HOME

Interview: "Viele Verwundete und psychisch Lädierte"

Seichter, leichter, nackter, witziger. Aber auch besser? Zum 20-jährigen Geburtstag von RTL und Sat 1 ein Gespräch mit dem Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister.

Herr Hachmeister, am 1. Januar 1984 begann in einem Keller in Ludwigshafen das deutsche Privatfernsehen. Zum Geburtstag gratulieren sich Sat 1 und RTL jetzt mit Shows und Rückblicken - gibt es wirklich Grund zu feiern?

Die können gerne einen darauf heben, dass sie überhaupt durchgehalten haben. Privatfernsehen in Deutschland, das ist ein Schlachtfeld mit vielen Verwundeten und psychisch Lädierten. Es gibt keine strahlenden Sieger, von RTL mal abgesehen, wenn man es rein ökonomisch nimmt. Aber auch da ist der Rendite-Druck des Mutterhauses Bertelsmann sehr hoch. Und das RTL-Programm ist sicher über die Jahre immer eindimensionaler, berechenbarer geworden.

Hätten Sie damals geglaubt, dass RTL und Sat 1 jemals erfolgreich sein würden?

Nein, die hat damals keiner ernst genommen, es konnte sie ja kaum jemand empfangen. Der Durchbruch kam mit dem im Grunde ganz harmlosen "Tutti Frutti" von RTL. Helmut Thoma hat die negative PR dann geschickt genutzt.

Was verdanken wir dem Privatfernsehen?

Vor allem eine dynamische Sportberichterstattung. "ran" hat es vorgemacht, die ARD-Sportschau macht es heute nach. Und wichtige Impulse in Sachen Comedy. Das hat damals mit dem Comedy-Club bei Premiere angefangen. Leider ist das Privatfernsehen auf keinem anderen Gebiet so überzeugend wie bei der Comedy.

Helmut Thoma prahlte einst: "Wir haben eine neue Zielgruppe entdeckt: den Zuschauer."

Ach, es gab auch in den 60ern und 70ern massenwirksame Programme wie "Zum blauen Bock" und "Der goldene Schuss". Aber Untersuchungen zeigen, dass heute die jüngeren Leute durch alle Bildungsschichten hindurch eine stärkere emotionale Beziehung zu den Privaten haben. Dort gibt es die größeren Helden. Raab, Schmidt, Engelke. Bei ARD und ZDF sind Kerner, Beckmann oder Maischberger zu gesittet, selbst für den akademisch gebildeten Nachwuchs.

Was ist mit privaten Errungenschaften wie der ersten deutschen Daily Soap "Gute Zeiten, schlechte Zeiten", der ersten Nachmittags-Talkshow, Frühstücksfernsehen, Spätnachrichten...

Alles von den USA, Australien oder England übernommen. Auch ohne Privatfernsehen wäre das hier angekommen, nur später. Wir sind zu einem großen Kopierwerk der ausländischen Märkte geworden.

Haben Sie deshalb schon vor der Einführung gegen das Privatfernsehen gewettert?

Nein, das lag vor allem an denen, die es durchsetzen wollten. Das waren so merkwürdige Gestalten wie Helmut Kohl, sein Postminister Schwarz-Schilling und die Bosse der elektrotechnischen Industrie - alles Figuren, die mir damals nicht besonders nahe standen. Es hat sich ja später auch gezeigt, dass die deutsche Medienpolitik vor allem eines war: korrupt.

Warum war das Privatfernsehen notwendig?

Weil die öffentlich-rechtlichen Herren, und es waren ja nur Männer, furchtbar arrogant geworden waren - und behäbig. Die Intendanten benahmen sich in der Regel wie ostelbische Großgrundbesitzer, die am Tor ihres Anwesens lehnen und sagen: Scheucht dieses Gesindel weg.

Es gibt, sagen Sie, zu viele Sender - welche würden Sie streichen?

Wir haben einen ganzen Haufen "halbe Vollprogramme", also Vox, Kabel 1, RTL 2 und ProSieben. Programme, die nur als Teil dieser Senderfamilien Sinn machen. Und die Kirch-Familie ist ja untergegangen, aber die Sender sind noch da, als wäre nichts passiert. Auf der anderen Seite fehlen gut konzipierte Themenkanäle in den Feldern Dokumentationen, Geschichte, Entertainment. Es fehlt auch, trotz aller Anstrengungen von Georg Kofler, ein starkes Pay-TV.

Sollte man auch Sat 1 streichen, weil es Harald Schmidt nicht mehr gibt?

Nein, so wichtig ist er auch wieder nicht. Diese Nachrufe auf ihn waren ja völlig überdreht, da zeigt sich eher eine bedenkliche Führersehnsucht des deutschen Feuilletons. Nach der Entlassung von Sender-Chef Martin Hoffmann ist aber ganz unklar, wo Sat 1 hin will, und Haim Saban, der neue Besitzer der ProSiebenSat-1-Gruppe, hat kein erkennbares Konzept für die Senderfamilie - außerhalb der puren Renditesteigerung.

Weiter im Planspiel: Wenn Sie alles gestrichen haben, bleiben ARD, ZDF, Pay-TV und RTL.

Wenn hier ein Sender erst einmal gestartet ist, dann bleibt er in der Regel als Hülle, als Signet erhalten, ganz gleich, ob er noch wirklich Sinn macht. Das hat auch viel mit Standortpolitik, mit Subventionen, mit Blockaden für mögliche Mitbewerber zu tun. RTL hat ein anderes Problem: Der Sender ist inzwischen ökonomisch so zentral für Bertelsmann, dass in Gütersloh der ganze Konzern schwankt, wenn es mit RTL nicht mehr so rund läuft.

Sollten ARD und ZDF in Zeiten schwacher Konjunktur noch Werbekunden von den Privaten abziehen und damit das zweigleisige Rundfunksystem - gebührenfinanziertes öffentlich-rechtliches gegen werbefinanziertes privates Fernsehen - aufweichen?

Werbung bei ARD und ZDF spielt doch im ökonomischen Sinn keine Rolle mehr. Das ist ein symbolischer Akt, damit es weiterhin Kontakt zur Werbewirtschaft gibt. Die Briten haben das besser gelöst und Werbung bei der BBC herausgehalten. Als Gegenleistung fürs Werbemonopol mussten die Privaten zehn Prozent ihres Gewinns abgeben, und damit hat man den alternativen Sender Channel 4 finanziert, der deutlich mehr Publikum anzieht als bei uns Arte oder 3sat.

Haim Saban sagt, mit den Werbeeinnahmen von ARD und ZDF könnte man 20 neue Privatsender finanzieren.

Ich weiß nicht, wie er darauf kommt. ARD und ZDF verdienen pro Jahr 250 Millionen Euro mit TV-Werbung. Und die werden zum großen Teil wieder in die Produktion des Werberahmen-Programms gesteckt, eher ein Nullsummenspiel. Vielleicht hat Haim Saban ja die Luftblasen in seinem Whirlpool gezählt.

Interview: Alexander Kühn, Matthias Schmidt

print