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Joko und Klaas Die Klassensprecher mit dem Hang zum Exzess


Ob "Circus HalliGalli"oder "Duell um die Welt": Joko und Klaas gelten als die Zukunft des deutschen Unterhaltungsfernsehens. Können sie diese Erwartung erfüllen? Prognosen und wohlmeinende Ratschläge.
Von Bernd Gäbler

Heute Abend wird es im Circus HalliGalli einen Streich geben, der etwas mit Fallschirmspringen zu tun. Angeblich ist in Jokos Miene "nackte Panik" zu erkennen, weil der Pilot sich soeben per Fallschirmsprung aus dem Flieger verabschiedet hat. So die Ankündigung. Mal sehen, ob der Gag zündet. Auf jeden Fall hat die Sendung sich inzwischen bei Pro Sieben gut etabliert, auch wenn der Marktanteil meist etwas schwächer ist als der von Stefan Raabs "TV-total".

Ob Joko und Klaas "neoparadise" moderiert haben, "MTVhome" oder jetzt eben "Circus HalliGalli" - konzeptionell ist ihr Auftreten eigentlich stets gleich: viel Quatsch mit Mutproben. Noch konzentrierter funktioniert dies in der etwas aufwändigeren Show "Duell um die Welt". Beide fahren in die Ferne, um dort zu ertragen, was der andere für sie an Herausforderung vorgesehen hat. Es kann peinlich sein, ziemlich doof oder auch schmerzhaft. Da müssen sie Boxschläge gegen den Kopf ertragen, sich von einer Astronauten-Zentrifuge herumschleudern lassen oder möglichst viele scharfe Chilischoten verputzen.

Quatsch mit Mutprobe

Circus HalliGalli ist demgegenüber etwas sanfter - es gibt auch Musik und Gespräche. Unbedingt aber soll hier Unterhaltung gegen den Strich des Konventionellen gebürstet werden. Also muss Tim Mälzer etwas möglichst Ekliges kochen, wird mit Heinz Strunk das Publikum beschimpft, gibt Marius Müller-Westernhagen nur immer wieder von sich, dass alle möglichst viel Sex haben sollen, wird fragenden kleinen Kindern Zotiges in den Mund gelegt. Auch hier fordern sich Joko und Klaas immer wieder gegenseitig heraus oder spielen sich Streiche. Einer muss den anderen zum Lachen bringen oder sie lesen sich Porno-Titel vor.

Auch Alkohol spielt immer wieder eine Rolle. Matthias Schweighöfer, mit dem Joko Winterscheidt über das Modelabel "German Garment" auch geschäftlich verbunden ist, kippte in einer Sendung zwölf Schnäpse weg. Da konnte auch der Jugendmedienschutz nicht mehr wegsehen. Ebenso schritt er ein, als Joko Winterscheidt im "Duell" der Mund zugenäht wurde und er so ein Lied singen sollte. So wie in "neoparadise" gerne mit Pups-Spray gearbeitet wurde, gibt es jetzt immer mal wieder Stimmverzerrungen. In der Rubrik "in vino veritas" stellt Klaas nächtens Betrunkenen Fragen zur Politik. Zum 25. Jubiläum des Mauerfalls lief es anders herum: Palina Rosijnski, Sidekick der Sendung, stellte als sturzbesoffene Interviewerin arglosen Passanten lallend Fragen.

Immer schön cool bleiben

Das alles, das Spielen mit dem Exzess, das permanente Verletzen ohnehin kaum noch existenter Tabus könnte furchtbar öde sein, hätten Joko und Klaas nicht tatsächlich Talent. Sie schaffen es, aus den Zuschauern eine Fan-Gemeinde zu formen und sie haben situatives Geschick. Eigentlich machen sie ja nichts anderes als eine deutsche, also etwas gebremste Version von "Jackass". Sie scheinen aber zu wissen, dass der Exzess nicht einfach immer weiter zu steigern ist. Dann landet man in der Ingo-Apelt-Falle, der am Ende auf der Bühne steht und eigentlich nur noch "Ficken, ficken" rufen kann. Joko und Klaas sind gewitzter, ironischer, spielen damit, tatsächlich ja doch nur zu spielen.

Egal, ob es um Ekel, Zoten, Drogen, Porno oder Schmerz geht – Joko und Klaas dürfen zwar ihr Empfinden zeigen, also losbrüllen oder einen Lachanfall bekommen, aber auf keinen Fall ihre Coolness verlieren. Sie sind also so wie viele Kids auch gerne wären: Noch steckt zwar viel Pubertäres in ihnen, aber sie stehen doch längst darüber. Deswegen sind die beiden Mitdreißiger zu Klassensprechern der Twenty-Somethings avanciert. Ach, wäre das ganze Leben doch eine schräge Klassenfahrt! Sie wissen zwar, dass dem nicht so ist, trauen sich aber immer noch das Abenteuer spielerisch auszukosten.

Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf sind bei der TV-Firma Endemol fest unter Vertrag und haben auch keine Scheu vor Werbung: "Giro sucht Hero!" hieß das Duell-Motto, unter dem sie für die Sparkassen junge Kunden köderten. Überraschenderweise gelingen Joko und Klaas im Circus HalliGalli immer wieder ganz ertragreiche Gespräche mit ihren Gästen, die alle - egal ob Koch oder Sänger, ob Cro oder Marteria, Müller-Westernhagen oder Heinz Strunk - zu ihrer imaginären Gemeinschaft der Insider gehören.

Haben Joko und Klaas als Duo eine Chance?

Beide sind ein eingespieltes, man könnte auch sagen, ein etwas eingefahrenes Team wie Pat und Patachon. Der lange Joko gibt den schlaksigen, eher ungeschickten Leuchtturm, Klaas ist der wendige Kleine, der immer auch ein wenig cleverer wirkt. Darin liegt ihre aktuelle Stärke und ein zukünftiges Problem. So wie sie jetzt sind, sind Joko und Klaas die Idole einer bestimmten Alterskohorte. Um ins ganz große Fernsehen aufzusteigen, müssten sie witzig bleiben, aber doch erwachsener werden.

Als Duo wirken sie dafür zu festgelegt. Wobei Joko stärker auf Klaas als Gegenpart angewiesen ist als umgekehrt. Es ist wohl auch kein Zufall, dass beide sich nebenbei immer wieder als Solisten versuchen. Im Jahr 2011 durfte Joko Winterscheidt an der Seite von Ina Müller die Echoverleihung moderieren. Rasch ließ er sich in die ungünstige Rolle manövrieren, nur deren Zoten wenigstens etwas einzuhegen. Klaas Heufer-Umlauf dagegen ist in jeder Talkshow ein netter, unterhaltsamer Gast. Selbst bei Harald Schmidt hat er das geschafft. Auf der diesjährigen Grimme-Preisverleihung profilierte er sich überdies als einfühlsamer Blues-Sänger. In Interviews erklärt er glaubwürdig, dass er sofort als Krankenpfleger arbeiten würde, wenn es mit dem Fernsehen nicht klappen sollte. Diese Demut vertritt er glaubhaft. Die große Eröffnungsrunde der Münchener Medientage hat er gut vorbereitet und mit einem angemessenen Portiönchen Provokation bestritten, ebenso hat er in diesem Jahr das Branchentreffen der Werbeindustrie moderiert.

Obwohl Klaas Heufer-Umlauf der gelernte Friseur ist, während Joko Winterscheidt bei der Produktionsfirma "Me, Myself & Eye" Praktikum, Volontariat und Redakteursstelle durchlief, wirkt Klaas etwas cleverer, ja intellektueller. Und das steht ihm gut. Hier ist eine unterhaltsame Vielseitigkeit zu erahnen.

Die Prognose: Wenn einer aus der Schar der jüngeren Stars das Zeug dazu hat, eine ganz große TV-Karriere zu machen, dann ist das Klaas Heufer-Umlauf. Die Zukunft der TV-Unterhaltung wird er aber nicht im Duo mit Joko entscheidend mitprägen, sondern als facettenreicher Entertainer, der auch singen kann und Interviews führen, plaudern und schräge Einspielfilme herstellen.

Der Ratschlag

: Ohne als Verräter an der gemeinsamen Sache dazustehen, wird sich Klaas allmählich von Joko und dem etwas eingefahrenen Rollenspiel lösen müssen. Er muss einen eigenen Weg suchen und dazu vermutlich auch das Endemol-Universum hinter sich lassen.


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