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Ice Cube zu "Straight Outta Compton": "'Fuck tha Police' hat immer noch Gültigkeit"

"Straight Outta Compton" ist ein Überraschungs-Blockbuster des Kinosommers. Er erzählt die Geschichte der Mütter aller Rap-Bands: N.W.A. - die Ice Cubes Reime vor 30 Jahren groß gemacht hat. Wütend ist er trotzdem.

Von Matthias Schmidt

O'Shea Jackson aka Ice Cube

Fototermine sind offensichtlich nicht so sein Ding. Grimmig posiert O’Shea Jackson, besser bekannt unter seinem Bühnennamen Ice Cube, für einen Fotografen vor dem Treppengeländer eines Berliner Luxushotels. Kein Lächeln, kein Zwinkern. Ursprünglich sollten seine Termine mit der Presse im hippen Soho-House stattfinden, doch der Rapper und seine Entourage wollten lieber ins Ritz. Klingt mehr nach dem alten Hip-Hop-Lifestyle mit fetten Uhren und teuren Autos.

Dr. Dre im Rapper-Film "Straight Outta Compton"


Ice Cubes Outfit? Überwiegend düster. Schwarze Designerjeans, schwarze Puma-Turnschuhe, schwarzes T-Shirt mit N.W.A.-Logo, getönte Brille von Louis Vuitton. Nur wenn er ab und zu seine, natürlich ebenfalls schwarze Baseball-Mütze abnimmt und sich über den Kopf streicht, sieht man dem 46-Jährigen sein Alter an: Seine dunklen Locken sind an einigen Stellen schon recht grau geworden. Im Gespräch wirkt er dann aber doch freundlich und konzentriert. Und manchmal lächelt er sogar.

Hallo.

Ice Cube: Was geht?

Immer noch erstaunlich, ihr Werdegang. Vom einfachen Jungen aus einem der gefährlichsten Orte der Welt zum stinkreichen Musiker und Schauspieler, der nun im Luxushotel interviewt wird.

Yeah, eine unglaubliche Geschichte. Wenn mir das früher jemand prophezeit hätte, hätte ich ihn ausgelacht. Und mit der Verfilmung der Geschichte von N.W.A. schließt sich nun ein Kreis für mich. Das fühlt sich magisch an.

Trotz Ihrer Weltkarriere schlägt Ihr Herz immer noch für Compton.

Natürlich. Meine Verwandten wohnen da noch immer. Doch es gibt viele Orte wie Compton in den USA. Wo die Talente der jungen Menschen - Sänger, Tänzer, Sportler - nie wahrgenommen werden und die leider irgendwann in die falsche Richtung abbiegen.

Angeblich will Dr. Dre seine Villa in den Hollywood Hills verkaufen und wieder zurück nach Compton ziehen.

(grinst) Ich kann mir nicht vorstellen, dass Dre das wirklich vor hat.

Laut Bill Clinton hat sich zumindest die Polizei von Los Angeles massiv gebessert. Was auch daran liege, dass inzwischen zwei Drittel der Einsatzkräfte nicht mehr weiß seien, sondern Latinos, Schwarze und Asiaten.
Woher will Clinton das denn wissen? Der lebt doch ganz woanders. Fakt ist: Sobald jemand die Uniform anzieht, haben alle dieselbe Farbe: blau. Die Polizisten arbeiten zusammen, und zwei schwarze Cops können dich genau so fertigmachen.

Ist das der Grund dafür, dass ihre Musik und nun der Film heute immer noch so relevant und zeitgemäß wirken?

Dass sich kaum was geändert hat in den letzten 30 Jahren, ist frustrierend und traurig. Aber ich glaube nicht, dass wir nur deshalb berühmt geworden sind. Wir waren fünf Jungs, die alle Hürden und Hindernisse unserer Herkunft überwunden haben. Wir haben Gangbanging und Drogenhandel hinter uns gelassen und sogar dem FBI, Politikern und einer rassistischen Polizei die Stirn geboten. Niemand konnte uns aufhalten: Das finden die Leute inspirierend.


Sehen Sie sich als politischen Aktivisten?

Ich wollte nie mehr sein als ein guter Musiker. Respektiert werden von meinen Kumpels und über das schreiben, wo ich mich auskenne. Hip Hop war damals Nischenmusik für eine kleine, verschworene Gemeinschaft.

Wie erklären Sie sich, dass weiße Mittelklassejungs so auf Gangsta Rap abfahren?
Wenn jemand die Wahrheit ausspricht, hat das eine unwiderstehliche Anziehungskraft. Viele weiße Kids sympathisieren mit unserem Kampf und wollen das ungefiltert und aus erster Hand hören. Es geht uns ja nicht darum, die Weltherrschaft zu übernehmen oder den Obergangster zu markieren, sondern um gleiche Rechte für alle. Wir sind die Underdogs, und das mögen die Leute.

In den 90er Jahren haben Sie Ihren Kollegen Eazy-E verhöhnt, weil er eine Einladung von Präsident Bush angenommen hat. Würden Sie sich heute mit Obama treffen?

Hängt davon ab, wie viel ich gerade zu tun habe. Mein Interesse am Weißen Haus hält sich in Grenzen. Er ist ein guter Typ, ich unterstütze ihn. Aber ich würde ihn lieber mal treffen, wenn er nicht mehr der Präsident ist. Dann kann man sich freier unterhalten.

Im Film gibt es eine schwer erträgliche Szene, in der sie bei einer Essenspause vor dem Aufnahmestudio grundlos von der Polizei gedemütigt werden...

Das war nur eines von sehr vielen Vorkommnissen, die mich zu dem berüchtigten Lied ”Fuck tha Police“ inspiriert haben. Du versuchst, etwas Positives zu tun und wirst trotzdem immer wieder behandelt wie ein Krimineller und Drogendealer. Jeden Tag, jede Woche. Das nagt an dir. Und irgendwann ist der Siedepunkt eben erreicht.

Würden Sie den Song heute noch genauso schreiben?

Er hat seine Gültigkeit nicht verloren, aber ich würde wahrscheinlich einige Zeilen anders schreiben, ein paar aktuelle Geschehnisse einfließen lassen. Sonst würde ich nichts ändern.

Wurden Sie später als berühmter Solo-Künstler immer noch von der Polizei belästigt?

Wenn sie wissen, dass du Geld hast, lassen sie dich in Ruhe.
Man muss also Compton verlassen, um erfolgreich, frei und glücklich zu werden?
Nicht unbedingt. Manche Leute schaffen das auch von dort aus. Die Stadt Compton hat nie einen Finger für N.W.A. und Ice Cube gekrümmt. Die Bürger von Compton, die sind unser Rückhalt! Der Asphalt, der Stahl, die Straßenschilder gehen mir am Arsch vorbei, das ist Gemeingut und gehört der Stadt, nicht uns.
Auf der offiziellen Interseite der Stadt steht der schöne Satz: "Compton ist ein großartiger Ort, um zu leben, zu arbeiten und Familien zu gründen."

Stimmt schon. Nur "großartig" würde ich streichen.

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