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Hollywood: Rettet King Kong das Kino?

Hollywood steckt in der Krise. Den Traumfabrikanten fällt nichts mehr ein. Die Umsätze sinken. Die Branche setzt vor allem auf Altbewährtes. Peter Jacksons Wiederauflage des Affendramas soll nun zum Jahresende noch die Wende bringen.

Kong also kommt nach New York. Er wird am Broadway einem lüsternen Publikum präsentiert, kann sich jedoch aus seiner Gefangenschaft befreien und erklimmt, von wütenden Jagdflugzeugen verfolgt, die Spitze des Empire State Building. In einem gewaltigen Sprung gelingt es ihm, über den East River nach Brooklyn überzusetzen, wo er von einer Immigrantenfamilie adoptiert und rasiert wird; später verklagt er die New Yorker Polizei wegen Körperverletzung, und im letzten Bild sehen wir "King" Kong, den frisch gewählten Bürgermeister von New York, bei einer Konfettiparade auf der Fifth Avenue, neben ihm im offenen Hummer Paris Hilton und Angelina Jolie.

Nein, nein, nein, so geht die Sache mit King Kong natürlich überhaupt nicht aus. Wie jeder weiß, muss der Affe dran glauben. Also: Empire State Building - Jagdflugzeuge - Schüsse - klatsch, krach, Ende. Und nichts, aber auch gar nichts spricht dafür, dass die jüngste Verfilmung, die am 14. Dezember weltweit in die Kinos kommt, von der mehr als 70 Jahre alten Biografie abweicht.

Erdacht wurde die herzzerreißende Horrorfantasie damals in der tiefsten Wirtschaftskrise von Edgar Wallace und Merian C. Cooper. Die beiden versetzten ihren Gorilla vom saurierverseuchten "Skull Island" in den Großstadtdschungel, wo er brüllend unterging - zivilisatorische Strafmaßnahme für einen beunruhigenden Atavismus und Warnung vor den Schrecken der Zivilisation zugleich.

Es lag allerdings nicht am Zauber dieser Metaebene, dass das Epos ein gutes Dutzend Nachahmer und Wiederkäuer inspirierte - unter anderem natürlich bei den an groß gewachsenem Getier immer interessierten Japanern. Nein, es lag an der Romanze. King Kong liebt die weiße Frau. Tragisch! Zärtlich! (Na gut, für einen Dreitonnengorilla.) Unvergesslich. Und unverzeihlich: Denn wie so oft, wenn Frauen die Chance bekommen, an der Seite eines hoch gewachsenen Alpha-männchens mit vollem Haupthaar und unvermurkster Libido glücklich zu werden, vermasseln zu kurz gekommene Drehbuchautoren - Cooper war recht klein - das Happy End.

Nun kann man sich

fragen, weshalb Hollywood eigentlich nichts Neues mehr einfällt. Neben King Kong bevölkern regelmäßig Bat-, Super- und Spider-Männer das Kino, die abgeschmacktesten TV-Serien ("Bewitched") und 50er-Jahre-Kitsch wie "Im Dutzend billiger" werden unverfroren recycelt.

Für die Studios, so der Hollywoodproduzent Walter F. Parkes ("Zorro"), ist die Ideenarmut in erster Linie eine ökonomische Entscheidung: Ein Film wie "Batman Begins" muss nicht so groß beworben werden wie zum Beispiel Parkes' eigene Produktion "The Island", deren Konzept (ein Actionfilm um Genmanipulationen!) aufwendig ins Publikum gehämmert werden musste, während der Flattermann ein alter Bekannter ist. Vertraute Stoffe haben, so Parkes, ein "eingebautes Publikum". Und so erwies sich 2004 für Hollywood als Superjahr dank "Shrek 2", "Spider-Man 2", "Harry Potter und der Gefangene von Askaban" und - Mel Gibsons "The Passion of the Christ", was zufällig auch eine recht bekannte Story ist.

Gäbe es Botox nicht, sähe man in diesem Jahr in Hollywood nur gerunzelte Stirnen. Die Einnahmen fielen gegenüber 2004 um neun Prozent, die Studios meldeten Millionenverluste. Ratlosigkeit herrscht in der Branche, mehr oder weniger leise Panik.

Woran es liegt? Hollywood, schreibt die "Los Angeles Times", verliere gerade "das Rennen mit dem Zeitgeist". Die Traumfabrik pumpe weiterhin uninspirierte Massenware in einen Markt, der sich längst anderen Divertimenti zugewandt hat. Warum noch ins Kino, wenn riesige Flachbildfernseher nur noch 2000 Dollar kosten? Und es Hollywoodfilme schon drei Monate nach Kinostart auf DVD und früher noch im Pay-TV gibt? Gerade junge Leute finden Kino uncool und teuer, ihr Lieblingsmedium ist das Internet. Filme und TV-Serien werden auf der Playstation Portable abgespielt oder dem Video-iPod oder dem Handy, da bleibt die Filmindustrie demnächst im Dunkeln ihrer Kinosäle sitzen wie ein alter Gorilla im Busch.

Und gerade so einer muss Hollywood nun retten. Greifbar ist die Hoffnung, dass ein Mann wie Peter Jackson noch weiß, wie man die Leute ins Kino holt. Seine "Herr der Ringe"-Trilogie hat weltweit fast drei Milliarden Dollar eingespielt; mit 17 Oscars wurden der heute 44-Jährige und seine vielköpfige Crew ausgezeichnet. Die Rekordsumme von 20 Millionen Dollar Gage bekommt er nun für seine Jobs als Drehbuchautor, Regisseur und Produzent von "King Kong" - sowie 20 Prozent des Einspielergebnisses.

Die 2200 computergenerierten Spezialeffekte in dem 200-Millionen-Dollar-Brummer werden außerdem in seinen eigenen Studios im neuseeländischen Wellington gefertigt, das nicht umsonst "Jacksonville" genannt wird. Einer Umfrage zufolge ist er der nach Premierministerin Helen Clark wichtigste Bürger des Landes - Arbeitgeber für Tausende Neuseeländer, Begründer des Touristenbooms und nebenher einer der kreativsten Filmemacher der Welt.

"Ein Künstler", schwärmt man bei Universal, Jacksons Geschäftspartner im fernen Hollywood. Nicht weniger als eine Kunst ist auch Kongs Job an der Kinokasse: Der dreistündige Film soll am Start-Wochenende schon die Hälfte des Budgets wieder einspielen; das ist die Hollywoodregel für rentable Filme. Drei Stunden? Das reduziert die Zahl der möglichen Vorstellungen an einem Tag. Universal-Chefin Stacey Snider musste erst schlucken; nach Sicht des opulenten Busch-Werks kann sie es jetzt aber "kaum erwarten, das Meisterwerk zu enthüllen".

Am 5. Dezember ging auf 38 Leinwänden in den Premierenkinos am New Yorker Times Square zum ersten Mal der Affe drauf. Und ab da heißt es: Der King ist tot, es lebe der King.

Christine Kruttschnitt / print