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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Erst die Feier, dann die Moral

Kollegah und Farid Bang erhalten ausgerechnet am Holocaust-Gedenktag den Echo. Doch wäre es nicht gut, in Fällen wie diesen Haltung zu beweisen?

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Echo 2018

Gestern war , und um ein wenig daran zu erinnern, wie das damals alles angefangen hatte, haben sich die Macher des Echo wohl gedacht: Mensch, so ein Antisemit vor Tausenden auf der Bühne und dann auch noch in Berlin, das wär's doch!

Zu hart? Ich möchte doch nur provozieren. Von Provokation lebt schließlich nicht nur der Rap, (sondern auch eben das, was ich hier Journalismus nenne).

Mit Gangsta-Rap bin ich groß geworden. Tupac, Ice Cube, N.W.A. - von daher liegt es mir fern, mich hier groß moralisch über die Härte von Raptexten aufzuregen.

Viel ärgerlicher finde ich, wenn Dinge so plump nach Aufmerksamkeit heischen wie die Songs der beiden Eisdielenumkreisungssoundtracker, die sich gestern für ihre Reizwortcollagen auch noch einen Echo abholen durften.

Da wird die Vergewaltigung der Frau eines Konkurrenten mehr als nur angedeutet, IS-mäßig ein Konzert buchstäblich gesprengt oder eben der definierte Körper wie bei einem Auschwitz-Insassen gelobt.

Das ist so absolut durchsichtiges AfD-gemäßes Schockmarketing, dass man es eigentlich ignorieren möchte, um den Quatsch nicht noch mit Aufmerksamkeit zu adeln. Geht aber auch andererseits nicht, weil das im Umkehrschluss bedeuten würde, so eine Scheiße schweigend als tolerabel zu deklarieren. Und das ist so ziemlich das Letzte, das unsere Gesellschaft gerade noch brauchen kann.

Amüsanterweise hat sogar Bushido hier öffentlich eine rote Linie gezogen. Was bemerkenswert ist für jemanden, dessen Twitter-Profil eine Karte zeigt, auf dem man den Staat Israel vergeblich sucht.

Benzin im Tank der Weltverschwörungsmaschine 

Übrigens bin ich nicht der Meinung, dass der Auschwitz-Vergleich ein guter Beleg für Antisemitismus der Geehrten ist. Den kann man auch einfach nur als ein geschmacklich äußerst verunglücktes Bild bezeichnen. Anders sieht das schon aus, wenn man sieht, mit welchen Symbolen in den Videos und Songs verlässlich gespielt wird. Da taugt der Jude gern zum strippenziehenden Darth Vader, der seit jeher das Benzin im Tank der Weltverschwörungsmaschine ist. Kann man so jemanden nicht lieber zum ESC schicken?

Ja, schon klar, der Echo ist ein Abverkaufs- und kein Jurypreis. Was diese ohnehin schon erstaunlich kalte Veranstaltung gleich noch einmal ein paar Grad frostiger macht.

Die Entscheider, ja, der Ethik-Beirat (bitte lachen Sie jetzt) haben dem Vernehmen nach über einen Ausschluss der beiden - nun ja - Musiker diskutiert, sich dann aber dagegen entschieden. Im Grunde genommen hat man nur Befehle ausgeführt. Also, die der Konsumenten. Davon ab ist ein bissl Aufmerksamkeit für diese Berieselungsfachtagung auch ganz schön, oder?

Ein selbst gemaltes Bildchen auf Kosten Campinos. Huiuiui

Wie geht man damit um? Boykottieren? Kann man machen. Andererseits arbeiten sich viele Musiker, aber auch Mark Forster das ganze Jahr den Arsch wund, um schlussendlich diesen für sie schönen Preis dafür zu bekommen.

Es hat sichtbar vielen wehgetan, ausgerechnet Campino für seine Rede applaudieren zu müssen, der die beiden umstrittenen Fahrstuhlmusiker für Shisha Bars direkt in die Pflicht nahm.

Wofür sich diese kurze Zeit später auf der Bühne bedankt haben. Mit einem selbst gemalten Bildchen auf Kosten Campinos. Huiuiui. Ja, auch das ist deutscher Gangster Rap.

Die Vorsilbe Ethik verblasst ein wenig

Schon klar. Kunstfreiheit und so. Dennoch wäre es manchmal ganz gut, im Einzelfalle Haltung zu beweisen und klar zu sagen: Mit so einem "Konzept" kann man heutzutage vielleicht in den Bundestag einziehen - aber einen Preis gewinnt ihr nicht auch noch damit.

Wie wir allerdings schon bei der Fifa-Ethikkommission (auch kein Gag) gelernt haben, die Vorsilbe Ethik verblasst ein wenig, wenn es um wirtschaftliche Interessen geht.

Und an die Gäste der Veranstaltung, die später Fotos von sich posten, auf denen sie dem Echo-Logo den Stinkefinger zeigen: Wäre vielleicht etwas würdevoller gewesen, erst gar nicht hinzugehen?

Aber dafür war die Party zu gut, ne? Erst die Feier, dann die Moral.

Kollegah