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Interview mit "Shame"-Star Michael Fassbender "Natürlich kenne ich Exzess"


Michael Fassbender ist der neue Star in Hollywood. Der Deutsch-Ire liebt kantiges Kino. Sein neuer Film "Shame" handelt von Sexsucht. Mit stern.de sprach er über Nacktszenen, Exzess und was passiert, wenn er in eine Bar geht.
Von Sophie Albers

Sie haben gesagt, die Rolle des sexsüchtigen Brandon in "Shame" sei härter gewesen als Ihre Extrem-Abmagerung für das Gefängnisdrama "Hunger". Warum?
Weil Bobby Sands einen festen Glauben an die Sache hatte, für die er gekämpft hat. Da war etwas Positives in ihm. Brandon verabscheut sich selbst und bestraft sich dafür. Mit so jemandem zu leben, ist definitiv härter.

Scham scheint heutzutage ein altmodischer Begriff...
Scham ist ein Wort, das man immer wieder hört, wenn man mit Süchtigen im Entzug spricht. Es hat, denke ich, mit Kontrollverlust zu tun. Man schämt sich für das, was man getan hat, dafür, dass man in einer bestimmten Situation gelandet ist, dass man die Kontrolle so sehr verlieren konnte. Alles, was man denkt und tut, wird von der Sucht diktiert. Das ist bei einem Alkoholiker genauso: Die vergangene Nacht ist wie eine Diashow des Teufels. Und dann braucht er wieder eine halbe Flasche Schnaps, um überhaupt den Tag beginnen zu können. Da fühlt man Scham.

Hat Scham mit Schuld zu tun?
Scham und Schuld sind unterschiedliche Dinge. Interessanterweise existiert das Wort Schuld im Japanischen nicht, dafür aber Scham.

Wie kommen Sie da denn jetzt drauf?
Ich war mal mit einer Halbjapanerin zusammen. Die hat es mir erzählt (kichert).

Haben Sie sich bei den Nackt- und Sexszenen geschämt?
Nein, es war mir peinlich! Ich schäme mich, wenn ich jemandem Unrecht getan habe.

Wie schwer war es, sich so sehr auszuziehen?
Steve McQueen [der Regisseur] hat mir gesagt, was er braucht, hat die Kamera aufgestellt, und dann haben wir es hinter uns gebracht. 2008 hat er mir das erste Mal von dem Projekt erzählt. Ich hatte zwei Jahre Zeit, es mir selbst auszumalen, bevor er mir das Skript geschickt hat. Ich wusste, dass es um Sexsucht geht, wusste also, was da auf mich zukommt. Natürlich war es unangenehm, andererseits es gab so viel zu tun: Jede Sexszene war eine weitere Möglichkeit, dem Publikum diesen Charakter zu erklären: Wenn er sich mit Prostituierten trifft, hat er die Situation unter Kontrolle. Dann ist er mit seiner Kollegin im Bett, und als es intim wird, kriegt er keinen hoch. Das zeigt seine Geistesverfassung. Dann der Dreier, die Tiefe der Sucht, der Zwang, die Abscheu, die Einsamkeit. Darum musste ich mich kümmern, nicht um meine Nacktheit.

Kennen Sie selbst Exzess?
Ja, kenne ich. Sie doch auch, oder? Jeder neugierige Mensch kennt Exzess. Aber man muss sich bewusst sein, was man tut und warum, und was gesund ist. Im Leben geht es um Balance, und manchmal kippt es. Das kann mit allem passieren. Ja, ich rauche, ich trinke manchmal einen, und manchmal bin ich besessen von meiner Arbeit. Aber natürlich versuche ich, die Balance zu halten.

Wie weit gehen Sie für eine Rolle? Gibt es eine Grenze?
Ich bin neugierig, und ich will so viel wie möglich lernen. Jeder stirbt irgendwann, also kann ich es doch einfach ausprobieren. Aber es kommt natürlich auf die Geschichte an. Ich gucke mich nicht um und suche nach der nächsten Herausforderung. So ist es nicht. Als ich "Hunger" gemacht habe, bin ich zu einem Arzt gegangen und habe gefragt, wie viel Gewicht ich verlieren kann, ohne meine Organe zu schädigen. Und er meinte, das Gewicht von 58 Kilo sei die Grenze. Das war dann auch meine. Ich mache das alles in einem so sicher wie möglichen Rahmen.

Glauben Sie, unsere Gesellschaft ist pornografisiert, sexsüchtig?
Nicht unbedingt die ganze Gesellschaft, aber es gibt betroffene Menschen. Es ist ein Phänomen. Ich habe Leute getroffen, deren Leben davon bestimmt ist. Und wenn es real ist, muss man sich damit beschäftigen, darüber nachdenken. Ich habe keine Antworten, aber man muss Fragen stellen, darauf aufmerksam machen.

Ist man als Hollywoodstar mehr gefährdet?
Absolut. Darum geht es doch: Man hat Zugang zum Exzess. Wenn du in der öffentlichen Aufmerksamkeit stehst, kriegst du natürlich mehr Aufmerksamkeit, wenn du in eine Bar oder einen Club gehst. Wenn ich angesprochen werde, dann, weil ich bekannt bin, nicht weil ich so schön und charmant bin. Da muss ich mir nichts vormachen. Film- oder Musikgeschäft bedeutet immer auch Glamour und Verführung. Das macht vieles möglich. Aber ich habe auch ein paar Journalisten getroffen, die mir von Kollegen erzählten, die sexsüchtig sind. Es ist überall.

Gab es eigentlich einen Moment, als Sie begriffen haben, dass Sie ein Star sind?
Ich muss immer an dieses Interview mit Marlon Brando denken. Der hat gesagt: Es ist wie mit einem Hula-Hoop-Reifen. Jeder ist jetzt damit im Garten und schwingt die Hüften. Und dann ist es etwas anderes. Vielleicht kommt der Hula-Hoop noch mal wieder, aber wer weiß. Ich glaube, ich habe gerade den Gipfel erreicht. Gar nicht wegen der Aufmerksamkeit, sondern wegen der Möglichkeiten: Mit Steve haben ich einen Regisseur gefunden, mit dem ich zusammenarbeiten und etwas entwickeln möchte. Und dann bin ich plötzlich am Set mit Ridley Scott. Ich habe wirklich Glück! Ich bin mir bewusst, dass ich zu dem einen glücklichen Prozent von Schauspielern gehöre. Viele meiner Schauspieler-Freunde haben es wirklich schwer, denn wegen der Rezession gibt es weniger Jobs. Vor allem für Schauspieler, die man noch nicht kennt.

Zu den Möglichkeiten gehört auch, Mainstream- mit Independent-Kino zu mischen.
Ich gehe ja auch ins Kino und gucke mir gern mal einen Abenteuerfilm an. Und dann eben wieder einen Independent-Film wie "Snowtown". Außerdem macht es Spaß. Und um ehrlich zu sein: Studiofilme zu machen, ist eine riesige Chance. Ich spiele vor größerem Publikum, und ich habe gerade eine Produktionsfirma gegründet. Ich versuche, aus allem das Gute herauszuholen, zu lernen. Und es wäre ja wohl Schwachsinn gewesen, die Möglichkeit, mit Ridley Scott zu arbeiten, abzulehnen. "Bladerunner" ist einer meiner absoluten Lieblingsfilme. Als die Anfrage zu "X-Men" kam, habe ich gedacht: Der Charakter ist interessant, Mathew Vaughn ist ein interessanter Regisseur, der mit einem kommerziellen Thema gut umgehen kann. James McAvoy ist ein Schauspieler, den ich bewundere. All das zusammen ist das Risiko wert ist. Und es ist immer ein Risiko!

Ist das Hollywoodleben obszön?
Manchmal ist es schon verrückt. Du erinnerst dich an die Zeit, als du dir keine Klamotten leisten konntest, und jetzt, da du das Geld hast, bekommst du sie umsonst. Die Gefahr ist die Versuchung, dass du es magst und verführt wirst. Das kann deine Entscheidungen beeinflussen, was du als nächstes machst. Weil du die Bewunderung, die Popularität nicht verlieren willst. Warum laden die mich nicht mehr ein? Das ist ein gefährlicher Ort.

Herr Fassbender, wie entspannen Sie sich?
Gokart fahren!

Wie bitte?
Ja, ich finde das entspannend. So schnell wie möglich in eine Kurve gehen, ohne die Kontrolle zu verlieren. Das mag ich.


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