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stern-Kolumne "Winnemuth" Exzess im Korsett

Holi: Menschen bewerfen sich mit Farbpulver, hey, so wie in Indien! Hunde machen Yoga. Okay! Aber sind wir wirklich so locker, wie wir glauben?
Von Meike Winnemuth

Seit einigen Monaten wirbt der Fachverband Außenwerbung e. V. per Außenwerbung für Außenwerbung, und zwar mit einer Motivserie, die trotz des Slogans "Außenwerbung trifft. Jeden" sauber an der Mehrheit vorbeizielen dürfte: Gut aussehende, sparsam bekleidete Menschen werden mit neonfarbenen Staubwolken beschossen und sehen danach immer noch gut aus. Sehr dekorativ, keine Frage, aber was soll das?

Jüngere verdrehen an dieser Stelle genervt die Augen: Das ist Holi, Mann! Holi, das neue Ding, der heiße Trend, die Riesensause. Zehntausende treffen sich an Sommerwochenenden auf Holi-Festivals, um sich für teuer Geld gegenseitig mit Farbpulver zu beschmeißen ("Holi-Colour-Paket" inklusive fünf Farbbeuteln 24,99 Euro). Das ist irgendwie indisch, Alter, und hat mit Gleichheit oder so zu tun, ist aber auf jeden Fall wild und bunt und eine Riesensauerei und ergibt erstklassige Handyfotos. Passenderweise wirbt Sony für sein neues Handy ebenfalls mit einer kunterbunten Holi-Szene, die eingebettet ist in andere kunterbunte Momente der Menschheit wie die Mondlandung und den Mauerfall.

Wie immer bei Kulturimporten ist es ziemlich egal, ob dieser Trend irgendwas mit der ursprünglichen Bedeutung zu tun hat. (Hat er selbstverständlich nicht, eigentlich geht es um ein hinduistisches Fest, das den Sieg des Guten über das Böse feiert und in einer Vollmondnacht des Monats Phalguna das Frühjahr einleitet - dieses Jahr am 27. März, ärgerlich früh für "Events" auf deutschem Boden.)

Natürlich spricht nicht das Geringste gegen Spaß und Bier und Bollywood-Pop und Mango-Lassi, also auch nichts gegen diese neueste Stufe des Spiritualität-light-Trends, der längst bei Yoga für Hunde und 99-Sekunden-Meditationen fürs Handy angekommen ist. Schon immer hat man sich fremde Rituale zu eigenen gemacht, ob nun Muttertag oder Adventskranz, der ja auch bei Katholiken lustig brennt.

Aber auffällig ist, dass man neuerdings quasi nur noch nach Anleitung und mit festgelegten Regeln feiern kann. Alle größeren Partytrends der letzten Zeit, angefangen von unsäglichen Junggesellinnenabschieden - marodierenden Frauenbanden mit identischen T-Shirts, identischen Playboybunny-Öhrchen und identischem Alkoholpegel - bis zu den rührenden Versuchen, auf Abi-Bällen amerikanische Highschoolfilme nachzuspielen, sind strikt nach Drehbuch zu absolvierende Exerzitien mit garantierter Spaßfreiheit.

Am Morgen die Beschwerden

Jeder Exzess wird sorgfältig choreografiert und ist nur echt mit im einschlägigen Versandhandel zu beziehenden Accessoires. Zeitgenössisches Vergnügen braucht ein strammes Korsett. Auch bei Holi-Festivals wird brav einem Countdown gefolgt, damit alle gleichzeitig das Farbpulver werfen, sich dann zackig wieder in die Schlange vor den Verkaufsständen einordnen und die nächste Ladung erstehen für zwei Euro den Beutel. Insofern ist die hiesige Holi-Variante ja doch authentisch: Auch in Indien ist Erlösung nicht für lau zu haben, wie jeder Tourist weiß, dem schon mal ein Mönch segnend einen roten Tika-Punkt auf die Stirn gedrückt hat - anschließend hält dieser sofort die Hand auf.

Tags nach der Feier, auch das inzwischen ein festes Ritual, beschwert man sich via Facebook bei den Veranstaltern, dass sich das Farbpulver ja so schwer wieder auswasche und in blondierten Haaren sehr unschöne Magenta- oder Blautöne hinterlasse. Geht doch nicht! Spurlos muss der Spaß sein, schließlich muss man am Montag ja wieder ins Büro. Hier und da wird mit Klagen gedroht, und da wird es dann plötzlich wieder: sehr deutsch.


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