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Hildegard Knef: Viele der roten Rosen hatten Dornen

Sie war der erste deutsche Filmstar der Nachkriegszeit: Hildegard Knef, als Diva in ihrer Selbstinszenierung fast so groß wie die Dietrich. 2002 starb sie im Alter von 76 Jahren.

Sie besitzt den höchsten Grad von Sex-Appeal, einem Appeal, der Männer und Frauen gleichermaßen anzieht, schrieb eine New Yorker Model-Agentur im Jahr 1950 über Hildegard Knef. Da war die 1928 in Ulm geborene Schauspielerin gerade US-Bürgerin geworden - und am Anfang ihrer Hollywood-Karriere. Die Knef war nach dem Zweiten Weltkrieg ein deutscher Exportschlager, Filmstar, umjubelt am Broadway, die Königin der Boulevard-Presse, Schauspielerin, Autorin und Sängerin zugleich.

Doch der Weg bis dahin war von Anfang an nicht leicht: Die gebürtige Ulmerin, die in Berlin - übrigens in der selben Schöneberger Straße wie auch die Dietrich - ohne Vater aufwuchs, litt in ihrer Kindheit unter der fehlenden Aufmerksamkeit ihrer Mutter. Mit 16 ging sie allein zum Berliner Arbeitsamt und ergatterte sich dank ihres Maltalents eine Ausbildung als Trickfilmzeichnerin bei der Ufa.

Schnell merkte sie, dass der Beruf der Zeichnerin sie nicht ausfüllte. Mit viel Mut und Hartnäckigkeit schaffte sie es, in die Schauspielklasse aufgenommen zu werden, wo unter sie unter anderem mit Ilse Werner und Sonja Ziemann die Kunst der Mimik und des Ausdrucks lernte.

Affäre mit Nazi-Größe beflügelte und bremste sie

Der Goebels-Intimus und Reichsfilmdramaturg Ewald von Demandowsky verschaffte ihr eine erste kleine Rolle in "Unter den Brücken". Aber erst nach dem Krieg wurde sie als das das neue Gesicht des deutschen Films berühmt. "Die Mörder sind unter uns", eine Aufarbeitung von Kriegserlebnissen, wurde ein mäßiger Erfolg, brachte Knef aber erste Popularität.

Ehe mit amerikanischem Juden

Und Hilde wechselte schnell die Seiten und begann eine neue, erfolgsversprechende Liaison mit Kurt Hirsch, dem für die Filmangelegenheiten zuständigen Offizier der siegreichen Amerikaner. Sie heiratete ihn und ging mit ihm nach Hollywood - zu früh allerdings, denn eine Deutsche mit schlechten Englisch-Kenntnisse wurde zu der Zeit in der Traumfarbrik nicht mit offenen Armen empfangen. Dafür knüpfte sie wichtige Freundschaften, unter anderem zu Marlene Dietrich.

Comeback in Deutschland als Sünderin

So kehrte sie Anfang der fünfziger Jahre zurück und landete mit Hilfe der Kirche einen sensationellen Erfolg: In "Die Sünderin" spielt sie 1951 eine Prostituierte, die sich in einen erblindenden Maler verliebt, mit dem sie dann gemeinsam Selbstmord begeht. Das allein reichte nicht für einen Skandal. Diesen löste vielmehr eine kurze Szene aus - kaum länger als eine Sekunde -, in der sie als Aktmodell posiert. Die Presse verwendete den Filmtitel künftig als Synonym für die junge Schauspielerin und erinnerte immer wieder an den Nacktauftritt. Die Kirche protestierte - über drei Millionen Menschen sahen den Film daraufhin, und die Knef bekam Filmangebote aus ganz Europa.

Und für Hollywood wurde sie ebenfalls erst jetzt so richtig interessant. Auch nach ihrem Weggang aus Deutschland blieb die Knef immer in den Schlagzeilen. 1953 berichtete die "Bild"-Zeitung in großen Lettern von einer angeblichen Liebesromanze mit Gregory Peck. Die Filmküsse in "Schnee am Kilimandscharo" seien echt gewesen - das ließ die Knef umgehend dementieren.

Karrierewechsel durch Filmkrise

Als sie das gelesen habe, habe sie einen Wutanfall bekommen, wurde berichtet. Kein Wunder, schließlich war Peck verheiratet und in Hollywood bekam sie nach diesen Schlagzeilen keine Rolle mehr. Die Rettung kam aus New York: Cole Porter sah das Talent der Schauspielerin und holte sie an den Broadway, wo sie in dem Ninotschka-Musical "Seidenstrümpfe" einen der größten Triumphe ihres Lebens feierte - 675 ausverkaufte Vorstellungen von 1954 bis 1956.

Danach kehrte die Diva nach Deutschland zurück, erhielt aber kaum noch Filmangebote. Grund: Das Fernsehen verbreitete sich und bewirkte eine Filmkrise. Anfang der 60er Jahre ging sie deshalb auf Theatertournee, später verlegte sie sich aufs Singen und begann auch kleine Texte zu schreiben. Lieder wie "Ich brauch kein Venedig" oder "Für mich soll’s rote Rosen regnen" führten die Hitparaden an.

Das Schreiben wurde immer wichtiger für die Knef: Besonders berührend sind ihre Tagebuchaufzeichnungen, in dem sie von Problemen berichtet, ihr Leben aufzuschreiben. Sie empfinde die Gegenwart so wichtig, "dass ich mich fürchte, in der Vergangenheit, auch sei es nur für Stunden, unterzutauchen", schrieb sie im November 1963. Da hatte sie schon den Briten David Cameron geheiratet und spielte im europäischen Jet Set die erste Geige. Die auftrittsfreie Zeit nach der Geburt ihrer Tochter 1968 nutzte sie dann, um einen autobiografischen Roman zu vollenden.

Die glücklichste Zeit ihres Leben endet mit einer Scheidung

Schon kurz nach seinem Erscheinen 1970 wurde "Der geschenkte Gaul" zum Bestseller. Privat aber folgten Schicksalsschläge: Sie war schwer morphium-abhängig, erkrankte an Krebs, wurde mehrmals operiert. Ihre Ehe ging in die Brüche - und die Presse war dicht dabei. So auch bei der nächsten Heirat, 1977 war Paul von Schell der Auserwählte. Um Ruhe zu finden, "flüchtete" das Paar in die USA. Nach dem Fall der Mauer zog es Knef wieder in ihre Heimatstadt. Sie kehrte in die Öffentlichkeit zurück, trat in zahlreichen Talkshows auf.

Am Höhepunkt ihrer Karriere, als "Der geschenkte Gaul" ein internationaler Bestseller wurde, hatte die Knef Millionen verdient. Wie gewonnen, so zerronnen - nicht nur schlechte Finanzberater, auch ihr eigener Hang zum Luxus ließ sie Anfang der 90er Jahre mit leeren Händen dastehen. Und so musste sie weiterarbeiten, tingelte als "die größte Sängerin ohne Stimme", wie sie von Ella Fitzgerald hochachtungsvoll bezeichnet wurde, durch Konzerthallen, malte Bilder, und versuchte sich als Modedesignerin.

Höhenflüge und Abstürze lernen

So sehr sie am Anfang der Karriere die Menschen, vor allem Männer, in ihren Bann zog, so sehr lebte sie in den siebziger Jahren im Privatleben ihre Diven-Allüren aus und suhlte sich in Selbstmitleid angesichts ihrer vielen Krankheiten. Doch sie war wahrlich zu Großem fähig: Nach ihrem Drogenentzug Anfang der 90er Jahre erlebte sie ein Bühnencomeback und wurde von einer Generation junger Künstler als Ikone gehuldigt. Ihr letztes Album produzierte sie zusammen mit dem jungen Jazz-Trompeter Till Brönner. Beinah unwirklich sei das gewesen, mit solch einem "Mythos" zusammenzuarbeiten, erzählt Brönner. Die Knef sei so wunderbar ehrlich, so "schnodderig geradeheraus gewesen" - und dabei begabt mit großer Menschenkenntnis: "Von der konnte man lernen, was es heißt, mit Erfolg und Misserfolg umzugehen", erzählt Brönner.

kbu/DPA/AP / AP / DPA