahnfahrt


Nach 19 Jahren peitscht er wieder über die Kinoleinwände: der abenteuerlustige Archäologe Indiana Jones. Das "Dreamteam" ist komplett dabei: Steven Spielberg als Regisseur und die Produzentenlegende George Lucas. Der kramt für stern.de in seinen Erinnerungen und verrät, wie Harrison Ford die Hauptrolle fast nicht bekommen hätte.
Von George Lucas

Schwer zu sagen, warum Indy über einen derart langen Zeitraum so populär geblieben ist. Ich würde ja gerne behaupten, dass wir die Erfolgsformel irgendwo versteckt haben, aber das trifft leider nicht zu. Wir haben einfach die Filme gedreht, die wir selber gerne sehen wollten und hatten Spaß dabei, sie zu drehen.

"Jäger des verlorenen Schatzes" war von vorneherein auf Unterhaltung angelegt. Natürlich wollen alle Filme auf die eine oder andere Weise unterhalten, das ist mir klar. Aber bei "Jäger" stand die Unterhaltung ausdrücklich im Vordergrund, ein anderes Anliegen hatten wir gar nicht. Das Ganze sollte eine einzige große Achterbahnfahrt werden, mit Anklängen an die Serien der Dreißigerjahre - ein Riesending, mit Tempo und Witz.

Das geht schon damit los, wie der Film anfängt. Die Geschichte ist schon voll im Gange, und das Publikum muss zusehen, dass es hinterherkommt und an Bord springt, denn der Zug hat schon ziemlich Fahrt aufgenommen - und das war genau der Effekt den wir haben wollten. In Indys Welt ist immer Bewegung. Er hat schon einiges mitgemacht in seinem Leben und sieht immer so aus, als käme er gerade aus einem großen Abenteuer, als würde er nie langsam machen, um mal Luft zu holen.

In Indys Welt ist immer Bewegung

Von dem Moment an, an dem wir ihm zum ersten Mal begegneten, war klar, dass Indy die Sorte Held war, für den so was normal war. Steven, Larry (Kasdan) und ich wollten, dass das Publikum ihm willig folgt in dunkle, Höhlen voller Spinnen und Sprengfallen und Was-weiß-ich. Warum er in diese Höhlen ging, spielte keine Rolle - entscheidend war, dass er da reinging - egal ob jemand mitging oder nicht. Wir wollten sein Selbstvertrauen rüberbringen und der Figur genug Selbstsicherheit mitgeben, dass die Zuschauer einigermaßen entspannt sein können und sich trotzdem ein bisschen aus dem Gleichgewicht gebracht fühlen.

Indy hatte außerdem das klassische Doppelleben des modernen Helden: eine "geheime Identität". Dr. Henry Jones Jr. ist eigentlich ein ganz normaler Typ - ein sanftmütiger College Professor mit Brille und Tweedmantel. Der sich aber bei Bedarf in einen abgerissenen, abenteuerlustigen Globetrotter verwandelt - und zu Indiana Jones wird. Er legt seine Brille weg, packt seinen Hut und seine Peitsche und verduftet in irgendwelche exotischen Länder. Das war genau unsere Vorstellung von Indy - eine Jedermann-Variante von James Bond.

Ein Superheld mit Schwächen

Wir haben gleichsam eine Art kultureller Kurzformel benutzt, um Indy aus dieser Superhelden-Tradition heraus zu erschaffen und ihn dennoch zu erden, mit gewissen Schwächen, die ihn identifizierbar machen. Es sind diese Schwächen, die ihn auszeichnen, und es ist seine Verzweiflung, die Indy so witzig macht. Er ist ein großer Held, aber die meiste Zeit stolpert er nur durch die Gegend und versucht am Leben zu bleiben.

Und da kam Harrison ins Spiel. Er war perfekt für die Rolle. Zum einen, weil ihm die Rolle, nachdem wir seine Zusage hatten, im Grunde auf den Leib geschrieben wurde. Ich hatte natürlich schon zuvor mit ihm zusammen gearbeitet, bei "Krieg der Sterne" und "American Graffiti", und wir hatten uns dabei sehr gut verstanden. Ich wusste, dass ich für Indy einen ganz bestimmten Typen haben wollte und Harrison war haargenau dieser Typ.

Harrison hatte es einfach drauf

Anfänglich sträubten wir uns sogar noch dagegen, schon wieder ihn zu nehmen - und das, obwohl er in vielerlei Hinsicht die Vorlage für Indy war. Ich hatte ihn schon zweimal eingesetzt und fand, wir sollten mal etwas Neues und Anderes versuchen. Aber letztlich siegte die Vernunft und wir entschieden uns für Harrison. Und natürlich hat er's großartig gemacht. Mehr noch: Er hatte es einfach drauf. Er sah, wohin Steven und ich mit der Figur wollten, und die Art, wie er Indy spielte, half uns die Figur noch besser zu konturieren. Harrison ist Indiana Jones, und als wir erstmal wussten, was für eine perfekte Besetzung er war, konnten wir uns ganz darauf konzentrieren, die Geschichte um ihn herum zu erzählen.

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Wir hatten also unseren Helden und wir hatten unsere Geschichte. Wir hatten die Idee, auf die Dreißigerjahreserien zurückzugreifen. Wir hatten den Achterbahn-Ton und wir hatten zweifellos große Hoffnungen, dass das alles zusammen etwas wirklich Besonderes ergeben würde. Es funktionierte auf einer emotionalen Ebene, was die Spannungsmomente noch steigerte, und ich wusste, dass "Jäger" im Kern ein richtig guter Film war. Damals gab es ja nichts Vergleichbares, und wir waren ziemlich überzeugt, dass wir damit erfolgreich sein würden. Es war das erste Mal, dass ich an etwas arbeitete, von dem ich wusste, dass es ein Hit werden würde. Trotzdem waren wir aber alle überrascht, wie gut die Publikumsreaktionen waren.

Spielberg und ich waren in erster Linie Freunde

Diesen Film zu machen war die Art von Erfahrung, die man sich immer wünscht, aber selten erlebt. Ich hatte schon immer mit Steven Spielberg zusammenarbeiten wollen. Wie waren in erster Linie Freunde und hatten, so unterschiedlich unsere Karrieren auch verlaufen waren, Vieles gemeinsam. Wir wollten beide Filme machen, die wir auch selber sehen wollten. Bei diesem Film hatten wirklich alle Beteiligten eine recht ähnliche Vorstellung davon, wie diese neue Art von Abenteuerfilm aussehen sollte. Und als ausführender Produzent konnte ich jederzeit alles hautnah mitbekommen, ohne dem Druck des Regieführens ausgesetzt zu sein. Ich war heilfroh, das Steven überlassen zu können. Das Ganze war also sehr angenehm für mich, und dass der Film dann auch noch einen derartigen Erfolg hatte, war dann nur noch das Sahnehäubchen obendrauf.

Erfolg ist in vielerlei Hinsicht eine schöne Sache, besonders wenn er einem die Freiheit gibt, mehr zu machen. "Jäger" erlaubte uns, "Tempel des Todes" zu machen und "Tempel" erlaubte uns, wieder etwas anderes zu probieren, nämlich Indy in eine viel düstere Richtung zu lenken. Das war ein ziemliches Experiment, und einige Leute haben darauf mit großen Bauchschmerzen reagiert. Aber ich habe festgestellt, dass man es sowieso nie allen recht machen kann, also ist es immer am besten, man macht einfach den Film, den man machen möchte. Wir haben versucht, der Grundidee etwas Neues und Interessantes abzugewinnen, denn es ist witzlos, immer nur das Gleiche zu machen.

Sean Connery als Abenteurer-Vater - eine Hommage an James Bond

Im "Letzten Kreuzzug" bestand das Experiment darin, der Geschichte den Vater/Sohn-Aspekt hinzuzufügen, wodurch sie sich völlig von dem abhob, was in den beiden vorherigen Filmen zu sehen war. Es war noch nicht einmal klar, ob das Ganze überhaupt funktionieren würde - bis Steven Sean Connery ins Boot holte, und es auf Anhieb passte. Er war großartig, und vor allem Steven war wirklich begeistert, dass wir ihn dabei hatten. In vielerlei Hinsicht waren die Indiana Jones-Filme immer als James Bond-Hommage gedacht, und dann tauchte plötzlich James Bond selbst auf und war Teil unseres Projektes! Für uns war das damals extrem aufregend, und mit der ganzen Begeisterung drumherum hat diese Beziehung eine schöne Eigendynamik entwickelt.

Das erklärt vielleicht, wieso Indy auf Dauer so erfolgreich ist. Wir alle machen diese Filme wahnsinnig gern und würden sie nicht machen, wenn wir nicht das Gefühl hätten, jedes Mal etwas Neues anzubieten zu haben. Von Anfang an hatten wir Spaß daran, uns immer neue Überraschungen für die Leute auszudenken. Und solange wir uns selber bei Laune halten können, bin ich zuversichtlich, dass das Publikum weiterhin mit uns auf die Reise geht.

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