Hollywood-Schurken Bösewichter auf der Psychiatercouch


Wir kennen sie, wir hassen sie und können doch nicht ohne sie: Schurken, die einen Film erst so richtig spannend machen. Doch in diesem verregneten Kinosommer war die Leinwand nur mäßig gefüllt mit richtig fiesen Kerlen. Der Antiheld wird zunehmend vielschichtiger.
Von Felix Disselhoff

"Der eine Teil in mir möchte die Frauen ausführen, ihnen schöne Kleider kaufen und sie verwöhnen. Der andere Teil stellt sich vor, wie ihr Kopf auf einem Stock aussehen würde." Ja, das abgrundtief Böse kommt ohne jegliche Vernunft aus. So auch der chauvinistische Psychopath Patrick Bateman, gespielt von Christian Bale, in "American Psycho".

Sie haben sich in unsere Herzen gefoltert und gemordet

Doch was ist aus den guten alten Leinwandfieslingen geworden, die keinen Grund brauchten, um das Böse in die Welt zu bringen? Mit Wehmut denken wir an die dunklen Gestalten, die sich in unsere Herzen gefoltert und gemordet haben. Sie bleiben uns viel besser in Erinnerung als der immergleiche "Good Guy". Nicht umsonst ist die Figur des Hannibal Lecter aus "Das Schweiger der Lämmer" zum besten Bösewicht aller Zeiten gekürt worden. "Die Zuschauer werden von der dunklen Seite magisch angezogen", meint Hopkins über seine Rolle als Kannibale.

Doch warum fasziniert uns das Böse so? Der Medienpsychologe Dr. Tilo Hartmann hat eine ganz eigene Meinung: "Dramen sind umso spannender, je mehr man mit dem Protagonisten sympathisiert und je negativer man den Antagonisten findet. So richtig spannend wird es also, wenn es danach aussieht, als würde der Bösewicht über den Helden triumphieren. Dann hofft der Zuschauer inständig, es möge noch alles anders kommen. Da es nur ein Film ist, ist das Spannungsgefühl nicht so stressig wie im richtigen Leben, sondern wird als unterhaltsam empfunden."

Der Zuschauer ist Zeuge, Richter und Henker zugleich

Aufgelöst wird der Spannungsknoten im Hollywood-Mainstreamkino durch das erlösende Happy End. Dabei muss der Bösewicht meist sprichwörtlich von der Bildfläche verschwinden. Bis es soweit ist, spielt der Zuschauer Zeuge, Richter und Henker zugleich. Er will das Böse stoppen. Dr. Hartmann dazu: "Tatsächlich wecken Bösewichte Neugierde, weil sie von vertrauten Verhaltensweisen abweichen und den Betrachter vor Unbekanntes stellen. Häufig weichen sie auch in ihrem "deformierten" Äußeren von Bekanntem ab. Durch Neugierde und Interesse wird der böse Charakter erkundet."

Gleichzeitig stellt die Schurkenrolle große Anforderungen an den Schauspieler. Während der "Good Guy" immer nur damit beschäftigt ist, für das Gute in der Welt zu kämpfen, lädt die Rolle des Schurken zu schauspielerischen Glanzleistungen ein. Alles ist erlaubt. Ob als Terrorist, gespielt von John Malkovich, in Wolfgang Petersens "In the Line of Fire - Die zweite Chance" oder als unerbittlicher Weltenzerstörer Darth Vader in "Krieg der Sterne". Besonders faszinierend seien vielschichtige Bösewichte. Der Zuschauer findet sich womöglich in bestimmten Charakterzügen wieder und gerät so in einen Konflikt mit sich selbst. So kann Spidermans Widersacher Sandman als treusorgender Familienvater, den es durch unglückliche Zufälle auf die schiefe Bahn verschlagen hat, sogar ein bisschen Mitleid beim Zuschauer erwecken.

Mit Anakin fing alles an

Wahrscheinlich führte genau dieser Trend zum "unschuldigen Antiheld" dazu, dass in diesem Jahr Hobby-Kannibale Lecter dank "Hannibal Rising" zu einem Einzelgänger mit schwerer Kindheit degradiert wurde. Schlussendlich ist der vierte Bösewicht der "Stirb langsam"-Reihe auch nur ein von der Regierung geprellter Patriot, der jetzt die harte Gangart wählt, um Amerika ein kleines Stückchen sicherer zu machen und Shreks skrupelloser Widersacher Prince Charming entpuppte sich als wahres Muttersöhnchen. Star-Wars-Erfinder George Lucas nutzte sogar die letzten drei Teile der Weltraumsaga für tiefenpsychologische Einblicke. So war auch bei Darth Vader alias Anakin Skywalker die schwierige Kindheit und die blutige Jugend Grund genug für seinen Kapitänsposten im Todesstern.

Hollywood, gib uns unsere Schurken zurück!

Doch braucht das Böse ein Motiv? Wirklich gewissenlos ist nur, wer keine Reue zeigt. So wie Kurt Russell als frauenhassender "Stuntman Mike" in Quentin Tarantinos "Death Proof" oder Jack Nicholson als schizophrener Hausmeister in Stanley Kubricks "Shining". Diese Charaktere verstören und geben Rätsel auf. So grundlos böse kann doch kein Mensch sein, fragt man sich. Hat ihn die Mutter zu wenig geliebt, haben die Kinder ihn in der Schule gehänselt? Das Mainstream-Kino bedient diese Fragen um der lieben Moral Willen immer öfter. Nicht mehr Einzelhaft und elektrischer Stuhl für ihre Schandtaten, sondern ein Platz auf der Psychiatercouch und eine Großpackung Tempos. Wo können wir dann bloß all die aufgestauten Aggressionen ablassen, wenn nicht im Kinosessel mit Popcorn und Cola oder fluchend vor dem heimischen Fernseher? Wir brauchen diese fiesen Kerle, über die wir uns auch noch Tage später aufregen. Hollywood: Gib uns unsere Schurken zurück und bring das Böse wieder in die Kinosäle!


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