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Hamburger Kammerspiele: Der Live-Werbung ausgeliefert

Im Fernsehen kann man Werbung einfach wegzappen, im Theater nicht. Unter dem Motto "Live - Werbung auf der Bühne" gab es für das Publikum der Hamburger Kammerspiele kein Entkommen.

Models defilieren über die Bühne, präsentiert von "Adler-Model" Birgit Schrowange. "Wer jetzt kein Hemd hat, kauft sich keins mehr. Wer jetzt bei Adler ist, wird es lange bleiben", wandeln sie ein Rilke-Gedicht um. "Fakten, Fakten, Fakten", dröhnt es wenige Minuten später durch den Theatersaal. "Focus"-Chefredakteur Helmut Markwort sitzt mit seinen Redakteuren am Tisch - und das Publikum jubelt. Am Mittwochabend haben renommierte Agenturen zum ersten Mal in Deutschland bekannte Werbespots auf die Theaterbühne gebracht.

Stärkere Vernetzung zwischen Theater und Wirtschaft

"Live - Werbung auf der Bühne" lautet der Titel des Konzepts, das bereits vorher für Aufsehen gesorgt hatte. Das traditionsreiche Theater lud Deutschlands Kreative ein, bekannte Spots aus dem TV auf der Bühne in Szene zu setzen - allerdings gegen eine Startgebühr von jeweils 10.000 Euro, um die Kammerspiele auf eine "originelle Art und Weise zu unterstützen". Regisseur Dieter Wedel, Jury-Chef des Werbespot-Contests und in den Kammerspielen demnächst mit der Uraufführung "Ein besserer Herr" zu Gast, hofft auf eine "stärkere Vernetzung zwischen Theater- und Wirtschaftswelt".

"Werbung ist bereits jetzt Bestandteil unserer Kultur", meint der 62-Jährige und will Berührungsängste zwischen Werbung, Theater und Film abbauen. "Wird sich also Fausts Gretchen zukünftig vor ihrem Auftritt einen Mohairpullover überstreifen und von Perwoll schwärmen?", fragte der "Spiegel" daraufhin kritisch. Doch die Initiatoren wehren ab, nur an fünf Abenden soll sich der Vorhang für die bühnenreifen Adaptionen aus der schillernden Werbewelt heben. Und für die Kreativen ist es eine Herausforderung: Statt 30 Sekunden Konserve haben sie drei Minuten live - alles muss sofort klappen, ohne Schnitt, ohne Wiederholungen.

Von der Leinwand auf die Bühne

Dem Publikum sind die Werber direkt ausgeliefert, doch das hatte an dem von Ulla Kock am Brinck perfekt moderierten Premierenabend seinen Spaß. Begeistert spendeten die rund 400 Zuschauer der eineinhalbstündigen Aufführung Beifall. Schließlich hatten die Agenturen viel Herzblut in ihre kleinen Dramen, Komödien oder Heldenepen gesteckt und mit verschiedenen Konzepten überrascht: Die neun Werbespots, die auf einer Leinwand nochmal im Original zu sehen waren, wurden entweder in der Bühnenfassung getreu nachgespielt, erweitert oder sogar weitergeführt.

VW etwa konnte sich auch auf der Bühne ganz auf seine kleinen TV-Stars verlassen: Zwei Jungen tun so, als ob sie Auto fahren. Doch während der eine "schaltet" und Luft holt, "fährt" sein Freund - mit dem neuen Direktschaltgetriebe - ohne Unterbrechung und läuft knallrot an. Dagegen vermied es Wüstenrot dann doch lieber, echte Kühe auftreten zu lassen. Stattdessen stülpten sich drei Frauen Kuhmasken über, starrten gemeinsam mit dem Bauern in den Himmel und warten auf das ersehnte Haus.

Mit einem großen Ensemble wartete "Focus"-Chefredakteur Markwort auf: Er gruppierte um seinen Konferenztisch personalisierte Schlagzeilen und machte sich mit seinen Kollegen - ausgestattet mit Arztkittel und Stethoskop - daran, deren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Originell dagegen die Idee von DHL-Agentur Jung von Matt, über den Wolken und mit Göttervater Zeus für den Paketdienst zu werben.

Gewinner des Abends - sowohl für Publikum als auch Jury - war die wohl kreativste Theaterumsetzung eines Werbefilms. Dabei nahm BBDO Campaign den eigenen Perwoll-Original-Spot sogar aufs Korn: In "magisches Rot" gekleidet soll eine Frau auf eine Vernissage gehen, die "Botschaft" gleich dabei. "Klar, ich geh auf 'ne Vernissage mit einer Waschmittelflasche in der Hand!", meint sie genervt. "Glaub mir, inzwischen wundert sich darüber keiner mehr!", antwortet ihr Chef in Anspielung auf die TV-Version.

Dorit Koch/DPA / DPA