INTERVIEW MIT WERNER HERZOG »Meinen Jähzorn habe ich im Griff«


Er gilt als einer der ganz großen deutschen Regisseure. US-Schauspieler stehen Schlange, um mit ihm filmen zu dürfen. Im STERN-Interview spricht Werner Herzog über Abenteuer, Hollywood und Hypnose.

Herr Herzog, über Ihren 30 Jahre alten Film »Aguirre, der Zorn Gottes« sagen Sie: »Ich schrieb das Drehbuch in zweieinhalb Tagen, während ich mit meinem Fußballverein unterwegs war und alle um mich herum betrunken waren und obszöne Lieder sangen.« Können Sie heute noch so arbeiten?

Ich tippte das Buch fast vollständig mit der linken Hand, weil ich mit der rechten unseren betrunkenen Torwart abwehren musste, der sich schließlich doch über einen Teil der Seiten erbrach. Ich muss mich zum Schreiben nicht für Monate auf eine Almhütte zurückziehen, weil ich ein Drehbuch immer erst dann anfange, wenn der gesamte Film sichtbar vor mir abläuft. Für »Invincible« habe ich acht Tage gebraucht.

Ihr neuer Film erzählt die Geschichte des jüdischen Schmiedegesellen Zishe Breitbart, der zum Entsetzen der Nazis 1932 als »Stärkster Mann der Welt« Furore in Berlin macht.

Breitbart war sehr stolz auf sein Jüdischsein und ließ sich als neuer Samson feiern. Für die Nazis war es natürlich ein Skandal, dass nicht ein arischer Siegfried der stärkste Mann der Welt war, sondern ausgerechnet ein Jude aus Ostpolen.

Empfanden Sie es als moralische Pflicht, sich einmal mit dem deutsch-jüdischen Thema auseinander zu setzen?

Thesenhafte Problemaufarbeitungsfilme stauben einem doch schon bei den Ohren heraus! Das Fatale ist die Erwartung vieler Zuschauer, dass ein Film mit Juden und Nazis nur ein völliger Downer sein kann. Dabei ist »Invincible« eine vitale, spannende Kinogeschichte.

Ihr Held wird von einem finnischen Laiendarsteller namens Jouko Ahola gespielt.

Vorsicht mit diesem hässlichen Begriff »Laie«! Bei »Sissi« ist die Hauptdarstellerin auch Laiin. Romy Schneider stand vorher nur ein-, zweimal vor einer Kamera. Bei der Auswahl von Ahola ging es mir ausschließlich um Glaubwürdigkeit. Wenn Sie den stärksten Mann seiner Zeit von einem Hollywood-Star spielen lassen, der sich im Aerobic-Studio ein paar Muskeln antrainiert hat, ist das nur lächerlich. Ein aufgedunsener Typ wie Sylvester Stallone ist ja nicht wirklich stark.

Wie sind Sie auf Ahola gestoßen?

Ich habe bei Strongman-Wettbewerben an die hundert Kandidaten ins Visier genommen. Ahola stach heraus, weil man sofort sieht, was für ein außergewöhnlich lieber Junge das ist. Deshalb sind weibliche Zuschauer von ihm so angetan. Der Zufall wollte es, dass er zur Zeit des Drehs tatsächlich amtierender stärkster Mann der Welt war, schon zum zweiten Mal.

Im Film hebt er 900 Pfund. Ist das gestellt?

Nein. Der kann auch 1000 Pfund schwere Wackersteine heben, aber dann ist die Gefahr zu groß, dass er durch die wahnwitzige Anstrengung Nasenbluten bekommt.

Tim Roth, gerade mit »Planet der Affen« in den Kinos, spielt den Magier Hanussen. Warum haben Sie Ihrem Star das Hypnotisieren beigebracht?

Weil ich eine nie vorher gesehene Intensität von ihm wollte. Die Schauspielerin, die er im Film hypnotisiert, fiel tatsächlich in Trance. Unser Kameramann auch. Als sein Kopf wegsank, erwischte ich ihn gerade noch am Haarbüschel.

Ist Hypnose schwer zu lernen?

Jeder Depp kann das. Der Hypnotiseur braucht nur natürliche Autorität und eine gewisse Intensität der Suggestion.

Haben Sie Macht über den Hypnotisierten?

Das ist eine Mystifizierung von Variet?stars und Schaustellern. Wenn Sie sich gegen eine Hypnose wehren, funktioniert sie nicht. Leute lügen unter Hypnose, und es ist auch nicht möglich, ihnen einen Mordbefehl zu erteilen. Der Kern des Charakters ist unantastbar.

Ihr 28-jähriger Sohn Rudolf führt in »Invincible« einen verblüffenden Kartentrick vor. Haben Sie ihn auch hypnotisiert?

Er übt seit seinem neunten Lebensjahr vier, fünf Stunden am Tag und ist heute in seiner Altersgruppe einer der besten Zauberer der Welt. Für den Kartentrick im Film brauchen Sie zehn Jahre Training.

Ihr Budget betrug 14 Millionen Mark. Wie konnten Sie Roth und den Oscar-dekorierten Komponisten Hans Zimmer bezahlen?

Roth arbeitete für eine Discount-Gage, und Hans Zimmer, der pro Hollywood-film rund anderthalb Millionen Dollar kassiert, hat mir nicht nur seine Musik geschenkt, sondern auch Chor und Orchester aus eigener Tasche bezahlt.

Hält er Sie für bedürftig?

Als Zimmer 1982 »Fitzcarraldo« sah, änderte er sein Leben. Er sagte mir: »Ich dachte damals, wenn es da draußen einen gibt, der solchen Mut zu seinen Träumen hat, muss ich den auch haben.« Er verließ seine Gruppe Buggles und zog in ein Schmuddelmotel in Hollywood, um als Filmkomponist anzufangen.

In Deutschland gelten Sie vielen als gestrig, in Hollywood wollen Stars wie Sean Penn, Harrison Ford und Jack Nicholson mit Ihnen arbeiten. Wie erklären Sie das?

Ein Teil von Hollywood bewegt sich seit einiger Zeit auf mich zu. Bei Stars und Spezialeffekten ist Hollywood unschlagbar, aber das Geschichtenerzählen ist katastrophal verarmt. Wegen dieses Vakuums werde ich stärker wahrgenommen. Vor kurzem erschien mein »Nosferatu« in den USA auf Video und DVD, er hat sich in wenigen Wochen 300 000 Mal verkauft.

Sie sind als einziger Deutscher zur Biennale nach Venedig eingeladen. Sind Sie mit Ihren 59 so gut oder die Jüngeren so schlecht?

Ach was, die Einladungspolitik hat bizarre Gesetze, denen nachzuforschen sinnlos ist. Jedes Jahr sind die Besucher in Cannes und Venedig entsetzt, wie viel Schrott dort läuft. Die Auswahl folgt Trends, und der deutsche Film ist derzeit einfach nicht en vogue. Ein Grund dafür ist, dass in Deutschland hauptsächlich Komödien reüssieren, über die in Mexiko oder Usbekistan niemand je gelacht hat.

Sie sind tätowiert: Auf Ihrem rechten Oberarm prangt ein apfelgroßer Totenschädel, der in ein Mikrofon schreit, auf dem ZDF steht.

Der Totenkopf schreit nicht, der singt. Das ist der Tod, der singt. Und ZDF steht da, weil ich mich mit dem Sender rumplagte.

In welcher Laune haben Sie sich Ihr Tattoo machen lassen?

Mit 36 habe ich einen Freund zum Tätowierer begleitet. Das war Paul Getty, den sie entführt und dem sie ein Ohr abgeschnitten haben. Sein Tattoo faszinierte mich so, dass ich mir geschwind auch eins machen ließ.

Sie stehen im Ruf, der Rüdiger Nehberg der Filmemacher zu sein. Kitzelt es Sie, unter Lebensgefahr zu drehen?

Vorsicht! Dieser Regenwürmer essende Nehberg ist für mich ein Schimpfwort. Wahr ist, ich habe unter Bedingungen gearbeitet, die niemand auf sich nehmen würde. Kein anderer hätte einen 340 Tonnen schweren Dampfer von 1000 Eingeborenen über einen Berg im Amazonas-Urwald schleppen lassen, und niemand sonst hätte am Cerro Torre in Patagonien bei 30 Grad unter Null und 200 Stundenkilometer Windgeschwindigkeit gedreht. Aber ich mache das nicht, um meine Grenzen zu erforschen oder bei einem Survival-Training für Todesmutige Bravado zu zeigen. Auf dem Trip war ich nie.

Der Bergsteiger Reinhold Messner sagt über seinen Hang zu lebensgefährlichen Unternehmungen: »In den Momenten, in denen wir zu sterben scheinen, werden wir wie neugeboren.«

Durch Schwierigkeitsrekorde zu ungeahnter Daseins-Intensität zu gelangen ist mir zuwider. Diese Pseudo-Abenteurer sind ein widerwärtiges Pack, ein Erkrankungszustand unserer Zivilisation. Das ist so ausgestorben und lächerlich wie Männer, die sich im Morgengrauen zum Pistolenduell auf der Wiese treffen. Der Wettlauf zum Nord- und Südpol war das letzte Aufbäumen dieser Unsinnigkeit. Heute können Sie bei Neckermann einen Abenteuerurlaub bei den Kannibalen und Kopfjägern auf Neuguinea buchen. Da wird mir schlecht. Damit habe ich nichts zu tun.

Als Kind waren Sie so jähzornig, dass Sie Ihren Bruder mit einem Messer niederstachen. Heute erscheinen Sie meist als scheuer Schweiger.

Ich habe meinen Jähzorn mit großer Anstrengung in den Griff bekommen. Die Stürme, die in mir toben, sieht man von außen nicht mehr. Dass ich zu 98 Prozent aus Selbstdisziplin bestehe, ist für mich simple Überlebensnotwendigkeit. Von Fußballern wird verlangt, dass sie vor laufender Kamera Emotionen zeigen, weil ja inzwischen der jubelnde Torschütze dreimal so lang gezeigt wird wie das Tor selber. Ich halte die Entblößung von Emotionen in der Öffentlichkeit für einen großen Irrtum und werde daran nicht teilnehmen.

Explodieren Sie während der Arbeit?

Da bin ich noch bedächtiger und leiser. Bei meinen 45 Filmen gab es nie ein lautes Wort von mir. Da wird gearbeitet wie bei Chirurgen im Operationssaal.

Wird man nicht krank, wenn man seinen Zorn nach innen kehrt?

Das muss Ihnen nicht schlaflose Nächte bereiten.

Sie sind ein manischer Geher, der schon mal Deutschland zu Fuß umrundet hat. Was bedeutet Ihr Satz: »Das Wissen kommt von den Sohlen«?

Zu Fuß gehen ist eine intensive Existenzform. Wenn ich um die Hand einer Frau anhalten will, würde ich nicht im Flugzeug zu ihr reisen, sondern zu Fuß. Anthropologisch sind wir Nomaden, deshalb ist es ungesund, wenn man nicht auch zu Fuß geht. Ich meine nicht Joggen, diese große Peinlichkeit unserer Zivilisation, sondern »travelling on foot«. Mein großer Freund in diesem Sinne ist Bruce Chatwin. Er war begeistert von meiner Maxime: »Tourismus ist Sünde, zu Fuß gehen Tugend.«

Sind Sie bei Trost, wenn Sie sagen: »Blind sein wäre für mich nicht ganz so schlimm wie ein Bein verlieren.«?

Ich bin als Regisseur auf der Höhe, wenn die Arbeit physisch ist. Auf einem Vulkan, der explodieren kann, funktioniere ich viel besser als in der geordneten Atmosphäre eines Studios, wo die Beleuchter genau um fünf den Strom abschalten, weil keine Überstunden vereinbart wurden.

Wieso behaupten Sie, es sei die Regel, »dass Filmemacher alle verkommen und kein gutes Ende nehmen«?

Wer als Illusionist arbeitet, hat gute Chancen, zu einer Lächerlichkeit zu verkommen. Nehmen Sie ein Filmlexikon zur Hand und schauen Sie, welches Ende selbst die Stärksten genommen haben. Orson Welles war nach drei Filmen nur noch ein fettleibiger, unausstehlicher Partykönig. Ich will es mal auf Bayerisch sagen: Man wird schnell ein Kasperl, wenn man nicht Acht gibt. Ich versuche, dem zu entgehen, indem ich Opern inszeniere und Prosa schreibe.

1975 prophezeiten Sie, dass ein »dämliches, banales Ende« auf Sie wartet: »Ein Schwachkopf wird mich ermorden.«

Damals waren klinisch Wahnsinnige methodisch hinter mir her. Ein Verrückter hechtete morgens um vier mit einem Wagenheber bewaffnet durch mein Küchenfenster. Eine Irre war der festen Ansicht, ich plane mit der Twentieth Century Fox einen Vernichtungsfeldzug gegen sie. Während sie mir gegenüber saß, nestelte sie plötzlich in ihrer Handtasche rum. Obwohl ich wirklich ein höflicher Mensch bin, entriss ich ihr die Tasche. Da war eine geladene Pistole drin, und es stellte sich raus, dass sie acht Jahre vorher jemanden totgeschossen hat, der angeblich eine ähnliche Verschwörung gegen sie angezettelt hatte. Das ist einer der Gründe, warum ich mich seither so selten zeige. Kaum jemand kennt meine Telefonnummer oder weiß, wo ich in San Francisco wohne.

Wissen Sie heute, wie Sie sterben werden?

Im Prinzip ja. Aber es gehört sich nicht, darüber in der Öffentlichkeit zu reden.

Nach »Cobra Verde«, Ihrem letzten Film mit Klaus Kinski, sagten Sie: »Es ist aus jetzt. Ich wünsche Kinski nichts Schlechtes, nur den Tod.«

Ein schöner Satz. Der Tod war nicht als Strafe gedacht. Ich sah voraus, dass Kinski sich immer mehr in völlige Isolation bringen würde. Das wäre ganz elendlich gewesen, wenn seine Existenz noch weitere 20 Jahre gehabt hätte.

In welchem Moment erreichte Sie die Nachricht von Kinskis Herztod?

Während einer Opernprobe in Sizilien kam ein Sänger zu mir und sagte: »Wie arg, dass der Kinski gestorben ist.« Für mich war das nur Gesage. Die Realität seines Todes habe ich erst Monate später verstanden, als mich seine Frau zur Totenfeier einlud. Weil er nicht begraben werden wollte, fuhren wir mit einem Schiff von San Francisco aufs offene Meer. Als ich zwei Hände voll von seiner Asche ins Wasser warf, ging ein Stich durch mich: »Jetzt ist er wirklich tot!«

Ihr Nachname ist Stipetic. Warum nennen Sie sich seit Ihrem 15. Lebensjahr Herzog?

Fragen Sie das Duke Ellington, Count Basie oder King Vidor.

Interview: Sven Michaelsen


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